Keine Atom-Renaissance

11. Juli 2006, 09:57
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Der grüne OÖ-Landesrat Rudi Anschober will den Bund als Antreiber für den Atomausstieg - ein Interview

Standard: Welche Lehren hat die Politik aus dem Super-GAU in Tschernobyl gezogen?

Anschober: Der Reaktorunfall stürzte die Atomindustrie 1986 schwer in die Krise. Der Atomausbau stagnierte. Jetzt versucht die Atomwirtschaft mit Lügen und Unwahrheiten ein Comeback der Kernenergie herbeizureden. Von einer Renaissance würde ich aber grundsätzlich nicht sprechen - wenn es sie gibt, dann in den Köpfen entscheidender Politiker. Die österreichische Bundesregierung muss deshalb die EU-Ratspräsidentschaft nutzen und Initiativen dagegen setzen, denn die nächsten Monate werden über die zukünftige Energiepolitik der EU langfristig entscheiden.

Standard: Was sind das für Initiativen?

Anschober: Bisher hat es die Regierung fahrlässig verschlafen, die einmalige Chance des Ratsvorsitzes für eine Anti-Atom-Offensive zu nutzen. Österreich muss zum Motor einer Anti-Atom-Politik der schweigenden Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten ohne Atomkraft beziehungsweise mit Ausstiegsbeschlüssen werden. Dabei sollte Wien jetzt für die Revision des Euratom-Vertrags nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten eintreten und die beantragte Erhöhung des Euratom-Kreditrahmens um zwei Milliarden Euro verhindern. Drittens muss Wien für einen Stopp der Milliardensubventionen für die Atomwirtschaft eintreten.

Der Gipfel ist aber - und das ist ein Riesenskandal - die Zustimmung der Bundesregierung zur Verdreifachung der Atomforschungsgelder. Bleibt es dabei, dann wäre das die Bankrotterklärung für die Anti-Atom-Politik der Bundesregierung. Österreich muss endlich in der EU die Antreiberrolle beim Atomausstieg übernehmen.

Standard: Die Großmächte Russland und China planen den Bau weiterer Meiler. In den nächsten Jahrzehnten sollen mehr als 40 Reaktoren gebaut werden.

Anschober: Ich rate jedem Entscheidungsträger, der für das - wie Tschernobyl zeigt - Verbrechen Atomenergie eintritt, nur ein paar Stunden in der Geisterstadt Pripjat zu verbringen. Dort bekommt er vor Augen geführt, wozu diese Menschen verachtende Technik fähig ist. (Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

Zur Person

Rudi Anschober (46) ist seit 2003 grüner Umweltlandesrat in einer Koalitionsregierung mit der ÖVP in Oberösterreich. Anlässlich des 20. Jahrestages von Tschernobyl besuchte er den Unglücksort
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    foto: rubra
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