Opferzahlen bleiben ungewiss

11. Juli 2006, 09:57
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Strahlenexperte: Quantifizierung des Leids wird nie möglich sein

Sind 4000 Menschen an den Folgen von Tschernobyl gestorben beziehungsweise werden noch sterben? Oder sind es 30.000 bis 60.000?

Untersuchungen darüber kommen immer wieder zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen, führen zu hitzigen Debatten. Dabei wird eine entscheidende Frage selten gestellt: Kann man die Folgen überhaupt quantifizieren?

Verengte Sicht

Die im September kolportierte und heftig kritisierte Opferzahl von nur 4000 Menschen, die eine Studie des "Tschernobyl Forums" im Auftrag der WHO, UNO und den Regierungen von Belarus, Russland und Ukraine eruiert haben soll, ist jedenfalls definitiv falsch. Denn diese Zahl bezieht sich nur auf jene rund 600.000 Menschen, die im stärksten verstrahlten Gebiet im Umkreis von einigen hundert Kilometern rund um den Reaktor gelebt haben beziehungsweise noch leben.

Der vollständige Bericht berücksichtigt jedoch auch weitere 6,8 Millionen Menschen in entfernteren Gegenden die einer viel geringeren Strahlendosis ausgesetzt waren. Für diese attestiert die Studie weitere 5000 Tote. In Summe befürchtet der UN-Bericht also zumindest 9000 Opfer.

Allein - sowohl in der 50-seitigen Zusammenfassung des Reports als auch im begleitenden Pressetext, und nur diese beiden Unterlagen wurden öffentlich diskutiert, war lediglich von 4000 Toten in der Kernzone die Rede, die dann fälschlicherweise zur Gesamtopferzahl gemacht wurden. Warum, ist unklar.

Dennoch: Zum Ergebnis der Studie im Auftrag der europäischen Grünen und der deutschen Altner-Combecher-Stiftung für Ökologie und Frieden, als Reaktion auf den UN-Bericht vor einem Monat veröffentlicht, klafft eine Lücke. Denn "The Other Report on Chernobyl" (TORCH) geht von insgesamt 30.000 bis 60.000 durch den GAU verursachten Todesfällen aus - 1700 allein in Österreich. Wer hat Recht?

Unterschiedliche Daten

"Vielleicht beide", antwortet Norbert Vana von der TU Wien, "wenngleich ich die 1700 Tote in Österreich nicht nachvollziehen kann." Der Strahlenexperte des Atominstituts der österreichischen Universitäten erklärt das Dilemma mit unterschiedlichen Ausgangsdaten und Studiendesigns: "Was rechne ich ein?"

Von 570 Millionen Menschen im damaligen Europa, starben oder sterben etwa 25 Prozent an Krebs - gut 140 Millionen. Jene zu errechnen, die wegen des GAUs Krebs bekamen oder bekommen, ist unmöglich. Dazu ist die Gesamtzahl der Tschernobyl-Opfer zu klein, selbst bei düsterster Prognose des TORCH.

Datenmangel

Ausgangspunkte für die Berechnung bleiben somit nur die Anzahl der direkt Betroffenen und die Strahlenbelastung, der sie ausgesetzt waren. Doch allein die Angaben über die Zahl der Liquidatoren variiere laut Vana um 100.000 und mehr. Und da damals nicht jeder einen Dosimeter bekam und auch nicht überall gemessen wurde, gebe es auch bei der Strahlenbelastung Unterschiede. Für ukrainische Umgesiedelte nach dem GAU etwa wurde für den Sommer 1986 ein Mittelwert von 17 Milli-Sievert (mSv) errechnet - mit einer Schwankungsbreite von 0,1 bis 380 mSv. Die natürliche globale Strahlenbelastung des Menschen liegt im Schnitt bei etwa 2,5 mSv, variiert regional jedoch zwischen einem und einigen Dutzend.

Welche Werte also annehmen und vor allem: mit welchen Krebsstatistiken vergleichen? Einige Untersuchungen weisen erhöhte Wert aus, andere nicht. Lügt hier jemand? "Nein", sagt Vana, "einige Studien haben als Vergleichswert die Krebsinzidenz der britischen, andere die der schwedischen Bevölkerung, wieder andere beziehen sich auf spärliche Statistiken etwa der Ukraine vor 1986 und rechnen inzwischen vermehrte Untersuchungen nicht heraus."

Man werde "die Folgen nie objektiv beziffern können." Und, ergänzt Vana: "Was ist mit den Menschen, die nach der Katastrophe ihre sozialen Netze verloren haben, die heute voller Angst in betroffenen Gebieten leben? Einige tödliche Krankheiten sind psychosomatisch. Die sterben, sind aber nicht verstrahlt - Tschernobyl-Opfer oder nicht?" (Andreas Feiertag, DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

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