Atomindustrie wittert Morgenluft

11. Juli 2006, 09:57
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Hohe Ölpreise und die steigende Abhängigkeit von wenigen Lieferanten haben die Diskussion um die Atomkraft beflügelt

Als hätte es Tschernobyl nie gegeben: 20 Jahre nach dem folgenschwersten Unfall in der Geschichte der Atomkraft werden auch in Europa wieder Stimmen laut, die der Kernenergie einen größeren Stellenwert einräumen möchten - zur Freude der Atomindustrie, die seit Langem auf leeren Auftragsbüchern sitzt.

So hat erst im vergangenen Herbst der britische Premier Tony Blair von einem "fieberhaften Umdenken" gesprochen, das im Gange sei, weil sich die Welt verändert habe. Zum einen stiegen die Preise für Öl und Gas, zum anderen sei die Versorgung mit diesen Energieformen bedroht. Blair hat zwar nicht dezidiert das Wort Atomkraft in den Mund genommen, aber die wenigsten zweifeln, dass der Premierminister die Weichen bereits gestellt hat und auf Kernreaktoren setzt.

Abhängigkeit

Auch EU-Energiekommissar Andris Piebalgs glaubt, dass Europa auf mittlere Sicht an der Atomkraft nicht vorbei kann. Die Wasserkraft sei für viele Länder keine Option, da nicht ausreichend vorhanden; Kohlekraftwerke hätten den Nachteil, über entweichendes CO2 das Klima zu schädigen. Bei Öl- und Gas-befeuerten Kraftwerken komme noch hinzu, dass die Betreiber derselben von einigen wenigen Lieferländern abhängig seien.

Bis zu einem gewissen Grad könnten regenerative Energien wie Biomasse, Windkraft oder Fotovoltaik die Lücke füllen, die sich angesichts des ständig steigenden Stromverbrauchs und der bevorstehenden Schließung vieler in die Jahre gekommener Kraftwerke auftut. Den Rest müssten Atomkraftwerke beisteuern.

EU: Ein Drittel Kernkraft

Der Atomenergie-Anteil an der gesamten Stromerzeugung liegt weltweit bei etwa 16 Prozent, in der EU bei knapp einem Drittel. Der Bogen spannt sich von Ländern wie Frankreich, Litauen und Schweden mit deutlich über 80 Prozent, die Schweiz mit gut 40 und Deutschland mit 30 Prozent zu "atomkraftfreien" Ländern wie Dänemark, Italien, Portugal, Polen und Österreich.

In Deutschland wird zwar am beschlossenen Ausstieg aus der Atomkraft festgehalten; allerdings gibt es heftige Diskussionen, bestehende Atommeiler länger als beabsichtigt am Netz zu lassen. In Ungarn hat die Regierung erst kürzlich grünes Licht für die Verlängerung der Lebenszeit des AKW Paks gegeben.

Nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEA) waren Ende des Vorjahres weltweit 443 AKWs in Betrieb, 27 Atommeiler sind derzeit im Bau, darunter Olkiluoto in Finnland. Der im Jänner 2002 erfolgte Beschluss zum Bau von Olkiluoto-3 wurde von vielen als Tabubruch betrachtet. Das AKW soll 2009 Strom liefern.

"Sackgasse"

Es gibt auch viele mahnende Stimmen. Der deutsche Wissenschaftler Werner Zittel etwa ist überzeugt, dass Kernenergie mittel- bis langfristig in die Sackgasse führt. Bis 2030 müssten 80 bis 90 Prozent der derzeit in Betrieb befindlichen Reaktoren vom Netz, weil sie am Ende ihrer Lebensdauer angelangt sind. Somit müssten in den nächsten 25 Jahren etwa 400 AKWs gebaut werden, um das derzeitige Niveau zu halten. "Das geht sich schon wegen der langen Vorlaufzeiten nicht aus", sagte Zittel dem STANDARD.

Neben allen Sicherheitsproblemen komme noch hinzu, dass auch Uran, wie im Übrigen Öl, Gas und Kohle, nur begrenzt zur Verfügung stünden. (Günther Strobl, DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

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