Anfang und Ende des "Musterkraftwerks"

11. Juli 2006, 09:57
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Erst einen Monat nach dem GAU wurden Jodpräparate an die Bevölkerung verteilt

1978: Der erste Block des KKW Tschernobyl geht ans Netz. Tschernobyl gilt in der UdSSR als Musteranlage.

1983: Der "Unglücksreaktor" IV geht ans Netz.

26. April 1986, 1.23 Uhr: Im Block IV beginnt ein Test des Kühlwassersystems. 40 Sekunden später baut sich durch einen Bedienungsfehler eine nukleare Kettenreaktion auf, die durch nichts mehr zu stoppen ist. Der Reaktor explodiert und gerät in Brand. Gewaltige Mengen Radioaktivität, rund 200-mal so viel wie bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, gelangen in die Umwelt. In der drei Kilometer entfernten Stadt Pripjat leben zu dieser Zeit 45.000 Menschen, davon 16.000 Kinder. Sie genießen nach Tagesanbruch den ersten warmen Sonntag des Frühlings.

26. April bis 4. Mai 1986: Die größte Menge an Radioaktivität wurde in den ersten zehn Tagen freigesetzt. Es herrschte zunächst Nord- und Nordwestwind. Jahreszeitlich bedingt gab es häufige, aber lokal begrenzte Schauer. So kommt es zu einer regional und lokal ganz unterschiedlichen Verteilung der Radioaktivität. 27. April 1986: Die Bewohner der Kraftwerkssiedlung Pripjat werden weggebracht. Über das katastrophale Unglück und die Gefahren gibt es keine Meldungen.

28. April 1986, 21 Uhr: Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS teilt mit, dass es im Kernkraftwerk Tschernobyl einen Unfall gegeben habe. Es seien Menschen zu Schaden gekommen. Die Lage sei unter Kontrolle. Innerhalb von zehn Tagen werden aus einer 30-Kilometer-Zone um den Reaktor 130.000 Menschen an andere Orte übersiedelt.

28 April 1986, 23 Uhr: Ein dänisches Laboratorium für Nuklearforschung gibt bekannt, dass im Atommeiler Tschernobyl ein GAU (Größter anzunehmender Unfall) stattgefunden habe.

29. April 1986: Die Meldung vom GAU in Tschernobyl läuft zum ersten Mal in den deutschsprachigen Fernsehnachrichten. Daraufhin erfolgte Messungen zeigen, dass die verseuchte Wolke besonders in Süddeutschland und Österreich durch Regen ausgewaschen wurde. In Österreich sind Teile des Wald-, Mühl- und Hausruckviertels, die Gegend um Linz, die Welser Heide, die Pyhrnregion, das Salzkammergut, Teile der Tauern sowie die Koralpe und Südkärnten besonders betroffen.

1. Mai. 1986: In Wien findet der 1.-Mai-Aufmarsch der SPÖ trotz der Kontaminierungsgefahren statt, mehr als 10.000 Menschen nehmen daran teil. Die Aufmarschrouten sind vorher mit Wasser besprüht worden, um ein Aufwirbeln des Staubs zu verhindern.

23. Mai 1986: Eine sowjetische Regierungskommission ordnet die Verteilung von Jodpräparaten an. Zu dieser Zeit hat diese Prophylaxe keinen medizinischen Sinn mehr. Das radioaktive Jod ist nur zehn Tage aktiv und hat sich in dieser Zeit bereits in den Schilddrüsen der Bewohner der verstrahlten Gebiete eingelagert.

15. November 1986: Der so genannte Sarkophag aus Beton, der den zerstörten Reaktor ummantelt, ist fertig.

22. Dezember 1988: Sowjetische Wissenschafter weisen darauf hin, dass die Sicherheit des Sarkophags nur für 20 bis 30 Jahre berechnet sei.

1989: Beginn der zweiten Umsiedlungsphase. Rund 100.000 Menschen müssen ihre Dörfer in den stark verstrahlten Gebieten von Weißrussland, der Ukraine und Russland verlassen.

20. April 1989: Die sowjetische Regierung beschließt einen Baustopp für die Reaktorblöcke V und VI.

12. Oktober 1991: Nachdem im zweiten Reaktor von Tschernobyl ein Feuer ausbricht, muss auch dieser Block endgültig stillgelegt werden.

11. November 1996: Schilddrüsenkrebs bei Kindern in der Ukraine, in Belarus und Russland ist um rund 200 Prozent höher als in den 80er-Jahren. Die WHO schätzt, dass in den drei Ländern etwa vier Millionen Menschen vom Atomunfall betroffen waren. November 1997: Eine internationale Konferenz befasst sich mit dem Zustand des "Sarkophags". Es werden 350 Millionen Dollar für die Sanierung bereitgestellt.

5. Juli 2000: Eine zweite internationale Geberkonferenz sagt der Ukraine 715 Millionen Dollar für den Bau eines zweiten Sarkophags zu.

12. Dezember 2000: Der Reaktorkomplex Tschernobyl wird stillgelegt.

15. Dezember 2000: Der letzte laufende Kraftwerksblock in Tschernobyl wird abgeschaltet.

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