Was von Tschernobyl sichtbar bleibt

11. Juli 2006, 09:57
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Eine Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus widmet sich Tschernobyl

Ein Hubschrauberflug von Kiew nach Tschernobyl dauert eine gute Dreiviertelstunde. So lange hatte der Fotograf Igor Kostin am 26. April 1986 Zeit, sich auf eine Katastrophe vorzubereiten, deren Ausmaß ihm zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst war. „Igor, in Tschernobyl hat es heute Nacht gebrannt. Wir fliegen hin. Kommst du mit?“ Mit diesen Worten hatte ein befreundeter Pilot den Fotografen der Agentur Nowosti aufgeweckt.

Negativ sichtbare Gefahr

Von den Bildern, die Kostin aus der Luft von dem explodierten Reaktorblock IV schoss, ist nur eines nicht vollständig schwarz. Die radioaktive Strahlung macht Fotografieren nahezu unmöglich. Die unanschauliche Gefahr wird nur negativ sichtbar – als Auslöschung sogar noch der Bilderspur, die Menschen in der Geschichte hinterlassen. Die Fotografie wurde häufig als Medium verstanden, das den Tod überwindet, indem sie einen Moment aus der Zeit heraushebt. Umgekehrt wird mit der Fotografie der Tod selbst „sterblich“, wie Roland Barthes geschrieben hat. Die Erfahrungen von Igor Kostin geben zu verstehen, dass die Radioaktivität auch das Medium „tötet“.

Sechs Fotografen

Trotzdem gibt es natürlich viele Bilder von der Katastrophe in Tschernobyl. Eine derzeit laufende Ausstellung im Willy-Brandt-Haus in Berlin konzentriert sich auf sechs Fotografen: die beiden Amerikaner Gerd Ludwig und Paul Fusco, die Deutschen Andreas Gefeller und Rüdiger Lubricht, den Weißrussen Anatol Klishchuck und den Ukrainer Kostin. Sie alle haben die „Todeszone“ immer wieder besucht und haben das dokumentiert, was von der Katastrophe sichtbar bleibt.

Fusco und Klishchuck konzentrieren sich auf die Auswirkungen auf die Menschen. Sie haben Krankengeschichten protokolliert, Missbildungen fotografiert, Untersuchungen verfolgt. Auf einem Bild von Gerd Ludwig sind zwei Kinder zu sehen, die einander gegenübersitzen und dabei in ein Gerät eingespannt sind, das Cäsium 137 in ihrem Körper nachweisen kann. Die Kinder wirken, als wäre eine Waffe auf sie gerichtet – indirekt bringt Ludwig zum Ausdruck, dass auch die friedliche Nutzung der Kernenergie ein technologisches Niveau hat, das implizit militaristisch ist.

Die 2005 aufgenommenen Ruinenbilder aus dem Kontrollraum des Katastrophenblocks sprechen eine ähnliche Sprache – sie erinnern an den Kalten Krieg, an Szenarien der Abschreckung und Überwachung, und an den irrationalen Rest, der in einer atomaren Welt immer bleibt. Tschernobyl war auch ein Desaster der Kommunikation in einem politischen System, das die Technik wichtiger nahm als die Bevölkerung. In Kostins Aufnahmen von den Liquidatoren, die inmitten der Strahlung mit den Aufräumarbeiten zu beginnen hatten, wird jedoch deutlich, dass auch in einer transparenten Öffentlichkeit die Informationspolitik vor kaum lösbaren Abwägungsfragen gestanden wäre.

Folgenschweres, nicht erlebtes Ereignis

Was Kostin an unmittelbarer Zeugenschaft seinen Kollegen voraushat, versuchen diese durch Empathie und Meditation einzuholen. Anatol Kliashchuk widmet sich den Kindern in einem onkologischen Krankenhaus in Weißrussland. Da viele im April 1986 noch gar nicht geboren waren, sind sie besonders eindrückliche Zeugen für die besondere Zeitlichkeit, die mit der Atomkraft in die Geschichte eintrat – man kann nun an den Folgen eines Ereignisses sterben, das man gar nicht erlebt hat.

Der Tod ist in vielen der Fotografien aus Tschernobyl präsent, ohne dass eigentlich Todesopfer zu sehen wären. Der GAU hat eine eigene Ruinenästhetik hervorgebracht, die einerseits den schaudernden Blick aus der Ferne auf die Unglücksstätte ständig variiert, andererseits die verlassenen Räume zum Inhalt hat, in denen das Leben der Menschen sich zutrug, die in der Atomindustrie arbeiteten. Sichtbarstes Zeichen der atomaren Zerstörungskraft sind die beiden gigantischen Radarantennen, die Igor Kostin fotografiert hat. Sie sollten dazu dienen, US-Atomraketen rechtzeitig aufspüren zu können, wurden jedoch von der Strahlung aus Tschernobyl außer Gefecht gesetzt. Die zivile Nukleartechnik erwies sich im Moment der Katastrophe als zerstörerisch selbst für die ausgeklügeltsten Sicherheitssysteme. Die Fotografien wirken auch da wie die Vorwegnahme einer Zukunft, die keine Menschen mehr duldet. (DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

  • Überreste des Alltags und jäher Bedrohung in einem Kindergarten auf einem Foto von Rüdiger Lubricht
    foto: willy-brandt-haus

    Überreste des Alltags und jäher Bedrohung in einem Kindergarten auf einem Foto von Rüdiger Lubricht

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