Tschernobyl-Opfer: "Wir leben von Tag zu Tag"

11. Juli 2006, 09:57
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Der Südosten Weißrusslands war und ist stark von der Katastrophe betroffen - In der Sperrzone leben noch immer Menschen

Der Name Tschernobyl bedeutet schwarzes Gras. Hier, im weißrussischen Dorf Tulgowitschi, regt sich erstes zaghaftes Grün auf den Wiesen an diesem warmen Frühlingstag. Ähnlich muss es vor 20 Jahren gewesen sein. Geradezu heiß war es am 26. April 1986, erinnert man sich. Die Menschen genossen es. Dass sich im 40 Kilometer entfernten Atomkraftwerk von Tschernobyl eine Katastrophe ereignet hatte, erfuhren sie erst nach Tagen, dass ihre Heimat zu den am stärksten verstrahlten Regionen zählte, noch später.

Acht Einwohner

21 Dörfer wurden evakuiert, das ganze Gebiet zur Sperrzone erklärt. Tulgowitschi liegt mitten drin. Und mitten in Tulgowitschi lebt der heute 81-jährige Iwan Schamenok. Als Dorfältester steht er einer Gemeinde von acht Seelen vor. Sie haben sich geweigert, ihre Häuser zu verlassen, und die Behörde duldet es. Zweimal in der Woche kommt ein Wagen mit Lebensmitteln, einmal im Monat der Arzt zur Untersuchung.

Wasser vom Brunnen

Iwan Schamenok lebt allein in seinem Holzhaus, seine Frau ist vor drei Jahren gestorben. Eine Kuh liefert ihm Milch, als Transportmittel dient ein Pferd. Wasser holt er aus einem Brunnen. Hat er keine Angst vor Verstrahlung? "Wenn ich verstrahlt wäre, wäre ich schon tot." Nach der Katastrophe hätten die Ärzte bei ihm eine erhöhte Strahlendosis festgestellt, aber ein Jahr später sei der Wert wieder normal gewesen.

Viele Junge und Alte aus dem Dorf sind an den Folgen der Verstrahlung gestorben. Bei den meisten Opfern unter den fast tausend Bewohnern, die weggezogen sind, vermutet Schamenok freilich eine andere Todesursache: "Heimweh. Wenn sie geblieben wären, wären sie noch am Leben. Ich bleibe hier, solange ich noch gehen kann." Man kann ihn verstehen. Denn trotz der vielen verfallenen Häuser vermittelt Tulgowitschi eine ländliche Geborgenheit, wie man sie von den russischen Dichtern zu kennen meint. Die scheinbare Idylle und das Wissen um die unsichtbare Bedrohung erzeugen ein Gefühl von Surrealität – und zugleich von greifbarer Angst.

Schilddrüsenkrebs

Und Angst ist vermutlich ein Schlüsselfaktor bei vielen Krebserkrankungen in der Region, die streng wissenschaftlich (noch) nicht mit Tschernobyl in ursächlichen Zusammenhang gebracht werden können. Klar ist die Kausalität bei Schilddrüsenkrebs: In den am stärksten verstrahlten Gebieten im Südosten Weißrusslands gibt es die meisten Fälle von Schilddrüsenkrebs, und die Erkrankungsrate ist wiederum weit höher als überall sonst in Europa.

Vermutet wird inzwischen auch eine Korrelation bei einer bestimmten Leukämie- Art, der Akuten Myeloischen Leukämie (AML): Hier steigt die Zahl der Erkrankungen in den meistverstrahlten Gebieten Weißrusslands seit drei Jahren signifikant an, wie die Direktorin der mit österreichischer Hilfe errichteten Kinderkrebsklinik von Minsk, Olga Aleinikowa, erläutert. Aber der wissenschaftliche Beweis könne erst nach einer langen, aufwändigen Untersuchung erbracht werden.

Kein Beweis nötig

Die 34-jährige Anja braucht keinen wissenschaftlichen Beweis für die Ursache ihrer Krebserkrankung, die sich in unkontrollierbaren Hautwucherungen zeigt: "Das war Tschernobyl." Die gelernte Krankenschwester musste ihren Beruf aufgeben. Sie lebt mit ihrer Familie in Retschitza nahe der Großstadt Gomel im Südosten. Mit den Töchtern Natalja (10) und Alexandra (2) teilt sie sich ein kleines Zimmer. Bei beiden Mädchen wurden ebenfalls Krebszellen festgestellt, Natalja hat einen Gehirntumor. An einem solchen ist eine Schwester mit fünfeinhalb Jahren gestorben, die Operation war erfolglos.

Anja zeigt ihre befallenen Hautstellen. Den Mädchen merkt man die Erkrankung nicht an. Die Zweijährige beherrscht schon das Alphabet, Natalja geht manchmal zur Schule, obwohl sie nicht müsste, und bringt immer gute Noten nach Hause. Zweimal war sie auf Erholungsferien im Ausland, wie sie für viele kranke Kinder von Hilfsorganisationen veranstaltet werden, einmal in Frankreich, einmal in Deutschland.

Strenge Kontrolle

Betreut wird die Familie von einer Hospiz-Organisation, an deren Aufbau auch das Hilfswerk Austria beteiligt ist. Seit einem Jahr wartet man auf die behördliche Genehmigung des Projekts. Die Staatsmacht unter dem autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko will alle Hilfsprojekte für Tschernobyl-Opfer kontrollieren, um sich damit vor dem Volk schmücken zu können, aber auch um die Entwicklung einer selbst organisierten Zivilgesellschaft zu unterbinden.

Einstweilen arbeitet das mobile Hospiz provisorisch. Täglich kommt eine Krankenschwester, vor allem zur psychologischen Betreuung. Finanziell wird die Familie mit umgerechnet 25 Euro monatlich unterstützt. Mit dem Gehalt des Mannes sind es 200 Euro im Monat, mit denen die ganze Familie auskommen muss.

Momentan ist der Zustand der beiden Mädchen stabil. Die aufgeweckte Kleine sprudelt geradezu über vor Vitalität. Aber aus den Augen der Älteren spricht das Leid, und die Blicke der Mutter sagen alles. "Niemand weiß, was kommt. Wir leben von Tag zu Tag", sagt sie zum Abschied. (Josef Kirchengast, DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

  • "Wenn ich verstrahlt wäre, wäre ich schon tot": Iwan Schamenok (81) in der weißrussischen Sperrzone
    foto: standard/urban

    "Wenn ich verstrahlt wäre, wäre ich schon tot": Iwan Schamenok (81) in der weißrussischen Sperrzone

  • "Es war Tschernobyl": Die krebskranke Anja mit ihren krebskranken Töchtern Natalja (li.) und Alexandra
    foto: standard/andy urban

    "Es war Tschernobyl": Die krebskranke Anja mit ihren krebskranken Töchtern Natalja (li.) und Alexandra

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