Interview: "Sie leben im Dreck"

11. Juli 2006, 09:57
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Fotograf Igor Kostin dokumentiert seit 20 Jahren die Folgen des GAUs - Mit Astrid Kuffner teilte er seine Erinnerungen

Am 26. April 1986 schießt Igor Kostin das erste Foto des zerstörten Reaktors. Er dokumentiert die Arbeit der Liquidatoren und den Alltag der Menschen im verstrahlten Gebiet. Im Buch Tschernobyl.Nahaufnahme (Kunstmann, München 2006) gewährt er Einblicke in das Unfassbare.

Standard: Wie kamen Sie zum Einsatz in Tschernobyl?

Kostin: Wie hätte ich als Reporter da nicht hinfahren können? Als ich nach Tschernobyl kam, war ich sehr erstaunt, wie viel Leute da waren – eine ganze Armee. Das letzte Mal war ich im März dort. Da laufen viel wilde Tiere herum, in der Nähe der Menschen, als wollten sie bei diesen Schutz suchen. Mensch und Tier sind aufs nackte Überleben zurückgeworfen. Man sagte mir, das Fleisch von Wildschweinen übersteigt die erlaubte Dosis Radioaktivität 1000-mal, das Erdreich 300-mal. Die Menschen haben keinen Ausweg.

Standard: Wussten Sie, worauf Sie sich damals einließen?

Kostin: Ich wusste, es muss jemand machen. Tschernobyl wurde mein Schicksal, Gott hat mich dazu bestimmt. Ich habe in den ersten Tagen auch am Dach des dritten Blocks gearbeitet. Die tödliche Dosis für einen Menschen sind etwa 500 Röntgen. Dort waren es 15.000. Die Roboter, die eingesetzt wurden, funktionierten nicht. Dann gingen einfache Soldaten hinein. Die haben mit ihren bloßen Händen radioaktives Material weggeräumt. Die Partei hat sie da hineingeschickt! Es gab keine Spezialkleidung. Es wurden nur Kopf, Genick und Eier geschützt. Vierzig Sekunden sollten sie dort sein. Dafür bekamen sie sieben Dollar und eine Urkunde. Heute rührt das kein Schwein, ob die noch am Leben sind. Es waren 500.000 Soldaten in Tschernobyl, und man weiß nichts über sie.

Standard: Wie viele Liquidatoren dürften schon tot sein?

Kostin: Ich glaube 50.000 bis 100.000. Offiziell sagt irgendein niederträchtiger Hund, es seien nur 5000 in Tschernobyl ums Leben gekommen! Ich habe solchen Leuten schon zigmal gesagt, sie sollen hinfahren und schauen, was dort los ist. Das ist ein Verbrechen – dafür sind unsere postsowjetischen Bürokraten verantwortlich. Ich habe Gorbatschow persönlich die ersten Bilder geschickt, auf denen die Folgen zu sehen waren: Mutationen bei Kindern, bei Tieren. Keine Reaktion, nichts!

Standard: Wann durften Sie dem Westen Bilder verkaufen?

Kostin: Nach dem Ende der Sowjetunion. Es gab dann eine große Ausstellung in Mailand. Mein Buch erschien in 15 Sprachen. Ich habe viele internationale Auszeichnungen bekommen. Hier in der Ukraine hat nicht einmal der kleinste Dorfbürgermeister mir eine Urkunde ausgestellt, niemand hat Danke gesagt. Aber das ist mir scheißegal. Für mich ist das Schicksal der zahllosen jungen Soldaten, die dort waren und mit bloßen Eiern zu arbeiten begannen, wichtiger.

Standard: Wie wurde und wird mit dem Thema umgegangen?

Kostin: Die Regierung wollte alles vertuschen. Aber Tschernobyl hat unser Leben verändert. Die Krebsrate ist 400-mal höher seitdem. Das sagt das Gesundheitsministerium der Ukraine. Wie das in Russland ist, weiß ich nicht, aber das Brjankser Gebiet ist extrem verseucht. Ich habe dort einmal fotografiert – der Geigerzähler zeigte, dass die erlaubte Radioaktivität 1000fach überschritten wird. Genauso in Belarus. Aber es regt niemanden mehr auf. Die Leute sind wie die Hunde, sie gewöhnen sich an den Dreck und leben darin.

Standard: Wie haben Sie erfahren, was wirklich passiert war?

Kostin: Ich bin schon lange in der Ukraine, und mich hat nichts mehr gewundert. Wir lebten ja unter ständiger Informationsblockade. Die sowjetischen Massenmedien brachten damals nur sehr kleine, unauffällige Artikel. Es gab keine wirkliche Information.

Standard: Wie geht es Ihnen denn gesundheitlich?

Kostin: Würden wir da zu zweit sitzen und miteinander trinken, könnte ich Ihnen das sagen. Aber wir haben die delikate Situation – ganz Österreich nimmt an einem intimen Gespräch teil. Ich trinke jeden Tag ein Glas Wodka, danke Gott, dass ich gehen kann.

Standard: Wie stehen Sie zur Atomkraft heute?

Kostin: Man muss Atomkraft aufgeben. Es kann niemand garantieren, dass dabei nichts passiert. Wir sollten die Energie verwenden, die die Natur selbst gibt: Sonne, Wasser und Wind. Das ist ungefährlich.

Standard: Würden Sie heute noch einmal hingehen, um derartiges zu fotografieren?

Kostin: Ich habe kein Recht mehr, mich dieser Gefahr auszusetzen, denn ich habe heute eine vierjährige Tochter.

Übersetzung: Erich Klein. (Astrid Kuffner, DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

Zur Person

Igor Kostin, 1936 in Moldawien geboren, arbeitet nach dem Militärdienst zehn Jahre lang als leitender Ingenieur in einem Unternehmen. 1972 beendet er seine Karriere, wird er Fotoreporter bei der sowjetische Nachrichtenagentur Nowosti. Seit 20 Jahren dokumentiert er die Folgen des GAUs.
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