Forsch dich fit

29. Jänner 2007, 14:37
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Ob für Hobby- oder Spitzensportler: Sportliche Leistung lässt sich optimieren - Doch nicht alles ist hochwertige Leistungs­diagnostik, warnen Sportwissenschafter

Alles rennt. Sogar Mozart muss heuer in die Laufschuhe. Der Vienna City Marathon am 7. 5. präsentiert sich "ganz im Zeichen des größten Musikgenies aller Zeiten". Motto: "Run Vienna, enjoy Mozart". Nur ein Beispiel für die Marketingmaschinerie, in die der Laufsport geraten ist. Laufen wurde zum Massenphänomen. "Bewegung ist wichtig, ist gesund. Aber falsches Bewegen kann das Gegenteil bewirken", warnt der Sportwissenschafter Erich Müller, Leiter des Salzburger Christian-Doppler-Labors Biomechanics and Skiing, vor der Laufeuphorie. "Städtemarathons sind kein Gesundheitszentrum", sagt Müller, "und nicht für jeden erreichbar, auch wenn das die Werbung vorgaukelt." Die Folgen der Überforderung wären, so Müller, "kaputte Gelenke und Bänder, weil die Leute übertrainiert sind".

Leistungsdiagnostik wichtig

Für Laufanfänger stellen sich wie für Leistungssportler daher die Fragen: Wie leistungsfähig bin ich? Wie trainiere ich richtig? Basis für kluges Training ist die Leistungsdiagnostik. Während die Bestandsaufnahme der körperlichen Fitness, die Leistungsanalyse, bei Hobbysportlern durch ergometrische Tests, am Laufband und durch Laktatmessungen gemacht wird, ist die Leistungsdiagnose bei Spitzensportlern eine weitaus komplexere Sache. Ganz auf den Sportler oder die Sportlerin und die jeweilige Sportart abgestimmt, wird gemessen, analysiert, ausgewertet.

Knie schonen

Da erforscht etwa das Innsbrucker Institut für Sportwissenschaft das Verhältnis von Beinstreck- zu Beinbeugemuskulatur, um den gefürchteten Knieverletzungen an wertvollen Fußballerbeinen vorzubeugen. Zur Innsbrucker Forschungstätigkeit gehört die Entwicklung, Adaptierung und Konstruktion computergestützter Diagnosegeräte, etwa eines dynamischen, zweigelenkigen für Beinuntersuchungen oder eines schwimmspezifischen Testgeräts (biodynamische Schwimmbank) zur Analyse von Schwimmzügen. Voraussetzung für die Forschungstätigkeit ist ein interdisziplinäres Team aus Sportwissenschaft, Medizin, Informatik, Biomechanik.

Lassen sich diese Forschungsergebnisse auch auf den Breitensport umlegen? Hans-Peter Platzer, sportwissenschaftlicher Koordinator: "Was die Forschungen zur Beinmuskulatur anbelangt, sicher. Da können auch Hobbyfußballer und Alpinsportler profitieren. Man kann daraus ableiten, wo man Trainingsschwerpunkte setzen soll, um Verletzungen zu verhindern und die Leistung zu verbessern."

Fehler vermeiden

Muss jeder Hobbysportler zum Sportarzt? "Wenn sich jemand bewegen will, soll man nicht gleich Hürden vorschalten", sagt dazu die Wiener Sportärztin und Marathonspezialistin Dagmar Rabensteiner, "aber man sollte möglichst bald professionellen Rat und professionelle Hilfe einholen, um Trainingsfehler zu vermeiden". Die Betonung liegt auf professionell. Die Erstellung von Trainingsprogrammen und die Begleitung sollte man, so Rabensteiner, "erfahrenen Sportmedizinern überlassen".

Kritik an schnellen Ausbildungen

An "qualifizierten Leuten" fehle es aber in Österreich, kein Mangel herrsche jedoch an schnell ausgebildeten Coaches. Auch Erich Müller, der mit dem Institut für Sport-und Bewegungswissenschaft an der Universität Salzburg sportartspezifische Methoden für Leistungssportler, aber auch Test- und Trainingsmethoden für den Gesundheitssport entwickelt, hält nichts vom breiten Berater- und Testangebot. "Schmalspurausbildungen" produzieren "Experten wie Schwammerl im Wald", kritisiert der Universitätsprofessor.

Auf Gütesiegel achten

Viele Produkte - Geräte und Testmethoden - kämen ohne wissenschaftliche Absicherung auf den Markt. Müller: "Die Test-Gütekriterien müssen bei beiden Zielgruppen, Spitzen- und Hobbysportlern, möglichst hochwertig sein." Gütesiegel seien wissenschaftliche Studien. Diese solle man sich vorlegen lassen, bevor man als Arzt oder Hobbysportler zu einer Methode oder einem Gerät greife, rät Müller.

Testsystem für Sportlehrer

Ein Beispiel für ausgereifte Testmethoden ist das von Müller mitentwickelte Projekt "Klug und fit". Das internetbasierte Testsystem ermöglicht sportmotorische Tests und Muskelfunktionsprüfungen durch Sportlehrerinnen und Lehrer. Sie erhalten online Auskunft über die motorischen Grundlagen ihrer Schülerinnen und Schüler. Basis für den Test ist eine Studie an 67.000 Schülerinnen und Schülern. Vorbeugen statt Feuerwehr.

"Feuerwehr" für den Leistungssport

Bleibt die erwünschte Leistung trotz Hightech-Programmierung des Körpers aus, ist Psychologenrat angesagt. "Leider haben wir im österreichischen Leistungssport immer noch Feuerwehrfunktion", bedauert Christian Uhl, sportpsychologischer Leiter des Olympiazentrums Dornbirn. Vorbeugen wäre aus seiner Sicht besser. So sei es sinnvoll, Sportpsychologen bereits bei der Teamzusammenstellung zu involvieren. Wenn die Leistung eines Sportlers, etwa durch Konzentrationsprobleme abfalle, sei die leistungs- und die sportpsychologische Diagnostik gefragt.

Letztere greife auf einfache Methoden zurück. "Das Gespräch ist immer noch Mittel der Wahl." Uhl: "Hat der Sportler Probleme, muss man sich die Frage nach den Ursachen stellen." Man dürfe auch im (Spitzen-)Sport nicht vergessen, "dass es um den Menschen geht, nicht nur um die Leistung." (DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2006)

  • Wer Belastung nicht spüren kann, muss wissenschaftlich beobachten. Am besten mittels Ergometer oder Laktat-Tests

    Wer Belastung nicht spüren kann, muss wissenschaftlich beobachten. Am besten mittels Ergometer oder Laktat-Tests

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