Auch "Schurken" wollen leben

2. Mai 2006, 13:42
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Wie soll der Westen mit einer iranischen Atombombe umgehen, war eine der zentralen Fragen beim STANDARD-Montagsgespräch

Wie soll der Westen mit einer iranischen Atombombe umgehen, war eine der zentralen Fragen beim Standard-Montagsgespräch. Ob Abschreckung funktioniert, war umstritten. Dass die Bedrohung durch Nuklearwaffen wächst, darüber herrschte Einigkeit.

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Der Mann im Wartezimmer ist sichtlich nervös. Er wartet darauf, zum Arzt vorgelassen zu werden. Ihm soll Jod 131 verabreicht werden. Das radioaktive Mittel dient zur Therapie von Tumoren, etwa bei Schilddrüsenkrebs.

Aber der Mann ist nicht wegen der Behandlung gekommen. Er braucht nur das Jod. Denn zusammen mit einem konventionellen Sprengstoff, eignet sich die radioaktive Substanz für den Bau einer tödlichen Waffe: einer so genannten schmutzigen Bombe.

So leicht, wie in dem beschriebenen Szenario, könnte es sein, an Materialien zum Bau einer schmutzigen Bombe heranzukommen, warnte Helmut Böck vom Atominstitut der Technischen Universität (TU) Wien beim STANDARD-Montagsgespräch über "Atom als Waffe und als Sicherheitsproblem". Eine schmutzige Bombe habe zwar bei Weitem nicht die Zerstörungskraft einer Atombombe. "Aber ein Anschlag mit radioaktivem Material würde für Massenpanik und weltweites entsetzten sorgen", sagte Böck.

Atomstreit mit Iran Der eskalierende Atomstreit mit dem Iran, der Jahrestag der Katastrophe von Tschernobyl, die Wiederentdeckung der Atomkraft in der EU: Kaum ein Thema sorgt derzeit für so viele Schlagzeilen, wie der Umgang mit der Kernenergie. Die von STANDARD-Chefredakteur Gerfried Sperl moderierte Diskussion im Wiener Haus der Musik drehte sich dabei vor allem um die Frage, wie der Westen mit den Nuklearambitionen des Iran umgehen soll und ob das im Kalten Krieg entstandene Prinzip der atomaren Abschreckung noch funktioniert? Ja, sagt Heinz Gärtner vom Österreichischen Institut für internationale Politik (OIIP).

"Denn auch scheinbar unberechenbare Regime, so genannte Schurkenstaaten, sind am Überleben interessiert", sagte Gärtner. Der Westen müsse also glaubwürdig vermitteln, dass er im Falle eines Atomangriffes selbst Nuklearwaffen einsetzt. Dann kann der Iran von einem nuklearen Erstschlag abgeschreckt werden, ist Gärtner überzeugt. "Vor allem im Hinblick auf die Bedrohung durch den internationalen Terrorismus funktioniert Abschreckung nicht mehr", sagt dagegen der Militärstratege Gerald Karner, der bei der Beratungsfirma Hill International tätig ist. Selbstmordattentäter lassen sich zwar nicht abschrecken, aber sehr wohl Staaten, die Terroristen Wissen bereitstellen, entgegnete Gärtner.

Erich Reiter, Sektionschef im Verteidigungsministerium, baut auch auf Abschreckung. Er geht dabei aber einen Schritt weiter: Wie bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Jänner, trat er bei der Diskussion für ein atomares Abschreckungssystem der EU ein. Die EU soll vereint über die eigene Nuklearstrategie entscheiden, nicht die Atommächte Frankreich und Großbritannien im Alleingang, fordert Reiter. OIIP-Experte Gärnter hält nichts von einem Atomwaffenarsenal der EU: "Wo soll das ganze hinführen? Was, wenn dann die Afrikanische Union oder die Organisation Amerikanischer Staaten auch Atomwaffen haben wollen", sagte Gärtner.

In einem Punkt waren sich die Diskutanten einig: Die Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen wächst. Denn neben den neun Atommächten USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Indien, Pakistan, Israel und mutmaßlich Nordkorea dürften weitere Staaten nach Massenvernichtungswaffen streben. Rund 30 solcher Länder identifiziert der Sicherheitsexperte Reiter: "Und ich bin nicht so gutgläubig, dass sich die Staaten diese Waffen anschaffen, um die dann nicht zu benutzen."

Hinzu kommt die Entwicklung so genannter Mini Nukes, also Nuklearwaffen mit kleinerer Sprengkraft, die auch zur taktischen Kriegsführung eingesetzt werden können. Für Karner ist die Gefahr eines Atomkrieges inzwischen größer als während des Kalten Krieges. Er tritt für einen neuen Vertrag gegen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen im Rahmen der UN ein. Denn der 1968 geschlossene Non Proliferation Treaty (NPT) funktioniere nicht, sei "de facto tot".

US-Erstschlag

Den Vertrag haben zwar 189 Staaten unterzeichnet. Doch Indien und Pakistan konnten weitgehend ungehindert zu Atommächten aufsteigen. Nordkorea stieg 2003 aus dem NPT aus. Der Iran könnte in drei bis vier Jahren Nuklearwaffen produzieren, sagte Böck von der TU-Wien.

Aber auch die strategische Ausgangslage hat sich geändert, sagt Reiter vom Verteidigungsministerium. So gehen die US-Universitätsprofessoren Keir Lieber und Daryl Press in einem im März im Foreign Affairs erschienen Artikel davon aus, dass die USA schon bald einen Atomschlag gegen Russland und China ausführen könnten, ohne einen Gegenschlag befürchten zu müssen. Mit Bunker-knackenden Atomsprengköpfen könnten die USA sämtliche russischen Arsenale ausschalten, schreiben die Autoren.

Diskutiert wurde auch über die Sicherheit von Atomkraftwerken. Was passiert etwa, wenn ein Jumbojet in einen Atommeiler kracht? Die Ummantelung älterer Kraftwerke würde dem Aufprall nicht standhalten, sagt Böck. Er glaubt dennoch nicht, dass es zu einem GAU kommen würde: Denn es wäre fast unmöglich, eine Maschine gezielt in die Kraftwerkummantelung mit einem Durchmesser von 50 bis 60 Metern zu steuern. (András Szigetvari /DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2006)

  • In drei bis vier Jahren könnte der Iran Atomwaffen produzieren, hieß es beim Standard-Montagsgespräch mit (von vorne) Erich Reiter, Gerald Karner, Gerfried Sperl, Heinz Gärtner und Helmut Böck.
    foto: christian fischer

    In drei bis vier Jahren könnte der Iran Atomwaffen produzieren, hieß es beim Standard-Montagsgespräch mit (von vorne) Erich Reiter, Gerald Karner, Gerfried Sperl, Heinz Gärtner und Helmut Böck.

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