Lokalaugenschein: Besuch im Friedhof

11. Juli 2006, 09:57
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Im 30 Kilometer breiten Sperrgebiet rund um das Katastrophenkraftwerk Lenin

Vasyl Mazur ist ein hagerer Mann. Seit acht Jahren arbeitet der studierte Deutschlehrer an der österreichischen Botschaft in Kiew. Er spricht nur, wenn er gefragt wird, im Stehen hat er seine Hände vor dem Körper ineinander gelegt. Erst auf der Rückfahrt wird sich der Eindruck von Bescheidenheit relativieren.

Vielmehr ist es Betroffenheit, die Vasyl so zurückgenommen erscheinen lässt. Nach 20 Jahren fährt der heute 40-jährige Ukrainer zum ersten Mal wieder nach Tschernobyl, als Dolmetscher für eine der zahlreichen Delegationen, die derzeit rund um den Jahrestag des GAUs Sperrzone und Atomkraftwerk besuchen.

Aufenthalt verboten

150 Kilometer nördlich von Kiew liegt der Unglücksmeiler, die Reise mit dem Bus dauert drei Stunden. Beim Kontrollpunkt der Sperrzone steigt Alexander Usaev in den Bus der Oberösterreich-Delegation des Grünen-Landesrats Rudi Anschober. "Wegen der Strahlung bleiben Sie besser auf dem Asphalt und nicht auf unbefestigtem Gelände stehen", erklärt Usaev. Nach Öffnen der Schranke fährt der Bus kilometerweit ins Niemandsland.

Mit jedem Kilometer, dem man sich dem Kraftwerk Lenin nähert, steigt die Radioaktivität. An diesem Tag erwischt die Delegation die dreifache Dosis von Linz. Vasyl übersetzt unermüdlich. "Das Gebiet um das Kraftwerk wurde in Zonen eingeteilt. Eine 10-Kilometer-Zone um den explodierten Reaktor und die Zone der Zwangsumsiedlung. Beide ergeben die 30-Kilometer-Sperrzone. Der Aufenthalt dort ist verboten."

330 Einwohner

170.000 Menschen mussten nach dem 26. April 1986 die Sperrzone für immer verlassen. Heute wohnen wieder 330, meist sehr alte Menschen in jenen Dörfern und Städten, in denen niemand leben darf. Einer der illegalen Bewohner der Sperrzone ist Grigorig Maksimenko. Schon 1988 ist er nach Tschernobyl zurückgekehrt, in sein Haus in der Bogdan-Chmelnitski-Straße 41. Ob er nicht Angst habe? "Wovor?", antwortet der 83- jährige Mann. Vor der Verstrahlung oder dem Alleinsein in der verlassenen Stadt, in der vor 1986 rund 15.000 Menschen lebten. Es gehe ihm gut, er baue Kartoffeln an, auf der Fensterbank stehen Tomatensetzlinge. Von dem, was der Versorgungs-Lkw einmal pro Woche in die Sperrzone bringt, kann er nicht leben. "Wir sind Versuchskaninchen für uns selbst", meint der Mann mit der auffallend gesunden Hautfarbe. Vasyl übergibt ihm als Dank für sein Interview Lebensmittel aus einem Kiewer Supermarkt.

Danach geht es weiter zum Kraftwerk. Obwohl der Reaktor am 15. Dezember 2000 vom Netz genommen wurde, arbeiten heute dort noch 3800 Menschen. Die Brennstäbe können in den unbeschädigten Blöcken 1 bis 3 nicht abgebaut werden, da ein Zwischenlager fehlt. "Die Hauptarbeiten am neuen Lager wurden wegen technischer Fehler stillgelegt", teilt Julia Marusitsch von der Informationsabteilung des AKW mit. Vor 2010 werde es wohl nicht fertig gestellt. In jenem Jahr soll auch der neue halb runde Schutzdom über den Katastrophenreaktor geschoben werden. Bis dahin muss der undichte Sarkophag noch halten.

Jagen und Fischen verboten

"Acht Zonen sind vom Einbruch gefährdet. Laut konservativen Schätzungen lagern unter dem explodierten Reaktor noch 200 Tonnen Spaltmaterial", erklärt Marusitsch anhand eines aufklappbaren Modells des Reaktorblocks 4. Sensoren im Inneren überwachen die Dosis der Gammastrahlung. Auf dem Gelände rund um den Reaktorblock ist diese deutlich erhöht. Nach nur drei Monaten Aufenthalt hätte man dort die zulässige Jahresdosis an Strahlung erreicht. Worte von Usaev über die Gefahren geistern einem durch den Kopf. "Jagen und Fischen sind in der Sperrzone verboten. Jedes Jahr werden 600 Brunnen geschlossen." Das Sammeln von Altmetall sei nicht erlaubt, doch daran halte sich niemand, nicht einmal die Verwaltung der Sperrzone selbst, wie deren Angestellter Usaev eingesteht. Außer Altmetall wird auch Holz aus den Wäldern von Tschernobyl verkauft. Doch nichts von dem überschreite "die staatlich vorgeschriebene Norm der Verseuchung", versucht er zu beruhigen.

Trotzdem, Präsident Viktor Juschtschenko ließ den Verkauf stoppen. Dazu hat er voriges Jahr die Sperrzone zum Naturschutzgebiet erklärt, weshalb Fauna und Flora jener 2600 Quadratkilometer jetzt unberührt bleiben müssen. Die Gerippe der toten Fichten ebenso wie die blühenden Palmkätzchen.

Verfallene Stadt

Unberührt ist auch die für die Kraftwerksarbeiter hochgezogene Stadt Pripjat, in der einst 48.000 Menschen lebten. Hierher ist niemand zurückgekommen, die ursprünglich für drei Tage evakuierte Stadt fällt in sich zusammen. Im "Funpark" verrosten Riesenrad und Autodrom, Stofftiere liegen herum. Vasyl muss nichts übersetzen, das menschliche Ausmaß der Katastrophe ist hier gut sichtbar. Als er gefragt wird, was er fühlt, schießen ihm die Tränen in die Augen. "Für mich ist Pripjat ein Friedhof, und die Totenruhe darf niemand stören." Deshalb lehne er die Besichtigungstouren ab. (Kerstin Scheller, DER STANDARD Printausgabe, 26.04.2006)

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