Der fragile Sarkophag

4. Oktober 2006, 15:35
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Auch 20 Jahre nach Tschernobyl ist die Atomkraft ein unbeherrschbares Phänomen

Ist zu Tschernobyl nicht schon alles gesagt? Nein. Die großen Kriege, die großen Verbrechen und die großen Katastrophen bleiben in die Geschichte eingebrannt. Als Herausforderung für das Gewissen der Völker, als Mahnung an die Nachgeborenen und als Lehrbeispiel für politische Entscheidungen.

Der Super-GAU vom 26. April 1986 war die eigentliche Ursache für den Zusammenbruch der Sowjetunion fünf Jahre später: So urteilt einer, der es wissen muss. Michail Gorbatschow, einer der damals Allmächtigen dieser Erde. Hunderte Male mehr Radioaktivität als in Hiroshima und Nagasaki zusammen wurden in die Luft versprengt, dreieinhalb Millionen Menschen wurden höchster Strahlung ausgesetzt, bis heute sind allein 7000 jener Menschen gestorben, die damals ungeschützt an den Aufräumungsarbeiten mitgewirkt haben. Insgesamt ein hoher Preis für den Fall einer Massendiktatur.

Im Westen hat Tschernobyl den Aufstieg der grünen Bewegung beschleunigt. Vor allem in Deutschland, wo sie als Regierungspartei zusammen mit der SPD den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen hat. Nach dem Willen der Christdemokraten soll genau das wieder revidiert werden. Noch sträuben sich die Sozialdemokraten. Aber wie lange?

Natürlich hat auch die Atomindustrie gelernt. In Finnland ist ein Kraftwerk in Bau, das terroristische Attacken mit Großraumflugzeugen überstehen würde (von den Passagieren redet niemand). Auch für Temelín gilt, dass die Sicherungssysteme kleinere Attacken aushalten - selbst für die weniger sicheren älteren Reaktoren rund um Österreich nimmt man an, dass die GAU-Gefahr größer ist, als das Terrorproblem. Aber wurde man nicht selbst vor Tschernobyl nicht müde zu erklären, ein Unfall dieses Ausmaßes sei noch unwahrscheinlicher als ein Lotto-Sechser? Für die sichere Entsorgung des Atommülls gibt es noch immer keine Lösungen. Demonstranten gegen Zwischenlager und Atomtransporte sind keine Spinner, sondern Mahner.

Wenige Tage vor dem ominösen Gedenkdatum wurde bekannt, dass die europäische Politik immer noch zur Atomenergie hält. Die Forschungsmittel der EU wurden verdreifacht. Im Vergleich zur Nuklearförderung mit mehr als vier Milliarden Euro nehmen sich die Gelder für Sonne, Wind, Biomasse und Gezeitenkraftwerke (zwei Milliarden) eher bescheiden aus. Es herrscht noch immer keine Chancengleichheit.

In Österreich traut sich niemand in der politischen Klasse, eine Revision des Volksentscheids gegen das Kraftwerk Zwentendorf und die Atomenergie insgesamt zu verlangen. Wir sind ohnehin eingekreist und beziehen natürlich Atomstrom.

Es gibt Länder, die ohne eigene Atomenergie ihren Bedarf nicht decken könnten. Österreich gehört nicht dazu, die Leistungen der Windparks allein liegen bereits weit über dem europäischen Schnitt. Viele Gemeinden sind Vorreiter beim Einsatz von Biomasse und Sonnenenergie. Was an diesem 26. April jedoch einzumahnen ist: Es wird zu wenig gespart.

Tschernobyl ist stillgelegt. Aber der Sarkophag aus Beton ist brüchig geworden. Die Planungen für eine neue Umhüllung, so hoch wie die Freiheitsstatue, sind angelaufen. Bis zur Realisierung werden mindestens zwei Jahre vergehen, die Gefahr eines Einsturzes der alten Hülle ist groß, die Risiken ebenso.

Auch über die Atomdiskussion wurde inzwischen ein Sarkophag geschoben. Eine fundamentale Opposition gegen die friedliche Nutzung der Atomenergie wäre ebenso falsch wie ein Hurra angesichts der Fortschritte bei der Sicherheit. Die Debatte um die Atomnutzung im Iran zeigt, dass deren friedliche Variante schell zu einer kriegerischen mutieren kann.

Die Atomkraft bleibt auch zwanzig Jahre nach Tschernobyl eine widersprüchliche Technologie. Ob sie für den Menschen arbeitet oder sich gegen ihn wendet, hängt nicht nur vom Zufall ab. Sie ist Stromquelle und Vernichtungswaffe zugleich. (Von Chefredakteur Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 26.4.2006)

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