Totenglocke für den Fortschritt

11. Juli 2006, 09:57
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Endspiele und Zeitprognosen: Tschernobyl und die Kultur

Wien – Mit dem Kollaps der Kernschmelze, den ein vordem völlig unbekanntes Atomkraftwerk in der Provinz der damaligen UdSSR als weithin leuchtendes Fanal der Technikgläubigkeit erlitt, schienen die schlimmsten Voraussagen pessimistischer Kulturprognostiker bestätigt. Unter dem aktuellen Eindruck der "Antiquiertheit des Menschen", von Philosophen wie Günther Anders bereits lange vor Tschernobyl ins Treffen geführt, zerbröselten schlagartig die Fortschrittspfeile, die an eine gerichtete, vor allem vernünftige Entwicklung des Menschengeschlechts hatten denken lassen.

Das Gespenstische der Katastrophe verwirrte die Künste in den 80er-Jahren nachhaltig. Der gesundheitlich fatale Beschuss mit Teilchen entzieht sich notwendig jeder Anschauungsform – einzig an den ruinösen Folgewirkungen lässt sich das wahre Ausmaß des Technik-GAUs auch wirklich ermessen.

Ein sozusagen unheilvoller Vorwurf für die Zeitdramatik. Denn obwohl Michail Gorbatschow bereits "Glasnost" ausgerufen hatte, verkam die Masse der aktuellen Nachbearbeitungen zur Magerkost aktivistischer Tendenzliteratur. Theaterstücke wie Der Sarkophag von Wladimir Gubarew versammelten bloß das übliche Arsenal mehr oder minder entscheidungsfreudiger Menschen, deren übelste Exponenten das Fortkommen des "wahren" Sozialismus sabotieren.

Ein wahrhaft überraschender Bühnenerfolg im Nachhang von Tschernobyl war dem apokalyptischen Endspiel "Totenfloß" des biederen Dramenhandwerkers Harald Mueller aus Schleswig-Holstein beschieden. Obwohl ereignisunabhängig geschrieben, setzte es eine Schar mutierter Überlebender auf einem schiffbaren Untersatz aus, der über den Rhein schwamm. Muellers Menschen waren nachatomare Urmenschen: Figuren wie der Katastrophen-Puck "Checker" ließen sogar an Mad-Max-Fantasien denken.

Dazu erfand Mueller einen kongenialen Dialekt der Sprachverarmung. Atomkatastrophen, suggerierte das Stück, überlebt die Menschheit nur um den Preis ihrer zwangsläufigen Regression in die Vorzeit. Wie schrieb Heiner Müller bewundernd über seinen kurzzeitig berühmten Fast-Namensvetter? Der stelle "aus Spiegelscherben Röntgenbilder" her. Die Bühnen landauf, landab profitierten ausgiebig vom Chic der Untergangsvision.

Das Ende einer technizistischen Fortschrittsgläubigkeit war indes schon vor Tschernobyl mit Händen zu greifen. Der Philosoph Peter Sloterdijk kultivierte das Ideal einer neuen, "zynischen" Vernunft, die als Abbruchbirne für das Frankfurter Schul-Gebäude der Kritischen Theorie fungieren sollte. Die Dekade der Postmoderne begann das idealistische Axiom von der Beherrschbarkeit einer technisierten Welt auf dem Kehrichthaufen der Geschichte abzuladen. Gefragt waren mit einem Mal illusionslosere Geister, die der Emanzipationsbewegung (in deren materialistischer Fassung) endgültig das Totenglöckchen läuteten. Der Rest? War ein bis heute nicht abgeebbt habender Esoterikboom. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2006)

Von Ronald Pohl
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