Die Welt klingt ziemlich interessant

1. Mai 2006, 20:41
posten

Der britische Musikphilosoph und Musiker David Toop erforscht den Körper des Klangs

Krems – Mit seinem ebenso anregenden wie zum Widerspruch aufrufenden Essay Ocean Of Sound erforschte David Toop Mitte der 90er-Jahre vom Ohrensessel daheim in Großbritannien aus ganz allgemein gesprochen die Geschichte des Klangs. Ausgehend von den Anfängen der Musikaufzeichnung fand man sich mit dem Musiker und Schriftsteller so unverhofft in den Wäldern von Bali bei atavistischen Trommelriten ebenso wieder, wie parallel dazu Hochgeschwindigkeitszüge durch Tokio brausten. Mit singenden Sägen wird man bei der Lektüre Zeuge von der Erforschung des Weltraums in Zeiten des Kalten Krieges, begegnet Kraftwerk, Sun Ra, Aphex Twin, Brian Wislon oder verrückten jamaikanischen Studio-Wizzards wie Lee Perry und nimmt auf Raves Designerdrogen und hysterische Beats zu sich. Alles verhält sich zu allem. Und wenn dem nicht so sein sollte, David Toop macht es uns schmackhaft.

Mit seinem für das Donaufestival konzipierten Auftragswerk Sound Body begibt sich Toop dermaßen gerüstet gemeinsam mit Kollaborateuren wie den deutschen Elektronik- Grenzgängern Carsten Nicolai und Oval, dem britischen Free-Jazz-Veteranen Evan Parker und dessen Landsfrau, der Improvisationsmusikerin Kaffe Matthews, oder dem japanischen Klangforscher Akio Suzuki nun auf eine zweitägige Reise in jene Räume, in denen Klang nicht nur physikalisch, sondern auch sozial wie künstlerisch ausstrahlt.

Unter besonderer Berücksichtigung der diesbezüglich mit den Einstürzenden Neubauten oder bulgarischen Frauenchören schon einiges erlebt habenden Architektur der Minoritenkirche in Krems bietet David Toop mit Lesungsbrücken aus seinem schreiberischen Werk eine akustische Safari durch sich auflösende und miteinander verschmelzende Genres zwischen atonalem Befreiungsschrei und irrlichternden Computerprogrammen, zwischen Techno und Ambient, Ruf und Echo, Mensch und Maschine – und den Vorstellungen, die wir davon haben.

Ein heimlicher Höhepunkt des Festivals. (schach/SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2006)

  • Artikelbild
    foto: donaufestival/promotionfoto
Share if you care.