Im Herzen des Wohlklangs

1. Mai 2006, 20:41
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Conrad Lambert alias Merz bewegt sich mit seinen Songs zwischen charmanter Brüchigkeit und erhabenem Wohlklang

Nach langem Schweigen meldet sich Conrad Lambert jetzt zurück.


Krems – An der Grenze vom Erhabenen zum Kläglichen entstehen im Pop immer schon die interessantesten Arbeiten. Die Verzagtheit, oft auch ein Synonym für das Erschauern vor möglicher eigener Ergriffenheit und einem haltlosen Bejubeln einer je nach Gusto zweckgebundenen Sehnsucht, sie findet spätestens seit frühen Großtaten von David Bowie oder Roxy Music als Vertretern einer ersten Generation von reflexiven Künstlern des Genres Eingang in eine oft auch manische, um hybride Wahrhaftigkeit bemühte Kunst. Die kreist wie keine andere der letzten Jahrzehnte immer auch nachdenklich um sich selbst.

Der britische Einzelgänger Conrad Lambert bildet dabei keine Ausnahme. Als Merz führte ihn sein eklektizistisches Songwriting 1999 mit seinem gleichnamigen Debüt zwar nicht nur zum in Großbritannien unverhofften Ruhm als neue Sensation in einer inflationär sensationell verschrienen Umgebung. Renommierauftritte beim Glastonbury-Festival und in der britischen TV-Show Top Of The Pops inklusive.

Merz mochte diesem frühen Ruhm als neueste Hoffnung der über sich selbst und gemeinsam mit den Hörern über Rezeptionsmuster und deren Bedingungen nachdenkenden Popmusik in Folge sehr schnell nicht trauen. Auf sein hymnisch bejubeltes Debüt folgte erst einmal eine Phase des völligen Rückzugs. Lambert unternahm lange Reisen um den Globus, heiratete, pflanzte Bäume – und nach sechs Jahren Schweigen kehrt er jetzt mit den Songs seiner CD Loveheart zurück.

Diese klingen in ihrem Wissen um das eigene Tun nicht nur für heutige Verhältnisse unglaublich bescheiden im Wettkampf um im Pop längst unabdingbare ökonomische Aufmerksamkeiten. Mit sanften wie sanftmütigen Liedern im Stile von Dangerously Heady Love Scheme oder My Name Is Sad And At Sea und vor allem dem im Walzertakt schwankenden Verily gelingt Lambert auch eine zwischen erhabener Überfrachtung in der Nähe zum Pathos und kleinmütiger Gebrochenheit angesiedelte Form von Songwriting, die mittelbar mit ihm verwandten Songschreibern wie Chris Martin von Coldplay gut zu Gesicht stehen würde.

Besagte Coldplay bekennen sich auch derzeit als große Anhänger und Vertraute des Songschaffens von Merz. Immerhin gelingt Conrad Lambert auf CD über zehn Stücke (plus einem versteckten Songfragment am Ende) mit engelsgleicher Kopfstimme etwas, das seinen Bewunderern schon länger zur inhaltsleeren Formel gerinnt, moderne Folkmusik. Folk wie in: Volk.

Das klingt so einfach wie kompliziert. Gemeinsam mit Gästen wie Portishead-Sängerin Beth Gibbons oder Leuten von Goldfrapp ist Merz eines der nicht erwarteten Comebacks des Jahres gelungen. Bevor Merz wieder abtauchen sollte: Pflichtkonzert! (SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2006)

Von Christian Schachinger
  • Der britische Songwriter Conrad Lambert alias Merz galt Ende der 90er-Jahre als große Hoffnung des Brit-Pop der nachdenklichen Schule. Jetzt kehrt er mit "Loveheart" zurück.
Sa., 29. 4., 21 UhrHalle 1, Messe, Krems
    foto: edel

    Der britische Songwriter Conrad Lambert alias Merz galt Ende der 90er-Jahre als große Hoffnung des Brit-Pop der nachdenklichen Schule. Jetzt kehrt er mit "Loveheart" zurück.

    Sa., 29. 4., 21 Uhr
    Halle 1, Messe, Krems

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