Heißer Wind aus der Burger-Schachtel

1. Mai 2006, 20:37
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Mit der Performance "Die Geschichte von Ronald, ..." liest der Argentinier Rodrigo García der Konsumwelt nahrungs­mittelreich die Leviten

Krems Theater, das im Wesentlichen Verwandlung ist, lebt in unseren Breiten auskömmlich von der Verdauung hochkultureller Inhaltsstoffe. Hoch bezahlte Schauspieler verzehren Text, um ihn nach vollzogener Anverwandlung – in einem Akt zerebraler Verdauung – möglichst gestenreich wieder abzugeben.

Sublimierte Verdauungsleistungen wie die beschriebene weichen im Theater des Argentiniers Rodrigo García dem offenen Appellcharakter unverdaulicher Konsumartikel. García (42), eine Art Selfmade- Theatermann mit Produktionsbasis in Madrid, dem La Carnicería Teatro, ist ein Hysteriker der Agitation. Seine Bühnenkunst erzwingt den direkten, möglichst unverstellten Zugang zu den ungenießbaren Artefakten einer zusehends aus dem Ruder laufenden Weltkultur.

In "Die Geschichte von Ronald, dem Clown von McDonals"sic! wird nochmal der Glühdraht der klassischen Nachkriegs-Avantgarde bis zur Weißglut erhitzt. Drei Alltagsmenschen, "Twentysome^things" mit durchschnittlich antrainiertem Denk- und Fressverhalten, erleben auf offener Bühne die letzten Zuckungen einer gesellschaftlichen Einverleibungsekstase. Die Bürschchen entsinnen sich ihrer Kindheit: wie sie für jeden Leidensdruck, jeden familiären Todesfall, jeden Routineschnitt in die Vorhaut mit einem Besuch in der nächstgelegenen McDonald's-Filiale belohnt wurden.

Auf die trockene Feststellung, bereits früh auf Junk- Food konditioniert worden zu sein, folgt ein wahres Gewitter von Spasmen. Die bis dahin kaum verhaltensauffälligen Erzähler werden mit Milch und Orangensaft übergossen und wälzen sich, nur mit einem Slip bekleidet, wie leptosome Passionsspielmänner in den Lacken.

Was zunächst wie eine etwas beflissene Hommage an den Wiener Aktionismus und dessen verschwenderische Materialästhetik aussieht, entpuppt sich als Abrechnungsleistung anderer Art. García berennt wie ein wilder Stier die Generationen lang wachsende Wohlstandsbarrikade aus "Gestell" und Gerümpel. Seine Performance liefert gleichsam das Negativ zum verordneten Disziplinarregime: der Kontrolle des Menschen durch den Konsum.

Die veranstaltete "Sauerei", von mageren Klängen von Pan Sonic und Merzbow unterlegt, ist schon deswegen vor allem Epigonentum gefeit, weil sie die Beweislast förmlich umkehrt: Wer Dreck frisst, besitzt auch kein Anrecht auf einen "natürlichen" Körper mit "gesunden" Reflexen". Der un^gehemmte Genuss von Zeichentrickfilmen erzeugt eine seltsame Hommage an das Recht des Stärkeren: Den einen sei es bestimmt zu schlagen – die anderen werden geschlagen.

Garcías Performance ist eine Klappschachtel mit Nietzsche-Nuggets: ein "Ecce homo" für Dreckfresser, die keine Aussicht auf kulturelle Besserung haben. Fast rührend ist es mitanzusehen, wie sich die grimmig entschlossenen Schauspieler die Logos und Trademarks einer sinnlich entzerrten Welt auf die Leiber schmieren. Auf dem Markt konsumistischer Mobilmachung zählt doppelt, was den schnelleren Genuss ermöglicht. Von dieser Einsicht lebt auch die im besten Sinn verstörende Performance "Ronald, der Clown von Mc Donals"sic: Das Verschwinden von Realität stellt neue Anforderungen an Lebensführung und Kunstausübung.

Die finale Fantasie dieses mit Bohnen bekleckerten, mit reichlich Mehl berieselten Abends verkehrt den Zusammenhang von Innen und Außen. Der Clown der Junk- Food-Kette gelobt, die kleinen Konsumenten der "Happy ^Meals" wie Laborratten zu vergiften. Er durchschaut den lügenhaften Zusammenhang von schnellem Verzehr und lebenslanger Drangsalierung – und muss doch vor der verregelten Welt und deren korrupten Machthabern kapitulieren. Der Rest – ist Ekstase um ihrer selbst willen. Und das Wissen, dass Verdauungswinde das Gehirn benebeln. (SPEZIAL, DER STANDARD, Printausgabe, 26.04.2006)

Von Ronald Pohl
  • Wenn alles im Überfluss schwimmt, geht die Naturwüchsigkeit des Menschen flöten: La Carnicería Teatro in Krems.Am 27. und 28. April, 19 Uhr: Krems, Stadtsaal
    foto: sofía menendéz

    Wenn alles im Überfluss schwimmt, geht die Naturwüchsigkeit des Menschen flöten: La Carnicería Teatro in Krems.

    Am 27. und 28. April, 19 Uhr:
    Krems, Stadtsaal

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