Frauen für das Auge: "Triumph der Schönheit" in Krems

2. Mai 2006, 12:02
2 Postings

Die Kunsthalle zeigt erneut Malerei aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Diesmal wurde eine gediegene Salonmalerei-Auswahl getroffen

Krems – Und wieder versammelt die Kunsthalle Krems Spitzenwerke der Malerei der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Waren es im November letzten Jahres unter dem Aufhänger "Geheimnisse des Orients" Beispiele für detailreiche Haremsfantasien der Herren Jean Auguste Dominique Ingres, Eugène Delacroix, Leopold Carl Müller, Ferencz Eisenhut, Franz Lefler, Rudolf Ernst oder Jean-Léon Gérôme, so ist jetzt Salonmalerei angesagt – und damit der Triumph der Schönheit, die in jedem Fall weiblich gedeutet wurde.

Ein Beispiel: Wenn einer ebenso inbrünstig malt, wie er dichtet, mag zumindest er selbst an eine Doppelbegabung glauben. Bei Dante Gabriel Rossetti, dem Sohn des revolutionären Freidenkers Gabriele, welcher 1824 als politischer Flüchtling nach London kam, war das noch etwas komplizierter. Er erblickte 1828 das Licht des viktorianischen Zeitalters, und sein Leben sollte einzig der Suche nach einer Antwort darauf gewidmet sein. Rossetti versuchte wie ein Dichter zu malen und wie ein Maler zu dichten.

Er hat nach eigenen und auch fremden Gedichten Bilder gefertigt. Rossetti war anglikanisch getauft worden, allem Religiösen gegenüber aber von einer annähernd atheistischen Skepsis erfüllt. Was ihn nicht daran hinderte, zeitlebens einer Sehnsucht nach allem Mystisch-Okkulten zu erliegen. Italien hat er nie besucht, was ihn nicht davon abhielt, die "Präraphaelit Brotherhood" zu gründen, eine Vereinigung schwärmerischer Jungmänner, die Kunst und Leben erneuern wollte, ihr Heil im Zurück zur Natur, im Zurück zur Meisterschaft der Zeit vor Raffael suchte.

Und die vor allem eins wollte: weg vom Pomp des idealisierten Historienbildes, weg von den Kriegern, hin zu den Frauen – als Leinwände fürs Schwärmen, als Mittelpunkte kultischen Annäherns. Oscar Wilde entdeckte in Dante Gabriel Rossettis Bildern eine "Leidenschaft für die körperliche Schönheit", den Grundsatz der "ausschließlichen Berücksichtigung der Form" sowie ein "Suchen nach neuen Gegenständen der Dichtung, neuen Formen der Kunst, neuen Genüssen des Geistes und der Einbildungskraft".

Venus oder Mutter

In Krems ist Rossettis Venus Verticordia (1864/68) stellvertretend für all die anderen Idealwasserleichen der Gebrüder zu sehen. Und, nicht unweit davon, ein heimischer Gegenentwurf: Ferdinand Georg Waldmüllers Mutterglück von 1857, angelegt,‑ um seiner großbürgerlichen Klientel ein gutes Gewissen zu sichern, weil, verkündet die Leinwand: Wie ärmlich die Verhältnisse auch sein mögen, Mutter, Kind und Restfamilie sind pausbäckig, sorgen(falten)frei und möchten mit niemandem tauschen.

Also: In den Salon kam nur Malerei, in der immer alles in der rechten Ordnung war – wofür schon die technisch meist tadellose Machart der Bilder garantierte. Egal ob das Alltagsleben zum Thema der Bildfindung erkoren wurde, religiöse, moralische und politische Vorstellungen des Bürgertums, sowie seine Freuden, Fantasien und Leiden: Hauptsache alle sind hübsch und glücklich dabei.

Und von heute aus gesehen ist es sowieso ein Vergnügen, sich am perfekt gepinselten Schwulst bei Hans Makart oder Albert Joseph Moore zu delektieren beziehungsweise der Mademoiselle de Lancey durch die Augen von Émile Auguste Carolus-Duran beim Herumlungern zuzusehen oder durch Konstantin Makowski zu erfahren, wie eine russische Familie dreinschaut. (DER STANDARD, Printausgabe, 25.04.2006)

Von Markus Mittringer


"Triumph der Schönheit. Von Makart bis Rossetti"
Kunsthalle Krems
Bis 30. Juli
  • Albert Joseph Moores "Hoch-sommer" (1887, Öl auf Leinwand, 160,0 x 155,0 cm) aus der Russell-Cotes Art Gallery in Bourne-mouth.
    foto: kunsthalle krems/ the bridgeman art library /© russell-cotes art gallery and museum, bournemouth

    Albert Joseph Moores "Hoch-sommer" (1887, Öl auf Leinwand, 160,0 x 155,0 cm) aus der Russell-Cotes Art Gallery in Bourne-mouth.

Share if you care.