Hickersberger: "Es sollte schwer werden, uns zu besiegen"

5. Mai 2006, 10:44
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Der Teamchef war im Radiokulturhaus "Zeitge­nosse im Gespräch" - Es ging um Negativschlag­zeilen, den Weltmeister in spe und Cordoba

Der Teamchef nahm ausführlich Stellung . . .

[] . . . zu den Negativ-Schlagzeilen, für die der österreichische Fußball sorgt.
Hickersberger: Wir wissen, dass sich Zeitungen über ihre Schlagzeilen verkaufen. Doch natürlich stimmt Vieles im österreichischen Fußball nachdenklich. Probleme im Nationalteam und im Klubfußball sind nicht wegzuleugnen. Die EM 2008 rückt näher, dort werde ich im Mittelpunkt stehen, mehr, als mir lieb ist.

[] . . . zu seinen Beweggründen, sich dieses Im-Mittelpunkt-Stehen anzutun.
Hickersberger: Ums Antun geht es nicht. Die Herausforderung ist riesengroß, die größte im österreichischen Fußball. Ich wollte sie annehmen, bin Optimist. Wir sind weit entfernt von der Weltspitze, aber es sind noch zwei Jahre bis zur EM. Es gibt Hoffnungen. Es gibt den Salzburger Marc Janko, der momentan trifft und trifft, es gibt auch andere. Es wächst etwas nach.

[] . . . zur Ware Fußball, die immer öfter ein Fall fürs Konkursgericht wird, und zur verloren zu gehen drohenden Faszination des Spiels.
Hickersberger: Die Lust, die Freude am Spiel war für mich, als ich ein Kind war, das Faszinierende. Ich bin nach der Schule heim, hab die Schultasche ins Eck gestellt, bin ab zum Fußballspielen. Ab und zu haben wir uns ein Schmalzbrot geholt - und gespielt, bis es dunkel wurde. Ich hätte nie daran gedacht, mit Fußball Geld zu verdienen.

[] . . . zur Haltung der Eltern.
Hickersberger: Mein Vater war Prokurist in einem Schuhgeschäft, war Bergsteiger und war gegen Fußball. Ich bin ohne Wissen der Eltern meinem ersten Verein, dem ASK Amstetten, beigetreten. Die Schuhe habe ich im Keller versteckt, am Sonntag hab ich gesagt, ich geh in die Kirche, dabei war ich am Fußballplatz. Das hat für Irritationen gesorgt, als die Eltern draufgekommen sind. Später, als ich in Deutschland spielte, war es ein Schock für meinen Vater, wie viel Geld ich als Fußballer verdienen konnte und wie vergleichsweise wenig er mit ehrlicher Arbeit verdiente.

[] . . . zu den Ursachen des Nachwuchsproblems.
Hickersberger: Zunächst ist die Frage, wo die Kinder Fußball spielen sollen. Es gibt keine Gstätten mehr. Es gibt ein paar Käfige, dort spielen vor allem Ausländerkinder. Es gibt nicht genug Turnstunden in den Schulen, mir fehlt dort das Bewusstsein, wie wichtig ein gesunder Körper für den Menschen ist. Aber der ÖFB wird die Frau Gehrer nicht umstimmen. Der ÖFB hat einiges getan, hat in Nachwuchszentren, in die Ausbildung der Trainer investiert. Aber das allein reicht nicht aus. Die sinkende Begeisterung hat mit dem Wohlstand zu tun, zu meiner Zeit hat's nur Fußball, hat's noch lange keinen Computer, hat's kaum ein Fahrrad gegeben. In Brasilien gibt's bis heute nur Fußball.

[] . . . zum Spiegel, den Fußball der Gesellschaft vorhält.
Hickersberger: Fußball ist Teil der Gesellschaft, ist Teil der Wirtschaft. Natürlich hat die Globalisierung Folgen, die man bedauern kann. Arsenal spielt ohne einen einzigen Engländer, da können sich die Fans nicht leicht identifizieren. Mit dem Highbury-Stadion gibt Arsenal ein Stück Tradition auf, Arsenal ist gezwungen dazu, das neue Stadion wird weitaus mehr Zusehern Platz bieten. Aber auch im Teamsport Fußball lebt die Faszination vom Können einzelner Spieler. Was Ronaldinho zeigt, ist ein anderer Sport, ist Kunst.

[] . . . zur Zweiklassengesellschaft in der Bundesliga.
Hickersberger: Ich hatte gestern das Vergnügen, Dietrich Mateschitz kennen zu lernen. Der träumt davon, Nachahmer zu finden, die viel Geld in den österreichischen Fußball investieren. Ich glaube, er zieht das durch in Salzburg. Aber ich befürchte, nach dem Stronach-Rückzug, den ich bedaure, wird Salzburg auf Sicht in der Liga nicht genug gefordert werden. Ehrlich gesagt - auch mein Rückzug von Rapid hatte damit zu tun. Ich wusste, Rapid hat zwei Drittel weniger Budget, kann nicht mithalten, so habe ich die Flucht nach vorne zum Team angetreten.

[] . . . zur Wettaffäre bei Sturm.
Hickersberger: Ein heikles Thema. Ich glaube nicht, dass Österreich eine Insel der Seligen ist. In Deutschland, in Belgien et cetera gibt's Wettskandale, warum soll's in Österreich keinen geben. Den Sturm-Trainer Mischa Petrovic kenne ich gut, ich glaube fest daran, dass er nichts damit zu tun hat. Ich hoffe, der Schaden hält sich in Grenzen. In Deutschland gab's einen Wettskandal, und doch wächst und wächst zur WM hin die Begeisterung.

[] . . . zum Stellenwert, den der Fußball hat.
Hickersberger: Fußball ist Weltsportart Nummer 1, der Sport, in dem die Konkurrenz am größten ist. Das vergessen wir im Winter gern, wenn Österreicher ein Skirennen nach dem anderen gewinnen.

[] . . . zum Handlungsspielraum des Einzelnen, etwa des Fußball-Teamchefs.
Hickersberger: Auf Glück allein darf man sich nicht verlassen. Ich muss mit meinen Qualitäten, mit meiner Ruhe und Erfahrung, alles dafür tun, um meine Spieler positiv zu beeinflussen. Wir werden 2008, das ist schon abzusehen, nicht die besten Individualisten haben, aber es hindert uns niemand daran, die beste Mannschaft mit dem besten Teamgeist und Zusammenhalt zu stellen. Ich baue auf den Heimvorteil, aufs Publikum. Es sollte schwer werden, uns im ausverkauften Happel-Stadion zu besiegen.

[] . . . zu Cordoba 1978.
Hickersberger: Wir hatten etliche Legionäre und vor allem vier Jahrhundertfußballer auf einmal: Prohaska, Krankl, Pezzey, Schachner. Okay, was uns geblieben ist, ist das 3:2 gegen Deutschland, ein Ereignis seltener Qualität. Doch viele von uns sind heute überzeugt, dass zumindest das Spiel um Platz drei drinnen gewesen wäre.

[] . . . zum Gegensatz zu '06.
Hickersberger: Wir haben heute keinen Krankl, Prohaska, Pezzey oder Schachner. Leugnen ist zwecklos. Aber bis zur EM kann sich der eine oder andere entwickeln. Vielleicht wird Marc Janko zu einem Hans Krankl in spe. Es gibt auch andere, ich will keine Namen nennen, sonst werden sie gleich in den Himmel gehoben. Bei Janko ist das sowieso schon unvermeidlich.

[] . . . zum Weltmeister in spe.
Hickersberger: Ich habe meinen üblichen Tipp, mein Favorit ist Brasilien. Wenn man Weltmeister werden will, dann muss Brasilien besiegt werden. Vielleicht kann's Italien schaffen, vielleicht England. Bei der WM gibt's im Gegensatz zur EM keine großen Überraschungen. DER STANDARD - PRINTAUSGABE 24.4. 2006)

Das aufgezeichnete Gespräch
hören Sie am Donnerstag, den
27. April, um 21.01 Uhr auf Ö1.

Mit Josef Hickersberger sprachen Michael Kerbler (Ö1) und Claus Philipp (Der Standard)
  • Josef Hickersberger trat seinem ersten Verein ohne Wissen der Eltern bei. Heute ärgert er sich über den geringen Umfang des Schulsports. Und führt Österreich in die EM 2008. "Mit meinen Qualitäten."
    foto: standard/christian fischer

    Josef Hickersberger trat seinem ersten Verein ohne Wissen der Eltern bei. Heute ärgert er sich über den geringen Umfang des Schulsports. Und führt Österreich in die EM 2008. "Mit meinen Qualitäten."

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