Das Gedudel vom Traumstrand

1. Juni 2006, 16:45
9 Postings

Über die Traumstrände vor der Westküste Schottlands verliert man nicht viele Worte - Der Sprung ins kalte Wasser gleicht meistens einer Heldentat

Über die Traumstrände auf der Isle of Skye vor der Westküste Schottlands verliert man nicht viele Worte. Denn der Sprung ins kalte Wasser gleicht meistens einer Heldentat. Wer sich allerdings ins Gälische wirft, wird bemerken, dass der Sprache einige Worte fehlen. Nicht schlimm - die Landschaft spricht ohnehin für sich.

*****

In der Nacht des 27. Oktober 1884 wütete vor der Bucht von Aberdour im Nordosten Schottlands ein heftiger Sturm. Die "William Hope" zerschellte an den Klippen und drohte zu sinken. Für die 15 Matrosen an Bord schien die Lage aussichtslos. Wie jeden Morgen ging die 40-jährige Jane Whyte auch an diesem Tag mit ihrem Collie an den Strand. Da sah sie das Schiff, hörte die Hilferufe, und als ihr ein Matrose ein Tau entgegenwarf, sprang Jane in das eiskalte Wasser und schaffte es irgendwie, dieses am Strand festzumachen. So rettete sie die erschöpften Männer vor dem Tod. J. F. Nicholls schrieb ihr später zum Dank ein Gedicht. Heute hängt das Original zwischen anderen eingerahmten Erinnerungen im Haus von Jim Fraser, stolzer Großenkel der unbekannten Heldin. Stolz erzählt er auch diese Geschichte, auf das Gedicht angesprochen.

Wir sitzen im Garten seiner Privatpension in Ardvasar auf der Isle of Skye, einer der Hebrideninseln, trinken Tee und blicken nach Mallaig, aufs Festland. Wir werfen lange Schatten. Diese Nonchalance, mit der hier Rauheit und Poesie koexistieren, macht mich stutzig: Eine Nation mit so blutiger Geschichte, die den Geburtstag Robert Burns als Konationalfeiertag mit Haggies und Whisky begeht, karikiert sich doch selbst. Doesn't it?

Ich steige also in Glasgow in den Zug nach Mallaig. Von hier tauche ich an Whiskyfässern vorbei in eine andere Welt: Kräftig grüne Hügel liegen in der Gegend wie ungemachte Bettwäsche der Natur, zum Teil bewachsen von dichten Wäldern mit so scharf gezogener Baumgrenze, dass man meint, sie trügen Kittel, Kilts eben. Teiche glitzern wie Kosmetikspiegel in den moorigen Wiesen. Ortsschilder sind übrigens konsequent zweisprachig angeschrieben, und dies scheint hier niemandem Probleme zu bereiten. Außer mir, als ich versuche, die gälischen Namen halblaut auszusprechen. Das Wort Whisky entstammt dem gälischen uisge beatha, das Wasser des Lebens. Angeblich kennt das Gälische keine Wörter für "ja" und "nein". - Wer also nicht Nein sagen kann . . .

Hitchcocks Vogelnest

Mallaig, Endstation nach fünf Stunden Fahrt, ist ein Küstenstädtchen, ein verschlafenes Fischernest: bunte Fähnchen über den Straßen, der Seewind, Fischgeruch, Touristen, diese übergroßen weißen Möwen - Hitchcock. Mit der Fähre kommt man auf die Isle of Skye, nach Armadale. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg nach Ardvasar und Jim Fraser hat zufällig auch noch ein Zimmer zu moderatem Preis für mich frei.

Für "haben" kennt das Gälische angeblich auch kein Wort, und so frage ich mich, wie man es da mit der Zeit hält. Kann man die dann überhaupt haben? Jedenfalls entschleunigt hier die Stille alles. Die Nacht ist kühl. Mir ist nach Ruhe, und ich gehe in den Garten, sitze und lausche. Was man auf der Insel sonst noch machen kann? Ganz im Süden kann man Delfine beobachten oder den Leuchtturm anschauen, man kann reiten oder fischen, das Schlossmuseum in Armadale besuchen oder die Destillerie in Talisker. Abenteurer können zelten, eine Inseltour mit dem Fahrrad machen oder klettern. Oder man geht und schaut und hört einfach nur - geht man gar Richtung Süden, kommt man irgendwann nach Aird. Dort endet die Straße in einem Parkplatz. Links steht eine kleine Kirche, die heute vom Landschaftsmaler Peter McDermott bewohnt wird. Im Schuppen nebenan stellt er seine Aquarelle zum Verkauf aus. "Attention! Over-friendly dog!" steht auf einem Taferl am Eingang. Es sei ein guter Platz, nicht ein Grab befinde sich unter der Kirche, versichert mir Peter.

Rax mit Sandstränden

Gräser und Moose wachsen hier auf felsigem Untergrund, alte Wetterbäume greifen gichtig nach der Zeit, und ein weißes Haus steht so verloren in der grünen Landschaft herum, als hätte es ausschließlich dekorativen Zweck. Die Beschilderung ist sehr unauffällig, führt jedoch zielsicher zur Sandy Bay. Noch ein Hügel, und vor meinen Augen liegt das türkise Meer und der weiße Sandstrand, fast menschenleer. Rax meets Karibik? Nur wenige Sonnenhungrige verirren sich hierher, denn das Wasser ist saukalt, auch im Hochsommer. Schafe blöken und Möwen lachen im Choral, die Geräuschkulisse schrammt knapp an mutwilliger Konterkarierung der Schöpfung vorbei.

An der Anlegestelle vor der Abfahrt dudelt ein Schotte in Tracht vor staunenden Touristen in seinen Sack, wie es sich gehört. Er posiert mir bereitwillig für ein Foto. Dabei schaut er so überzeugend drein, dass ich mir fast verarscht vorkomme, und ich denke an das Schwarz-Weiß-Foto, das bei Frasers auf dem Frühstückstisch herumsteht: Ein alter langbärtiger Fischer in Ölzeug mit Schlapphut, breit in die Kamera grinsend, umarmt darauf seinen Enkel, der ebenso schelmisch grinst. Darunter steht: "Smile Dougie, they're tourists." (DER STANDARD, Printausgabe vom 22./23.4.2006)

Von
Armin Baumgartner
  • Aberdour
    foto: tourismusinfo schottland

    Aberdour

  • Armadale
    foto: tourismusinfo schottland

    Armadale

  • Gairloch Beach
    foto: tourismusinfo schottland

    Gairloch Beach

  • Summer Isles
    foto: tourismusinfo schottland

    Summer Isles

Share if you care.