Wirtschaftskriminalität wird auf die leichte Schulter genommen

2. Mai 2006, 16:06
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Österreichs Manager nehmen es mit Moral und Ethik im Unterneh­men nicht so ernst wie ihre europäischen Kollegen. Das werden sie sich abgewöhnen müssen, sagt eine Studie

Wien - Österreichische Unternehmen, oder besser deren Manager und Mitarbeiter, haben im Vergleich zu ihren west- und zentraleuropäischen Kollegen untypische, weil recht legere Ansichten zu Fragen ethischen und moralischen Verhaltens im Job.

Das Thema Bekämpfung von Betrug und Korruption im Unternehmen erachten nur drei Prozent der Österreicher für erfolgsentscheidend. Zentraleuropäische Unternehmer schätzen die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität doppelt so wichtig ein. Viel wichtiger sind den Österreichern die Themen Rentabilität und Kostenoptimierung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Wirtschaftstreuhänder von Ernst & Young. Sie haben im Februar und März eine Umfrage "Kriminell? Moral und Ethik in Ihrem Unternehmen" durchgeführt und in Unternehmen mit mindestens 1000 Mitarbeitern und Niederlassungen in mindestens drei Ländern nachgefragt.

Private E-Mails gehören zum guten Ton

Die Österreicher sind demnach auch optimistischer, was die Entwicklung krimineller Energien betrifft: Zwei Drittel gehen davon aus, dass "das Aufkommen betrügerischer Handlungen heuer unverändert bleibt", im europäischen Schnitt sagen das nur 58 Prozent. Noch untypischer die Meinungen, wenn es ums eigene Unternehmen geht: In Österreich gehen nur elf Prozent davon aus, dass in ihrem Unternehmen künftig mehr kriminelle Handlungen aufgedeckt werden, im EU-Schnitt sind es doppelt so viele.

Laut Ernst&Young-Partner Martin Goworek, der die Untersuchung am Freitag in Wien präsentiert hat, hinken die Österreicher aber auch bei ganz grundlegenden Einschätzungen hinterher. Nämlich bei der Beurteilung, was denn eigentlich als "unmoralisch" einzustufen ist. Das Fälschen von Berichten und Zahlenmaterial fällt eindeutig (98 Prozent) darunter, ebenso Dinge wie "Büroausstattung mit heim nehmen". Das Kopieren für private Zwecke empfinden dagegen nur noch 36 Prozent für unstatthaft, "privates E-Mailen während der Arbeitszeit" gehört eher zum guten Ton: Nur 20 Prozent der Befragten halten das für "unmoralisch" (in Gesamteuropa sind es 37 Prozent). "Die Österreicher haben da eine viel niedrigere Hemmschwelle als andere. Nimmt man an, dass ein Arbeitnehmer, der 2500 Euro im Monat verdient, sich eine halbe Stunde pro Arbeitstag mit privaten Mails beschäftigt, so entstehen dem Arbeitgeber daraus Kosten von 1400 Euro", rechnete Goworek vor.

Geringe Sensibilität

Insgesamt fällt das Zeugnis nicht sehr charmant aus: Die Sensibilität für Wirtschaftskriminalität ist hier zu Lande geringer als anderswo, das Vertrauen in interne Kontrollen und Revision dafür - allzu - groß. Genau da orten die Experten aber den größten Nachholbedarf: "Auch österreichische Unternehmer werden damit leben müssen, dass es viel mehr interne Kontrollen geben wird und mehr Berichte und Dokumentationen darüber", fasst das Ernst&Young-Österreich-Manager Georg Bauthen zusammen. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.4.2006)

  • Das Bearbeiten von privaten E-Mails während der Arbeitszeit gilt in Österreichs Unternehmen nicht einmal als Kavaliersdelikt.
    foto: standard/cremer

    Das Bearbeiten von privaten E-Mails während der Arbeitszeit gilt in Österreichs Unternehmen nicht einmal als Kavaliersdelikt.

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