Aufmarsch in der Südosttürkei

2. Mai 2006, 16:23
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Spekulationen über türkische Offensive gegen PKK im Nordirak - bis zu 240.000 Soldaten im Grenzgebiet zum Irak und Iran

In den nächsten Tagen sollen große Truppenverbände in den Südosten der Türkei verlegt werden. Dies gab der Generalstab der türkischen Armee bekannt. Für eine Großoffensive gegen militanten Verbände der PKK, sollen zu den bereits in den Militärbezirken Hakkari und Mardin stationierten Truppen, weitere Einheiten aus dem zentralanatolischen Kayseri und dem westtürkischen Isparta nach Osten verlegt werden.

Nach Angaben des Nachrichtensenders NTV währen dann rund 240.000 Soldaten im Einsatz. Die Zeitung Cumhuriyet berichtet, dass die Armee auch schweres Gerät wir Artillerie und Panzer in das Grenzgebiet zum Irak und Iran schafft.

Truppenkonzentration

Gerechtfertigt wird die massive Truppenkonzentration mit immer häufigeren Angriffen der "PKK-Terroristen" seit Anfang 2006. Seit der inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan vor knapp zwei Jahren den Waffenstillstand für beendet erklärt hat, sind mehrere Tausend Guerilleros vom Nordirak aus wieder in die Türkei eingesickert.

Vom Grenzgebiet zum Iran und Irak aus, verüben sie Überfälle auf Polizei, Gendarmerie und Militärstationen verüben. Bislang weigerten sich die US-Armee und die Verbände der irakischen Kurden der türkischen Forderung nachzukommen, die PKK im Nordirak zu entwaffnen. Nun will die türkische Armee das Problem selbst in die Hand nehmen.

Deal mit den USA

Letzter Anlass waren die gewalttätigen Ausschreitungen in kurdisch besiedelten Städten und der Besuch des US- Generalstabschefs Peter Pace in Ankara.

Pace hatte erklärt, die US-Armee würde solange nicht gegen die PKK vorgehen, wie sie die Lage im übrigen Irak noch nicht unter Kontrolle habe. Die türkische Armee richtet sich offenbar auf einen längerfristigen Einsatz im irakischen Grenzgebiet ein. NTV zufolge soll in Sirnak, einer Kleinstadt in den Cudi-Bergen ein Hauptquartier eingerichtet werden.

Der große Truppenaufmarsch hat in den türkischen Medien zu Spekulationen geführt, ob es sich vielleicht doch um mehr als nur eine Offensive gegen PKK-Militante könnte. "Sind wir auf dem Weg zurück in die 90er- Jahre?", fragten Fernsehkommentatoren besorgt und erinnerten an den de facto Kriegszustand in den kurdisch besiedelten Gebieten und die Einmärsche in den Nordirak, wo die türkische Armee regelmäßig gegen PKK-Lager vorging.

Etliche Militärs würden auch heute am liebsten selbst wieder gegen die PKK im Nordirak vorgehen, allerdings waren die USA bislang strikt dagegen. Das könnte sich jetzt vielleicht ändern.

Kommende Woche kommt US-Außenministerin Condoleezza Rice nach Ankara, hohe Pentagonmitarbeiter waren bereits vor ihr da. Viele Beobachter gehen davon aus, dass die USA türkische Unterstützung für einen Angriff auf den Iran suchen. Erst vergangene Woche war die Rede von drei neuen US- Marinestützpunkten. Im Austausch dafür könnte die Türkei grünes Licht für eine Intervention im Nordirak bekommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 22./23.4.2006)

Jürgen Gottschlich aus Istanbul
  • Infografik: Kurden in der Türkei und im Nordirak

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