Dreh und trink

21. Juni 2007, 13:55
16 Postings

Man kann es wenden und beleuchten, wie man man will - mit dem Jahrgang 2005 hat sich der Schraubverschluss als Alternative zum Naturkork etabliert

Auf leichteren, trockenen Weißen war der Schraubverschluss schon länger zu finden. Heidi Schröck aus Rust und Erwin Tinhof vom Leithaberg verschließen auch ihre süßen Beerenauslesen damit. Und selbst in der Wachau, wo man hartnäckiger als anderswo an Traditionen festhält, werden die Weinflaschen des Jahrgangs 2005 öfter denn je verschraubt - wenn auch bloß in der leichten Steinfeder- und mittelkräftigen Federspiel-Kategorie. Für die Topweine der Smaragde ist allerdings laut "Vinea-Wachau"-Statuten, die übrigens aus der Präalternativverschluss-Ära stammen, noch immer der 49 Millimeter lange Naturkork mit eingebranntem Jahrgang vorgeschrieben. Bei österreichischen Weinen betrage das Plus gegenüber dem Vorjahr "etwa 20 Prozent", so Gabriele Bonstingl, Leiterin der "Wein & Co"-Filiale Mariahilfer Straße, bei internationalen Weinen seien es immerhin plus zehn Prozent.

Punktuell regt sich immer noch Widerstand vonseiten der Pro-Kork-Fraktion. Rational begründbar war die Ablehnung aber nie. Kein Haubenkoch würde seine Kreationen in eine Verpackung stecken, die das Essen verderben könne, werben die Winzer für den Schraubverschluss um Verständnis. Und weshalb auf das Zehn-Sekunden-Ritual beim Flaschenöffnen mehr Wert gelegt wird als auf die dreiviertel Stunde danach, in der man den Wein trinkt, bleibt mindestens ebenso schleierhaft.

Tatsache ist immer noch, dass gar nicht wenige Winzer wider degustatorische Erfahrung und besseres Wissen zögern, alle ihre Erzeugnisse bis hinauf zu den Topweinen mit Schraubverschluss zu versehen. Ein Lied, das sich aber auch in der internationalen Weinszene ähnlich anhört: Beim australischen Topproduzenten Penfolds experimentiert man seit Mitte der 90er mit Drehverschlüssen bei hochwertigen Rotweinen. Die Erfahrungen seien "sehr positiv", so Chef-Weinmacher Peter Gago. Umgesetzt wird das, sobald die Kundenakzeptanz größer ist.

Normalität der Kunststoffpfropfen

Kunststoffpfropfen, zu Beginn ihres Erscheinens heftig abgelehnt, wurden mittlerweile zur Normalität. Sie tendieren dazu, nach durchschnittlich zwei Jahren der Lagerung porös zu werden und mehr Luft als erwünscht an den Wein lassen: Der Wein wirkt frühzeitig alt und müde. Glasverschlüsse, die erst vergleichsweise kurz auf dem Markt sind, wurden von den Konsumenten wegen Haptik und hochwertiger Anmutung sehr rasch akzeptiert. Die Erfahrungen der Winzer sind bisher positiv, die Kosten des Glasverschlusses inklusive Umrüstung der Füllanlage nicht gerade niedrig, Langzeiterfahrungen fehlen. In Vergleichsverkostungen desselben Weins, mit unterschiedlichen Verschlüssen - wie sie die Brüder Jurtschitsch in Langenlois auch heuer wieder anlässlich der "Tour de Vin" am ersten Maiwochenende anbieten - wurden die Weine mit Dreh- oder Glasverschluss meistens als am frischesten und ausdrucksstärksten empfunden.

Rein technisch ist der Drehverschluss, der auch gern mit dem Markennamen des ersten Weinschraubverschlusses "Stelvin" bezeichnet wird, ausgereift. Jene Schicht des Innenlebens, die mit Wein in Kontakt kommt, besteht aus lebensmittelechtem PVDC (Polyvinylidenchlorid) mit aufkaschiertem Zinn als Gasdichtung auf der Rückseite. Das Dichtmaterial muss übrigens dem Flascheninhalt angepasst werden, da sich z. B. Fruchtsäfte gegenüber diesen Stoffen anders verhalten als Wein.

Die jüngste Hoffnung der Kork-Verfechter ruht übrigens auf dem Diamant-Verfahren, das kürzlich von der Wiener Winzerin Marina Mostbeck in Österreich vorgestellt wurde: Der Naturkork wird fein granuliert, mithilfe überkritischen Kohlendioxids von Trichloranisolteilchen, jenem Stoff, der, gereinigt und mit Polyurethan wieder zusammengefügt, Korkgeschmack bewirken kann.
(Luzia Schrampf/Der Standard/rondo/21/04/2006)

  • Artikelbild
    foto: der standard
Share if you care.