Großmutter aus der Ferne

5. April 2007, 15:03
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Eine Bildgeschichte - erzählt von Martin Prinz anhand dreier historischer Werbeplakate

Ja - antwortete meine Großmutter während der wenigen Tage, die sie vor ihrem Tod im Bett verbringen musste -, ich habe Angst. Und hielt dabei den Kopf angestrengt vom Polster weg. Während sie immer öfter sagte: Ich kann nicht mehr. - Sie, die im Winter davor mit den Langlaufskiern in der Wiese vor ihrem Haus auf- und abgegangen war. Ski wie Stöcke liegen immer noch in der Garage des Hauses meiner Großeltern, als warteten sie. Genauso die damals von ihr noch neu gekauften, leuchtend roten Langlaufschuhe.

Natürlich ist meine Großmutter hier die so aufgeweckt winkende Skiläuferin für mich. Wie auch auf dem Bild davor die für den Augenblick einer Rast auf ihre eigenen Spuren zurückschauende Tourengeherin. Nicht als Erinnerung, ich bin nur ihr Enkel, doch als Vorstellung, die mich unweigerlich in alte Fotoalben führt. Und zu einer Fremden. Aufgefallen ist mir das erst nach einiger Zeit gebannten Blätterns. Als könnte die im Alter so schalkhafte, jedoch oft in so unverblümt ironischer Schärfe formulierende Dame als junge Skiläuferin nicht anders als einfach unternehmungslustig ausgesehen haben.

Vor dem Gipfelhang des Göller etwa, auf einer kleinen Kuppe. In Pluderhosen, die Jacke am Rucksack festgebunden, im Sonnenschein. Oder unter dunklem Himmel vor dem Dachstein-Gipfelkreuz, an dessen Querbalken unzählige kleine Eiszapfen, vom Wind in ein und dieselbe Richtung gedrängt, wie Wimpern wegstanden.

Erinnerungen auch in Schwarz-Weiß

Und auf noch vielen anderen Bildern und Bergen, die allein im Winter 1937/38 Riesner Krischpen, Mörsbachalm, Bärneck, Seekarspitz oder Donnersbachwald hießen. Anstiege und Abfahrten. Steilhänge, Gipfelaussichten und Rastplätze auf Grasflecken, die einem auch in Schwarz-Weiß jenen starken ersten Geruch von Frühling nahe rücken, den diese aperen Stellen dabei trocken und warm ausatmen. Jahre, letztlich Jahrzehnte, zwischen Vormittagsfirn und Nachmittagssulz.

Erst als aus den Touren Urlaube wurden und aus den Bergen Ortschaften, begann mich im Durchsehen der Fotoalben ihr Blick, ihre Kopfhaltung zu befremden. Ganz gleich, ob sie in die Kamera schaute oder ganz woandershin. Gesenkt, immer ein wenig nach vorn gebeugt. Wie vor und nach einem Schrecken gleichzeitig. Und mir wurde klar, dass dies auch auf früheren Fotografien so gewesen war.

Abgesehen von meinem Blick, höchstens verdeckt von einer größeren Unabhängigkeit, einer spürbaren Kraft, die auf den Familienurlaubsbildern immer notwendiger lediglich noch eine Schutzhaltung aufrechtzuerhalten schien: neben ihr die Kinder, und sie seltsam für sich allein. Ein Leben ohne Kinder, ohne Familie, vielleicht hätte allein ein solches ihr Spielraum für ihre Launen, ihren Eigensinn gegeben. Typischen Nachkriegsmutter-Rollenbildern hatte sie in vielen Belangen jedoch auch so nicht gerecht zu werden versucht.

Da aber war meine Großmutter - nachdem vor dem Krieg jahrelang sie diejenige mit einer Anstellung gewesen war - im Ort neben ihrem Mann anstatt der Deutschlehrerin Klara Ganner auch schon die "Frau Direktor", "Frau Bezirksschulinspektor", "Frau Bürgermeister". Für Jahrzehnte eine kleine Königin, in Lilienfeld.

Spiel einer Lebenskunst

Eine Rolle, in der sie, anfangs vielleicht nur unbewusst, das Spiel einer Lebenskunst des Komplizierten begann. Und darin den Alltag in vielen Augenblicken nicht weniger als mit seinen eigenen Waffen schlug: Welche Schuhe für welches Wetter? Welchen Schal, welche Kappe, welchen Mantel? Und was bräuchte sie für den Spaziergang danach? Dass ihr die Antworten dabei meist ziemlich egal waren, merkte kaum jemand. Oft nicht einmal sie selbst. Während sie diese Brille suchte oder jene, verlegte Schlüssel, Perlenketten oder Ohrstecker. Als müsste sie sich die dahinter unmerklich und doch immer kräftiger funkelnde Ironie aufheben. Was sie gleichzeitig nicht daran hinderte, sie manchmal umso übermütiger aufblitzen zu lassen.

So ist es etwa höchstens fünf, sechs Jahre her, als sie und ich auf der vielleicht größten Jagd nach ihren Schlüsseln ihr ganzes Zimmer auf den Kopf gestellt hatten. Bett, Boden und Schreibtisch waren übersät mit Tüchleins, Strümpfen, Schals, Haarreifen und dergleichen mehr. Bis sie mich angesichts der erreichten Aussichtslosigkeit jeglicher Ordnung einfach mit dem jungen Lächeln einer schönen Frau nach einem besonders koketten Schachzug ansah.

"Wie ist denn die Landschaft in Polen?" - Und als sie das noch in ihrem Sterbebett von mir über eine erst kurz davor absolvierte Lesereise wissen wollte, bekam auch ich eine Ahnung davon, wie Gegenwart gerade im Augenblick größter Abschiedsangst erst als Frage begreifbar wird. Und ich erzählte ihr zwar vom kaum waldhohen Dezembernebel entlang der Bahnstrecke nach Krakau und von einem von der untergehenden Sonne rötlich schimmernden Himmel darüber.

Doch die Augenblicke, in denen ihre Angst und die davor noch so deutliche Anspannung, die ich erst jetzt aus weit früheren Bildern kenne, verschwanden, hatten mit meiner Antwort viel weniger zu tun als mit ihrer Frage. In der sie mich leichterhand mitnahm in eine Landschaft in Polen.
(Der Standard/rondo/21/04/2006)

Martin Prinz ist Schriftsteller und lebt in Wien. Zuletzt publizierte er den Roman "Puppenstille" (2003, Jung und Jung)
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