Auffi oder obi?

2. März 2007, 17:10
posten

Entscheidungshilfen auf dem Berg vom Wetterdienst des Alpenvereins

Am Satellitentelefon sind Thomas und Alex Huber, die beiden bayrischen Kletterbrüder, die in den vergangenen zehn Jahren, gemeinsam oder getrennt, alle halsbrecherischen Felswände durchstiegen haben, die bis dahin als unbezwingbar galten. Jetzt hocken sie seit Wochen bei strömendem Regen in der Region des Cerro Torre in Patagonien und wollen wissen, ob es Sinn macht, auf Wetterbesserung zu warten, oder ob sie besser die geplante Erstbesteigung schmeißen und die Zelte abbrechen sollen. Auf dem Spiel stehen nicht unbeträchtliche Kosten einerseits, die Gesundheit, wenn nicht das Leben, andererseits.

Am anderen Ende der Leitung sitzt der Meteorologe Karl Gabl in seinem Wetterbüro am Innsbrucker Flughafen. Er bittet um eine Stunde Zeit, wirft seinen Computer an und holt sich die Wetterdaten, die ein britischer Großrechner in England parat hat. Dort, im Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage in Reading bei London ist alles gespeichert, was 40.000 meteorologische Stationen und 1200 Wetterballons auf aller Welt mehrmals täglich an Daten liefern: über Temperaturen, Winde, Niederschläge, Luftdruck.

Eine halbe Stunde später hat Gabl auf seinem Bildschirm, was er braucht, und das ist für die Huber-Brüder alles eher denn ermutigend. Zwar wird es für das Gebiet des Cerro Torre in einigen Tagen ein längeres Sonnenloch geben, aber bis dahin wird so viel Schnee fallen, dass an die geplante extrem schwierige Besteigung nicht zu denken ist.

Die Huber-Brüder in Südamerika, der Südtiroler Hans Kammerlander am Nuptse im Everest-Gebiet oder die österreichische Himalaya-Bergsteigerin Gerlinde Reinisch auf der 8000 Meter hohen Shisha Pangma sind nur einige der Weltstars des extremen Bergsteigens, die bei ihren Expeditionen die Dienste der Wetterstation der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik am Flughafen Innsbruck (ZAMG-Innsbruck) in Anspruch nehmen. Die eigentliche und wichtige Klientel von Gabls zehnköpfiger Crew sind ganz durchschnittliche Berggeher und Wanderer, die wissen möchten, ob sie für das Wochenende eine Durchquerung des Tennen- oder Karwendelgebirges oder die Überschreitung der Krimmler Tauern von Salzburg nach Südtirol planen sollen.

Und sie tun gut daran, dabei die Wetteraussichten in die Planung einzubeziehen. Zwei Drittel aller witterungsbedingten Bergunfälle trifft nämlich einfache Wanderer. Nebel, Wind, Temperaturen (Kälte, aber auch Hitze), Niederschläge sind einige der Gefahren, die einzukalkulieren sind, und dabei leistet die moderne wissenschaftliche Wetterbeobachtung wichtige Dienste. "Aus dem Zelt oder beim Hüttenfenster hinauszuschauen, ist passé", weiß Gabl: "Kaltlufteinbrüche mögen ein paar Stunden früher oder später kommen, aber sie kommen nicht überraschend." Den Meteorologen sieht der Tiroler dabei als "Synoptiker", dem eine Zusammenschau der Wetterphänomene gelingt. Das ZAMG Innsbruck hat sich damit weltweit als Zentrum speziell für alpines Wetter positioniert.

Um Bergwanderer gezielt auf Wettersituationen aufmerksam zu machen, wurde vom Österreichischen Alpenverein schon vor elf Jahren in Zusammenarbeit mit der Wetterdienststelle Innsbruck der AV-Wetterdienst eingerichtet. Zusätzlich zu einer täglich aktualisierten Website über das Wetter in den Ost- und Westalpen, mit einer Wetterkarte und einem Wettersatellitenbild von Europa offeriert der AV-Wetterdienst eine persönliche telefonische Beratung. Jeden Nachmittag unter der Woche informiert ein in Theorie und Praxis erfahrener aktiver Bergsteiger und Meteorologe über die kommende Wetterlage, ein nicht unheikles Unterfangen, wie Gerhard Markl, einer dieser Berater, weiß, kommuniziert er doch mit Bergsteigern, deren persönliche Fähigkeiten er meist nicht kennt. Markl: "Die Entscheidung können wir niemandem abnehmen, wir treffen keine juristischen Aussagen. Wir können aber beispielsweise sagen, dass das Wetter in den nächsten Tagen in den Dolomiten besser sein wird als im Gesäuse."

Ein wichtiger Teil der persönlichen Beratung, weiß Gabl, ist die Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit. Gewitter, wenn sie in der Luft liegen, kommen meist nicht vor dem frühen Nachmittag. Der Bergwanderer ist also ziemlich sicher, wenn er zeitig am Morgen aufbricht, dann aber jederzeit bereit ist umzukehren: "Up or down", "auffi oder obi", diese Entscheidung muss jeder zu jeder Stunde selbst treffen.

Sogar jene, von deren Handeln das Leben oder die Gesundheit anderer abhängen. Bergrettungsleute hören mit Erfolg auf den Rat der "Synoptiker". Nach einem Kletterunfall auf der Zugspitze rief die Garmischer Bergwacht in Innsbruck an: Das Wetter sei sehr schlecht, aber der Verletzte würde die nächste Nacht wahrscheinlich nicht überleben. Gabl überprüfte die Wetterdaten und rief zurück: "In einer halben Stunde reißt es hoffentlich für kurze Zeit auf, wenn dann der Hubschrauber bei euch ist, habt ihr eine Chance." - Und so war es dann auch. (Der Standard/rondo/21/4/2006)

Von Horst Christoph

Info

AV-Wetterdienst: Alpenverein Wetter
Telefon: 0512/29 16 00
(Mo-Sa 13 bis 18 Uhr)
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Rauf oder runter?

Share if you care.