Die satte Mehrheit

2. Juni 2006, 14:59
13 Postings

40 Millionen Schafe stehen in Neuseeland vier Millionen Menschen gegenüber

Der neuseeländische Traum ist ein sanfter: Wiesen und Felder in abgestuften Grüntönen, Vulkanhügel mitten im Wohngebiet, insgesamt sollen achtundvierzig Vulkane im erweiterten Stadtgebiet von Auckland existieren. Mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern ist diese Stadt die einzige Metropole der beiden Inseln, aus denen Neuseeland besteht.

Das Land der Antipoden, in Europa weit gehend außerhalb des Wahrnehmungsbereichs - sieht man davon ab, dass jeder weiß, dass "Herr der Ringe" dort gedreht wurde-, ist immerhin größer als Großbritannien und hat den üblichen Minderwertigkeitskomplex kleiner Brüder: "I support two teams, New Zealand and anyone who plays Australia", heißt die Aufschrift auf dem populärsten T-Shirt des Landes.

Der jüngste der frischen Vulkane Aucklands ist erst 600 Jahre alt, er schuf Rangitoto Island, eine dunkelgrüne Kuppe im Meer. Die Erhebung misst immerhin 260 Höhenmeter. Der tollste Aussichtspunkt liegt noch näher: Mount Victoria bei Devonport, vom Hafen mit einer Zwölf-Minuten-Fährfahrt und einem steilen Zehn-Minuten-Aufstieg erreichbar. Das grüne Gras auf der schwarzen Vulkanerde ist auf dem Mount Victoria so dicht, dass man Lust kriegt hineinzubeißen. Ein mild geschwungenes Plateau bietet nach jeder Seite, über die gesamten 360 Grad, eine spektakuläre Szenerie. Auf solchen Erhebungen hatten die Maori ihre so genannten "Pa" gebaut, befestigte Urbankerne einer uneuropäischen Frühzeit.

Diese liegt im Dunklen, doch es steht fest, dass die erste Besiedlung vor dem Jahr 1200 von polynesischen Pazifikinseln aus stattfand. Die riesigen und gar nicht scheuen Moa, flugunfähige Vögelkolosse von 250 Kilogramm, wurden von den Polynesiern im 14. Jahrhundert ausgerottet.

Das Nationaltier

Dafür überlebte eine Spezies, die heute das Nationaltier ist: der Kiwi, ebenfalls ein Laufvogel, ein monogamer Allesfresser mit plumpem Körper, der sich gerne im Gleichgewicht hält, indem er sich auf seinen Schnabel stützt. Der Kiwi ist berühmt für seine schrillen Pfiffe, die er nachts ausstößt, er macht das quasi ununterbrochen - außer bei Vollmond. Seit 1921 steht der Kiwi unter Artenschutz, 20.000 Kiwis leben in diversen Rückzugsgebieten, in den Wäldern hinter den grünen Wiesen mit den Schafen, die mehr als 20.000 sind.

Die heutigen Neuseeländer - weltweit inflationär als "Kiwis" bezeichnet - kostet es immer Kraft, den verzwickten Zusammenhang mit der Kiwifrucht aufzuklären, obwohl sie es regelmäßig und gerne tun: Die Kiwi stammt aus Südchina, hieß "Chinesische Stachelbeere", ihr Samen wurde von einer neuseeländischen Chinareisenden 1906 heimgebracht, später großflächig angebaut und unter dem Namen "Kiwifrucht" vermarktet.

Eigensinn ist tief verankert

Heute sind die Kiwis der weltweit größte Exporteur von Kiwis, die Frucht ist populärer geworden als das Nationaltier, aber in den Supermärkten sieht man paradoxerweise kaum Kiwis. Eigensinn ist tief in der Geschichte Neuseelands verankert - im Jahr 1642, beim ersten Versuch, auf Neuseeland Fuß zu fassen, scheiterte Abel Tasman, der das "Große Südland" gefunden haben wollte. Maoris kamen den holländischen Entdeckerschiffen in Kanus entgegen, die sozialen Codes zwischen Eingeborenen und Europäern stimmten nicht überein, was für die einen ein freundschaftliches Signal war, deuteten die anderen als Feindseligkeit. Bilanz: Vier Europäer wurden erschlagen. Angewidert suchte Abel Tasman das Weite, und 127 Jahre lang setzte kein Europäer mehr einen Fuß auf die Inseln - die aber seitdem als "Nieuw Zeeland" auf Karten verzeichnet waren.

Britische Kronkolonie wurde das Land erst 1840 durch den Vertrag von Waitangi, der sowohl Maoris als auch Briten Vorherrschaft versprach und in ein kriegerisches 19. Jahrhundert mündete. Davon merkt man in der größten Stadt des Landes heute wenig. Wären die Aucklander Badefreunde, würden die Stadtstrände aus allen Nähten platzen, aber sie sind es einfach nicht.

Sommerurlaub verbringt man im Norden der Nordinsel, und man schwimmt ungern: In Neuseeland werden vor allem Extremsportarten betrieben. Deshalb sind Buchten wie der kleine Muschelstrand "Ladies Bay" bei St. Heliers, in Autobusdistanz vom Hafen, auch an Sommertagen nie überlaufen. Die Damenbucht bietet den Badegästen die einmalige Gelegenheit, am Sandstrand auf einem kleinen Wiesenstreifen zu liegen. Ein paar Schritte Richtung Meer reißt das Gras ab, der Sand geht in bunten Muschelbruch über.

Aber das Besondere an Neuseeland sind weder die Städte noch die Strände. Um das Land zu sehen, fährt man zum Beispiel innerhalb von zwei Tagen mit der Eisenbahn von Auckland (Nordinsel) nach Christchurch (Südinsel).

Overlander

Der "Overlander", ein Panoramazug von charmanter Verblichenheit, verlässt auf seiner Schmalspur die Metropole jeden Morgen um 7.25 Uhr, eine Fahrt gibt Einblicke in ein Land, in dem Schafe vorherrschen. Weit und breit keine Kiwi (Frucht) und kein Kiwi (Vogel). 60 Millionen Schafe soll es vor zwanzig Jahren gegeben haben, heute sind es "nur noch" 40 Millionen, die vier Millionen Menschen gleichsam gegenüberstehen - als weiße Punkte im Grün.

Während man im "Overlander" Forschungen über die Verhaltensweisen australischer Pensionisten betreiben kann, herrschen jenseits der Scheiben ideale Bedingungen für Schafbeobachtung. Immer wieder galoppieren einzelne Schafe oder kleinere Schafgruppen angesichts der herandonnernden Eisenbahn von der Trasse weg, ihre weißgrauen Hintern präsentierend. Andere bleiben seelenruhig stehen - offenbar die erfahreneren oder cooleren Schafe - lassen Lärm und Wind über sich ergehen, ohne ein Ohrläppchen zu rühren. Weiter von der Trasse entfernt, grasen desinteressierte Kollegen. In der Schafswelt herrscht wenig Bewegung. Selten geraten zwei Schafe aneinander, aber dann geht es rund, alle anwesenden Artgenossen bilden einen Zuschauerkreis.

Bei Sonnenuntergang erreicht der Zug Wellington, die Hauptstadt an der Südspitze der Nordinsel, die rund um eine Bucht hügelig ins Landesinnere wächst - auch hier Erdbebengebiet, wobei die Erschütterungen des Jahres 1855 den Ausschlag für eine groß angelegte Landreklamation gaben. Wellington ist trotz seiner nur 200.000 Einwohner die Kultur- und Nachtleben-Stadt Neuseelands, berühmt für das 1998 an der Waterfront eröffnete Nationalmuseum "Te Papa" mit interaktiver Schilderung der Land- und Seegeschichte.

Das verschlafene Picton

Nicht weit von hier legen die Fähren ab, die das verschlafene Picton auf der Südinsel ansteuern. Von dort fährt ein weiterer Panoramazug, der "Tranz Coastal", nach Christchurch, in die dritte Großstadt des Landes. Auf dem Weg ins saubere, britische und vielleicht auch etwas langweilige Christchurch wird die Landschaft wieder dramatisch.

Entlang der Küste liegen Robben faul auf den Felsen, und an Küstenorten wie Kaikoura kann man Walbeobachtungstouren unternehmen und mit Delfinen schwimmen. Hier treffen sich kalte und warme Strömungen, das Wasser schimmert oft grün bis rot bis blau von Krillschwärmen, auch Leuchtgarnelen genannt, ein Zooplankton, das Wale und Robben lieben. Die Spezialisten erläutern, dass Krill Leuchtorgane besitzt, dass der Magen der Tiere durch die Haut schimmert.

Hinter Kaikoura biegt die Eisenbahn ins Landesinnere, durch die grellen, schrillen, matten und gedeckten Grüntöne, wie man sie sonst nur von Äquatorinseln wie Java kennt, schlängelt sich immer wieder durch wilde Gebiete, vorbei an Farnhainen und an Schafen und Schafen. Denn die Vorherrschaft bei den Kiwis haben die Schafe noch lange inne. (Der Standard/rondo/21/04/2006)

Service >>> Anreise: z. B. mit Singapore Airlines (SIA), die zweimal täglich ab Wien via Frankfurt und Singapur nach Neuseeland fliegen. Wer mit SIA über Singapur hinaus zu einer weiteren Destination fliegt, kann ab 22,50 Euro pro Person im Doppelzimmer einen Stopover-Aufenthalt in Singapur einlegen. Hotel Pan Pacific, 7 Raffles Boulevard, Marina Square, Singapore. Besonderes Special: Kostenlose Übernachtung für Fluggäste, die, von Australien und Neuseeland kommend, den Rückflug von Singapur für die Mittagsmaschine SQ 326 buchen. Infos zum Stopover-Programm sowie Ticketbuchungen unter Singapore Air, Hotline 0810 /111 213 oder in Reisebüros.

Weiterreise: Zwischen Auckland und Wellington verkehrt der "Overlander" (12 Stunden), zwischen Wellington und Picton die "Interisland Ferry" (unter drei Stunden), zwischen Picton und Christchurch der "Tranz Coastal" (sieben Stunden), Reservierungen für die Züge bei "Tranz Scenic", bookings@tranzscenic.co.nz,
Tel.: 0064 / 4 / 4950775.

Unterkunft: Wellington: Wellesley Hotel, 2-8 Maginnity Street, PO Box 308, Wellington (über dem Lambton Quarter), reservations@thewellesley.co.nz, Tel.: 0064/4/473 19 13.

Was auf den Inseln sonst noch kreucht und fleucht, erkundete Martin Amanshauser.

Martin Amanshauser, geb. 1968, Autor, "Alles klappt nie", Roman, Deuticke 2005, Amanshauser; Neu: CD von Amanshauser & Wenzl "Auf der falschen Seite von Ikebukuro", 2006, Amanshauser & Wenzel
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Insgesamt gibt es 40 Millionen davon

Share if you care.