"Rattenfänger" am Klavier mit Mozart als Köder

19. April 2006, 19:24
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Der Grazer Pianist Markus Schirmer debütiert am Donnerstag mit den Wiener Philharmonikern unter Valery Gergiev mit dem d-Moll-Klavierkonzert

Als Solist eines Mozart-Klavierkonzertes gibt der Grazer Pianist Markus Schirmer am Donnerstag unter der Leitung von Valery Gergiev sein Debüt bei den Wiener Philharmonikern. Dieses Werk Mozarts ist für den Pianisten auch von autobiografischem Belang.


Wien - Ganz ohne Mozart geht die Chose nicht. Und bei den Wiener Philharmonikern schon gar nicht. Daher hat auch das Schostakowitsch-Sandwich, das sie am Donnerstag als Soiree und am kommenden Wochenende in ihren Abonnementkonzerten unter Valery Gergievs Leitung im Musikverein servieren, mit dem d-Moll-Klavierkonzert (KV 466) seine obligate Mozart-Füllung.

Markus Schirmer ist in diesem Konzert jedoch auf sehr persönliche Weise involviert, die weit über das artistisch Pianistische hinausgeht.

Allein die Eindringlichkeit, mit der er den biografischen Stellenwert dieses Konzertes in Mozarts Leben schildert, ist auffällig. Am Tag seiner Uraufführung, dem 10. Februar 1785 war Mozarts Vater erstmals bei seinem Sohn zu Besuch in Wien. Das Verhältnis zwischen den beiden war seit Mozarts spektakulärem Abgang aus Salzburg getrübt.

Und wenn Schirmer nun diese Flucht Mozarts aus Salzburg als Emanzipation gegenüber dem dominanten Vater auffasst und die von diesem goutierte und hoch gelobte Uraufführung dieses Werkes als Akt der Versöhnung, da schwingt in diesem 42-jährigen "Rattenfänger am Klavier", als der er einmal bezeichnet wurde, zweifellos auch Autobiografisches mit.

War doch auch sein eigener Vater, der nach einer erfolgreichen Schauspielerlaufbahn in die Filmbranche gewechselt hatte, wohl auch nicht eben als undominant zu bezeichnen. In der geräumigen Patrizierwohnung am Grazer Opernring, in der er Hof hielt und verschiedene Größen der Grazer Theaterszene empfing, war Kunst das Thema eins.

Und als sich das von der Mutter sorgsam gepflegte und geförderte musikalische Talent des Sohnes schon in frühen Jahren zeigte, wollte der Hagel wohlgemeinter väterlicher Ratschläge und Ermahnungen nicht enden.

Lust zur Improvisation

Anlass zu derlei väterlichen Interventionen lieferte Klein Markus allein schon durch seinen bis heute noch hellwachen Hang zum Improvisieren und Komponieren, insbesondere in Form von Nachahmungen von Alltagsgeräuschen am Klavier. Mit einem selbst komponierten Lied mit italienischem Text errang er während eines Italienurlaubs schon im Kindesalter den ersten Preis bei einem Wettbewerb.

Wie Mozart hat sich jedoch auch Markus Schirmer gegenüber seinem Vater emanzipiert. Deutliche Spuren dieser Selbstbehauptung finden sich in seinem in vieler Hinsicht spürbaren Grenzgängertum.

Markus Schirmer ist trotz seiner fundierten Ausbildung bei Doris Wolf in Graz, Rudolf Kehrer in Moskau und Paul Badura-Skoda in Wien kein Bilderbuchpianist. Auch wenn seine Website (www.markussschirmer.com) vor Terminen zwischen Tokio und Caracas strotzt und seine Auftritte bei der Schubertiade, den Bregenzer Festspielen und dem Klangbogen und seine Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Sir Neville Marriner, Lord Yehudi Menuhin und Michael Gielen diesen Eindruck vermitteln mögen; auch wenn er heuer noch mit Schubert, Debussy und Berio auf eine große Konzertreise nach Washington, New York, Santiago de Chile, Rio de Janeiro aufbricht; auch wenn sich vor seinen Soloabenden in seiner Heimatstadt Graz das Publikum um die Karten rauft.

Nie zelebriert Schirmer die Musik, die er spielt, - und sich selbst schon gar nicht. Er erzählt die Noten und weiß vor allem auch die Pausen zu beinah klingender musikalischer Relevanz zu emanzipieren.

Und wenn er schon beim Erzählen ist, beginnt er am Klavier mitunter ebenfalls zur reden. Zum Beispiel im Dialog mit seinem Grazer Landsmann Wolfram Berger.

Im Projekt Engel im Kopf toben sich die beiden dann zum Gaudium des Publikums voll aus. Schirmer mit griffigen Bagatellen wie Rimski-Korsakows Hummelflug oder Claydermans Chanson pour Adeline, Berger mit Texten der Marx Brothers, von Samuel Beckett, Ernst Jandl, H. C. Artmann oder auch von seinem Liebling Karl Valentin.

Eigene Kadenzen

Auch als Solist des Mozart-Konzertes kann Markus Schirmer seine improvisatorisch-kompositorische Triebhaftigkeit nicht ganz unterdrücken. Die beiden Kadenzen, die er einlegt, stammen nämlich aus seiner eigenen Notenfeder.

Warum Valery Gergiev Markus Schirmer mag und Markus Schirmer Valery Gergiev, hat vielleicht die gleiche Ursache. In den Tagen, als sie vor drei Jahren Benjamin Brittens Klavierkonzert probierten und aufführten, haben sie eine gewisse Wesensverwandtschaft entdeckt. Und Mozart ist diesmal der Dritte im Bunde. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.4.2006)

Von Peter Vujica
  • Markus Schirmer: "Ich wünsche mir, dass Politiker so ernsthaft üben wie ich, bevor sie öffentlich auftreten."
    foto: standard/corn

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