Tschernobyl forderte 1.700 Tote in Österreich

11. Juli 2006, 09:57
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Neue Schätzungen nach OECD-Daten - Österreich war durch Regenfälle die am stärksten betroffene Region Westeuropas

Eine Studie im Auftrag der europäischen Grünen kommt zu dem Ergebnis, dass Österreich jene Region in Westeuropa war, die nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl am stärksten verstrahlt wurde. Der Tod von rund 1700 Österreichern sei darauf zurückzuführen.

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Brüssel/Linz – Rund 1700 Menschen sind in Österreich an den Folgen der Atomkatastrophe von Tschernobyl gestorben oder werden in den nächsten Jahrzehnten noch sterben. Das schätzt der britische Atomexperte Ian Fairlie auf Basis von Daten der EU und der OECD über Strahlenbelastung in den Ländern Westeuropas. Nach Cäsium-Messungen der EU-Kommission war Österreich aufgrund der damaligen Regenfälle die am stärksten betroffene Region Westeuropas, erklärte der in Fachkreisen geschätzte Experte in seinem Bericht.

Todesopfer in Folgejahren

Nach Messdaten der OECD wurden in Österreich in den ersten drei Jahren nach dem Unglück 16.600 Menschen mit einem Sievert (ein Messwert für biologische Verseuchung mit radioaktiven Strahlen) belastet. Im Durchschnitt könne man aber davon ausgehen, dass etwa zehn Prozent dieser Kennziffer in den Folgejahren als Todesopfer zu beklagen seien, meint der Experte, der so auf die Zahl von rund 1700 Menschen kommt.

Fiarlie und die deutsche Europaabgeordnete Rebecca Harms kritisierten die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) in Wien scharf, wonach nur von 4000 zusätzlichen Krebsfällen auszugehen sei. Es sei ist mit etwa 30.000 bis 60.000 zusätzlichen Todesfällen durch Krebs zu rechnen, sieben bis 15-mal mehr als die Schätzung von 4000 durch die IAEO. "Wir haben diesen Bericht als Gegen-Expertise zu den verharmlosenden Behauptungen in Auftrag gegeben, mit denen die IAEO sowohl die tödlichen Konsequenzen des Atomunfalls in Tschernobyl als auch die weit reichenden Auswirkungen auf Europa und die Welt herunterspielte", sagte Harms.

Regen über Stadtgebieten

Noch mehr Tote habe das Unglück in Italien und Westdeutschland gefordert, wo laut dem Bericht 9200 beziehungsweise 6000 Menschen der Katastrophe zum Opfer fielen oder noch fallen werden. Als Begründung gibt Fairlie an, dass in den beiden Ländern "der Regen anders als in Österreich nicht über den Bergen, sondern über den weit dichter besiedelten Stadtgebieten niedergegangen ist".

Oberösterreich-Studie

Grünen-Landesrat Rudi Anschober stellte am Mittwoch eine Studie vor, die sich mit den Auswirkungen des Reaktorunglücks auf Oberösterreich beschäftigt. Demnach können direkte fruchtschädigende oder krebsfördernde Folgeschäden in den besonders belasteten Gebieten "nicht signifikant bewiesen werden". Einzelfälle direkter Schädigungen als Folge "sind nicht auszuschließen, aber derzeit statistisch nicht nachweisbar", zitierte Anschober aus der Studie. (afs, APA, DER STANDARD Printausgabe 20.4.2006)

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    Kritik an der IAEO die gleichzeitig die Aufgabe hat, für die friedliche Nutzung von Atomenergie zu werben und die Folgen von Tschernobyl zu analysieren

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