Franzosen und Chinesen

8. März 2007, 11:32
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Der Höhepunkt des Oxfordbesuchs dürfte für die meisten französischen Jugendlichen ein CD-Kauf im Virgin Store sein - ein Kommentar der anderen

Unter den zahlreichen Ausländern in Oxford fallen zwei Nationalitäten auf: Franzosen und Chinesen. Die Franzosen treten als endlose Abfolge von Schulklassen in Erscheinung, die durch die engen Gassen Oxfords ziehen - diszipliniert und gutmütig, aber augenscheinlich wenig beeindruckt von der altehrwürdigen Architektur und Hortikultur der Colleges.

Big Mistake

Irgendjemand im französischen Bildungsministerium scheint zu glauben, dass es den "republikanischen Elitismus" junger Franzosen fördert, wenn sie einen Tag lang mit dem Gelehrsamkeit ausstrahlenden Ambiente Oxfords konfrontiert werden. Big Mistake. Der Höhepunkt des Oxfordbesuchs dürfte für die meisten französischen Jugendlichen nicht die grandiose Bodleian Library, sondern ein CD-Kauf im Virgin Store sein. Die Anwesenheit der vielen Chinesen, von denen die Mehrzahl so um die 25, 30 Jahre alt sind, hat einen ganz anderen Grund. Es handelt sich um "graduate students", die in China ein Grundstudium absolviert haben und in Oxford einen höheren akademische Grad erwerben wollen. Dass sie in Oxford studieren und nicht in Harvard oder am MIT, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis massiver Anstrengungen der Universität Oxford, sich auf dem (horribile dictu) "akademischen Weltmarkt" zu behaupten.

Vor Kurzem war der Kanzler der Universität Oxford, Lord Patten, auf Werbetour in Indien, und in den vergangenen Wochen haben etliche Oxforder Professoren ihren alljährlichen Chinabesuch absolviert, um Studienbewerber zu interviewen und auszuwählen. Das Interesse Oxfords (und anderer englischer Universitäten) am riesigen asiatischen Pool begabter, ambitionierter und zahlungskräftiger Studenten trifft sich mit deren Streben nach einem Weltklasse-Studium.

Die Hochschulsysteme Chinas und Indiens können die Nachfrage ihrer rasch wachsenden affluenten Mittelschichten nach qualitätsvollen Studien nicht ausreichend befriedigen, und ein akademischer Grad einer britischen Universität gilt allemal als Erfolg versprechende Investition in die berufliche Zukunft.

Selektive Zulassung

Abgesehen davon, dass die Studienzulassung in Oxford für Ausländer genauso selektiv ist wie für Inländer, kosten Weltklasse-Studien auch "Weltklasse"-Preise. Außereuropäische Studenten sind "Vollzahler", die im Unterschied zu englischen und EU-Studenten die "echten" Kosten des Studiums bezahlen müssen. Für ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach betragen in Oxford die reinen Studiengebühren ca. 14.000 pro Studienjahr, für ein naturwissenschaftliches Fach etwa 17.000 und für Medizin an die 30.000 (dazu kommen noch die in Oxford ebenfalls unangenehm hohen Lebenshaltungskosten).

Für diese stolzen Studiengebühren erhalten die Studierenden hervorragende Studienbedingungen: einen persönlichen Betreuer, kleine Seminargruppen, State-of-the-Art-Labors und eines der besten Bibliothekssysteme der Welt. Man ist sich in Oxford darüber im Klaren, dass das akademische "Preis-Leistungs-Verhältnis" stimmen muss, denn hinter dem Horizont lauert die Konkurrenz amerikanischer und australischer Universitäten.

Happy Easter, dear readers! (DER STANDARD-Printausgabe, 16.4.2006)

Von Karl Heinz Gruber, Universität Wien, zurzeit Universität Oxford.

karl.gruber
@edstud.ox.ac.uk

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