The Dresden Dolls: "Yes, Virginia"

    7. Mai 2006, 17:40
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    Trauriger als zuvor, aber erwartungsgerecht unterhaltsam klingt das neue Album des Bostoner Duos

    Eine Rauschidee auf einem Bostoner Halloween-Fest war es, die Amanda Palmer und Brian Viglione vor sechs Jahren eine Band gründen ließ. So weit nichts Neues. Nur, dass es den Dresden Dolls mit ihrem ersten Konzeptalbum so gut wie Wenigen gelang, Musikinteressierte der unterschiedlichsten Stilvorlieben zu begeistern. Ihre Mischung aus Punk und Weimarer Kabarett schien auf ein rezeptives Bedürfnis getroffen zu haben, das zuvor scheinbar niemand gedeckt hatte. Als Vorgruppe der Nine Inch Nails etwa stießen sie auf ein derart großes Interesse, das bald danach eine eigene Headliner-Tour auf den Plan rief.

    Die zwei größten Hits der ersten Veröffentlichung, "Coin-Operated Boy" und "Girl Anachronism", kombinierten Themen der Geschlechter-Infragestellung mit Konflikten zwischen bestehenden Geschlechterrollen, ohne je die sarkastische Distanz zum Thema zu verlieren. Ebendies gelang den Dresden Dolls auf ihrem jüngsten Album "Yes,Virginia...". Skeptisch betrachtet liegt hier lediglich eine Nachgeburt des Debüts vor, aus einer wohlwollenden Perspektive, die wir hier einnehmen wollen, handelt es sich jedoch um weitere Verdichtung der Dresden Dollschen Manier, die der Welt nicht vorenthalten werden sollte.

    Neun Monate Urlaub

    Hämmerndes Klavier und der akzentuierte, beißerische Gesang der stimmlich merkbar gut ausgebildeten Palmer dominieren auch auf "Yes,Virginia...", übrigens der Antwort auf die 1897 in einem Leserbrief an die "New York Sun" geäußerte Frage der achtjährigen Virginia über die Existenz des Weihnachtsmanns, das Geschehen. Die bombardierten Porzellanpuppen führen auf eine Reise zur frommen Holocaust-Leugnerin "Mrs.O" und zur Medizinstudentin Mandy, die freudig zu erwarten weiß, was ihre Patientinnen in guter Hoffnung erwartet: "How about a nine-month long vacation and a two-foot coffin?"

    Hinter der sarkastisch-kabarettistischen Fassade verbergen die Dresden Dolls nun aber weniger als zuvor ihre Vorliebe für das Einsame, Eigenbrötlerische. „My first orgasm“ ist weniger ein Loblied auf die erste sexuelle Erleuchtung als eine Protokollierung des Morgenrituals einer unfreiwillig allein Lebenden: "I’m taking matters into my own hands…..won’t you hold me?" In "Me & The Minibar" retten die soeben erstandenen Walmart-Kerzen die Geburtstagsparty in einer überschaubaren Runde von schraubköpfigen Gästen aus der Hotelbar.

    Ob Textzeilen wie "Sing for the president sing for the terrorists sing!" reichen, um der Platte ein "Explicit content" zu verleihen? Offensichtlich ja. Gerade deshalb, ein Parental Advisory an dieser Stelle: "Yes,Virginia..." notieren für die kommende Geburtstagsliste Ihres Teenage-Kindes. (mas)

    • The Dresden Dolls: "Yes, Virginia" (Roadrunner/Edel 2006)
      foto: the dresden dolls

      The Dresden Dolls: "Yes, Virginia"
      (Roadrunner/Edel 2006)

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