Kämpfen - und Memory spielen

11. Juli 2006, 09:57
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Karin Pollack erinnert sich an die Zeit als Dolmetscherin für Tschernobyl-Kinder

Es war ein schöner Herbst, damals vor 16 Jahren, als die acht krebskranken Kinder aus Tschernobyl im St. Anna Kinderspital ankamen. Die Geschichte war durch die Medien gegangen, eine Ärztin hatte sie aus Minsk geholt, die Stadt Wien zahlte Aufenthalt und Behandlung. Vier Jahre nach der Reaktorkatastrophe war die Hilfsbereitschaft nicht verebbt, im Gegenteil: In Weißrussland und der Ukraine gab es keine medizinische Behandlung für Tumorerkrankungen, die westlichen Standards entsprochen hätte. Viele Kinder, die hier hätten gerettet werden können, starben dort.

Leben mit Krebs

Nicht alle acht krebskranken Kinder waren mit ihren Eltern nach Wien gekommen. Sascha Balaschov zum Beispiel. Er kam allein, war sechs damals, hatte einen Tumor im Muskelgewebe am Bauch und so wie alle anderen durch die Behandlung keine Haare mehr auf dem Kopf. Die Mutter eines anderen krebskranken Mädchens sollte sich um ihn kümmern, aber das klappte schlecht. Sascha sprach kein Deutsch, die Ärzte und Schwestern nicht Russisch, und als es dem aufgeweckten Sascha eines Tages während einer Chemotherapie gelang, sich mit seinem ebenfalls krebskranken Freund Wowa in den Billa auf die Alserstraße abzusetzen, um dort endlich einmal in Ruhe all die schönen Dinge des goldenen Westens bestaunen zu können, läuteten im St. Anna Kinderspital die Alarmglocken: Menschenansammlungen während der Chemotherapie sind für das geschwächte Immunsystem der Kinder lebensgefährlich. Für die Neugierde von Sascha und Wowa, die beide aus armen Dörfern kamen und so viel Obst, Wurst und Gummitiere in den Regalen noch niemals gesehen hatten, konnte das Krankenhaus kein Verständnis zeigen. Jemand musste sich um die russischen Patienten kümmern.

Knochenkrebs durch Brennholz

Und da lernte ich sie also kennen, die Truppe aus Minsk. Die kleine Katja, die ganz fantastisch Memory spielte und mich sehr oft - um mich bei Laune zu halten - gewinnen ließ und mir russische Reime beibrachte. Oder die achtjährige Luda, ein Mädchen mit einem Tumor an der Niere, die mit ihrer Mutter in kompletter Symbiose verschweißt lebte und sich keine Sekunde von ihr trennen wollte. Beide konnten es lange Zeit gar nicht fassen, dass es so etwas wie Infusomaten gibt. Im überfüllten Krankenhaus in Minsk hatte sie die Tropfen aus den Infusionen noch selbst gezählt: 20 Stück pro Minute sollten in Ludas Adern tröpfeln und die Tumorzellen in ihrem Blut bekämpfen. Die Hübscheste von allen: Marina. Ihre Mutter gab dem Holz, mit dem sie die vergangenen drei Jahre geheizt hatten, Schuld am Knochenkrebs ihrer Tochter.

Eines verband die Russen: Sie alle hatten den Eindruck, das ganz große Los gezogen zu haben. Nicht nur dass die Kinder hier im Krankenhaus verpflegt und versorgt wurden, auch das Geld-aufstellen für lebensnotwendige Medikamente war für die Eltern mit einem Schlag vorbei. Kurzum: Die Hightech-Ausrüstung und die im Überfluss vorhandenen Medikamente im St. Anna Kinderspital würden alle kranken Kinder sicher wieder gesund werden lassen. Davon waren alle russischen Mütter überzeugt.

Zur Erklärung: Krebs im Kindesalter, dazu gehören vor allem Tumore und die verschiedenen Formen von Leukämie, haben gute Chancen auf Heilung, wenn sie früh diagnostiziert - und schnell behandelt werden. Die Kinder aus Minsk hatten alle eine lange Krankengeschichte hinter sich. Trotzdem: Der Kampf gegen die bösartigen Zellen begann in Wien nun auf einem neuen Level. Ich übersetzte Arztgespräche, kaute Gehörtes immer wieder durch, begleitete die Therapie, die von den Patienten Kooperation verlangte, spielte mit den Kindern und brachte ein bisschen Normalität in den Alltag der überforderten Eltern. Seit damals weiß ich, wie man am besten Buchweizengrütze kocht.

Abseits von Blutbild und Harnbilanz

Vor allem aber rief ich um Hilfe, wenn die Situation - und das tat sie oft - aus dem Ruder lief. Eingebettet in das psychosoziale Team des St. Anna Kinderspitals, funktionierte das sehr gut. Ich erzählte, was mir erzählt wurde, und auf den Krankenstationen wusste man dann besser, wie es den kleinen Patienten - einmal abgesehen von Blutbild und Harnbilanz - ging. Danach ließen sich bessere Lösungen für manche Probleme finden.

Hatte ich Mitleid, wenn es den Kindern schlecht ging, sie weinten, sich gegen die Behandlung sträubten und nach Hause wollten? Natürlich. Allein: Die Mischung aus innerer Distanz und Anteilnahme war die bessere Mischung für das, was alles anstand. Ich übersetzte, gab Menschen in Extremsituationen eine Stimme, half mit Unterstützung des Spitals und des Elternvereins, Wohnungen und Taschengeld zu organisieren - und bürokratische Hürden zu überwinden.

Verbotene Worte

Bei alldem gab es ein wirkliches Problem. Russische Kinder durften die Tragweite ihrer Erkrankungen niemals erfahren. Die Mütter verboten Ärzten und Psychologen, das Worte wie "rak" (Krebs) oder "umeret" (sterben) auch nur in den Mund zu nehmen. Das entsprach nicht hiesigen Gepflogenheiten, denn schließlich sollten die Kinder wissen, wogegen sie kämpfen müssen. Die Folge: Wenn ihre Mütter weinten, waren die Tschernobyl-Kinder mit ihren Gedanken allein.

Viele fuhren sterbenskrank nach Hause zurück. Katja, die Memory-Heldin, war die Erste. Die Mutter hat später einen Brief geschrieben, dass sie zwei Wochen nach der Rückkehr eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht ist. Sie und viele andere haben den Kampf gegen die bösen Zellen verloren. Für die Eltern war es unendlich schwierig zu begreifen, dass nicht einmal westliche Hightech-Medizin sie retten konnte. Oleg und Anton starben in Wien, und was aus allen anderen Kindern geworden ist, weiß ich nicht. Sie sind in ihre weißrussischen Dörfer, auf die der radioaktive Regen gefallen war, zurückgekehrt. (DER STANDARD Printausgabe, 15./16./17.04.2006)

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