Der Hauptmann im Riesengebirge

10. Juli 2006, 15:18
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Die Sage von Rübezahl bestimmt seit jeher die mystische Landschaft des polnischen Riesengebirges

Manchmal lauert Rübezahl in einer Kurve. In Karpacz zum Beispiel, in Krummhübel. Eine Straße führt durch den sieben Kilometer langen Ort Karkonosze im polnischen Riesengebirge. Nun kommt es sicher nicht alle Tage vor, dass einem Autofahrer mitten in der Abwärtsfahrt von 885 auf 500 Meter Seehöhe der Motor ausgeht. Wenn aber doch, kann es sein, dass sein Fahrzeug statt weiter bergab ein Stückchen rückwärts hochrollt - von unsichtbarer Hand geschoben. Wenn das passiert, bleiben Sie unbesorgt! Sie wissen ja jetzt, wer dahinter steckt. Auch wenn nüchterne Denker behaupten, eine leichte Senke in der Kurve sei der Grund für die Erscheinung.

Auf halbem Weg von Karpacz zur 1602 Meter hohen Schneekoppe überrascht - versteckt zwischen Buchen, Eschen und Fichten - die Bergkirche Wang. Sie gehört eigentlich nicht nach Polen. Vielleicht gerade deshalb pilgern seit 1844 Jahr für Jahr Interessierte auf die Anhöhe, um zwischen geschnitzten Wikingerfratzen, stilisierten Elchen und harzgetränkten Kiefernholzsäulen das Staunen zu lernen. Die skandinavische Stabkirche wäre verloren, hätte sich nicht der Maler und Kunstkenner Prof. Johan Christian Dahl für sie ins Zeug gelegt. Das Kirchlein, seit Ende des 12. Jahrhunderts am südnorwegischen See Wang gelegen, sollte 1840 einem größeren Gotteshaus weichen. Prof. Johan Christian Dahl brachte den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. dazu, das Kleinod zu erwerben, ursprünglich für die Pfaueninsel in Berlin. In Teile zerlegt wurde die Kirche verschifft und landete schließlich in Karpacz-Bierutowice.

Tourismus predigen

Dort steht sie nun, am höchsten Punkt der Stadt. Heute profitiert die evangelische Krummhübeler Pfarrgemeinde stark vom Tourismus. Eine "reiche Gemeinde" sei sie darum, findet zumindest Jaroslaw Pohorecki, der als Wander- und Bergführer im Riesengebirge den Vergleich hat. Jährlich besuchen mehr als 200.000 Menschen die Kirche Wang. Und seit 1995 schickt die Evangelische Kirche in Deutschland Pfarrer nach Karpacz, die mittlerweile auch Ansprechpartner für die Touristen sind. Der 68-jährige Pfarrer i. R. Klaus Dieter Härtel ist selbst gebürtiger Breslauer. Für ihn ist seine neue Aufgabe etwas ganz Besonderes: "Früher waren die Polen unsere Gegner. Und jetzt bin ich hier beim Abendmahl beteiligt, das macht etwas mit einem." Der ehemalige deutsche Friedhof hinter der Kirche Wang ist in den vergangenen zehn Jahren als Kulturdenkmal wieder aufgebaut worden. Die polnische Politik aus den 60er-, 70er-Jahren, Zeugnisse einstiger deutscher Kultur zu vernichten, ist längst passé.

Die so genannten "Heimwehtouristen" machen einen großen Teil der Urlauber aus, die in den kleinen Orten im Riesengebirge Station machen. Das ändert sich jedoch allmählich und es kommen junge Entdecker und Sportler. Im Winter haben Skifahrer die Wahl zwischen risikoarmen Abfahrten und kurvenreichen Pisten wie der "Lolobrygida". Im Sommer können Wanderer lange Strecken zurücklegen. Manche lieben den Kick, den die Schule für Felsenkletterei und Extremsportarten Quasar in Szklarska Por¸eba bereit hält: in 36 Meter Höhe über luftige Hängebrücken schaukeln, sich von Felsklippen abseilen oder am Tirolerzug in die Tiefe gleiten. Nicht nur Touristen testen hier ihren Mut, auch Grenzpolizei und Antiterrorgruppen lassen sich an den Felsen schulen.

Oder einmal Cowboy oder Goldschürfer sein: In "Western City" zwischen Karpacz und Sci¸egny kann jeder in solche Rolle schlüpfen. Rund 2000 Besucher am Tag - viele davon Biker - versuchen sich im Rodeo, hängen im Saloon ab oder stellen sich freiwillig an den Pranger. Die weitläufigen Gebirgszüge und die Silhouette der Schneekoppe werden in ihrer Fantasie zu den Rocky Mountains.

Geschichten ausgraben

Die Hoffnung, Gold und Edelsteine zu finden, trieb von jeher Abenteurer und Unternehmer ins Riesengebirge. Hinter jedem Felsen, unter jedem Baum im Riesengebirge konnten sie zumindest eine Legende ausgraben. Von den Fabeln inspirieren ließ sich der Bühnenautor, Schriftsteller und Dichter Gerhard Hauptmann, der mit sozialen Stücken wie "Die Weber" - in der ursprünglichen Dialektfassung "De Waber" - Schlesien ein Denkmal setzte.

Weberhäuser gibt es heute noch im niederschlesischen Schömberg zu besichtigen, unweit von Libau an der tschechischen Grenze. In Agnetendorf, heute Jagniatkòw, lebte der Nobelpreisträger; in seiner "Villa Wiesenstein" blieb er bis zu seinem Tode im Jahre 1946. Wiesenstein, zu Lebzeiten des Literaten ein geistiger Umschlagplatz für die Breslauer, Berliner und Dresdner Elite, ist seit 2001 als Museum eingerichtet.

Geplatzte Pläne

Den freien Blick auf das Riesengebirgspanorama, den Gerhard Hauptmann hatte, verstellen heute alte Eichen, Eschen und Tannen. In ihrem Schatten fände Rübezahl wunderbare Verstecke. Wer weiß: Vielleicht hat er schon früher hier sein Unwesen getrieben. Vielleicht sind die Felsengruppen, die der Villa ihren Namen gaben, geplatzte Dichtergedanken?

So wie die "Sausteine" im Nationalpark Riesengebirge eigentlich geplatzte Schweine sind. Denn als Rübezahl, der sich einst als Schweinehirt verdingte, seinen verdienten Lohn nicht ausgezahlt bekam, wurde er wütend. Hatte der Bauer doch mit Absicht drei Schweine versteckt, um einen Verlust vorzutäuschen, den er Rübezahl ankreiden wollte. Der aber führte den Bauern zu der Stelle, wo er die Tiere versteckt hielt. Die Schweine ließ er aufblähen, bis sie so groß wurden, dass sie schließlich zerplatzten. Als zu Stein gewordener Mythos aber werden sie im Riesengebirge länger überdauern, als es ein Schweineleben geschafft hätte. (Der Standard, Printausgabe 15./16.17.4.2006)

Von Laelia Kaderas

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  • Wroclav, die viertgrößte Stadt Polens
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