Raidl geißelt Postenschacher in Seibersdorf

4. Mai 2006, 19:41
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Böhler-Chef Claus Raidl, des Kanzlers Wirtschaftsberater, spricht sich massiv gegen Besetzungen mit "Parteifreunden und Burschenschaftsbrüdern" aus

Wien – "Wenig Fingerspitzengefühl" attestiert Böhler-Chef Claus J. Raidl der Auswahlkommission bei der Bestellung des zweiten Geschäftsführers für das Forschungszentrum Seibersdorf. "Das Gorbach-Ministerium scheint seine schlechte Tradition fortzuführen, Parteifreunde und Burschenschaftsbrüder in Geschäftsführerpositionen zu hieven", kritisiert Raidl das Nominierungskomitee unter Noch-ÖIAG-Vorstandsmitglied Rainer Wieltsch.

Dem Komitee gehört neben Seibersdorf-Präsident Wieltsch pikanterweise auch Raidls Vorstandskollege und Forschungsratschef Knut Consemüller an. Mit von der Partie sind weiters ARC-Vizepräsident und Ex-Verkehrsminister Mathias Reichhold, Forschungssektionschef Andreas Reichhardt, FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner und Berndorf-Chef Norbert Zimmermann. Sie haben Ende März einstimmig für den Maschinenbauer Hans Rinnhofer votiert, derzeit Geschäftsführer des Industrieofenanlagenbauers Maerz-Gautschi in Düsseldorf.

Mitglied der "Olympia"

Dass der 42-jährige Rinnhofer Mitglied der Burschenschaft Olympia – und damit Wunschkandidat des seinerseits einer schlagenden Verbindung (Landsmannschaft Cimbria) angehörenden Forschungssektionschef Andreas Reichhardt (Infrastrukturministerium von Vizekanzler Hubert Gorbach) – ist, war laut Insidern nicht dem gesamten Komitee bekannt.

Wiewohl Raidl die Vorgangsweise bei der Kandidatenauswahl vehement ablehnt – "Das scheint wieder einmal eine Alibi-Aktion des Ministeriums gewesen zu sein" – plädiert er doch für Fairness gegenüber dem präsumtiven zweiten Geschäftsführer der Austrian Research Centers (ARC): "Man muss jetzt abwarten, wie sich der Neue bewährt."

"Echte Privatisierung wichtig"

Dafür drängt der 2003 vollprivatisierte Verstaatlichten-Manager die staatlichen ARC- Mehrheitseigentümervertreter zum Rückzug: "Es ist wichtig, eine echte Privatisierung der ARC in Angriff zu nehmen, um in Zukunft solche politischen Personalentscheidungen zu verhindern." Sonst müssten sich die Industrie-Gesellschafter ernsthaft überlegen, ob ihr Engagement in Seibersdorf sinnvoll sei. "Der Einflussbereich des Staates gehört zurückgedrängt." Davon wollten Forschungsstaatssekretär Eduard Mainoni und der als ÖIAG-Vorstand hauptberuflich auf Privatisierung abgestellte Wieltsch freilich bereits bei der Betriebsversammlung in Seibersdorf nichts wissen.

Die bereits beschlossene Rückintegration der Töchter in die Holding (außer Arsenal Research, siehe Grafik) darf Rinnhofer machen, so er sich mit dem ARC-Aufsichtsrat auf einen Vertrag einigt und ihn die Gesellschafterversammlung am 26. April bestellt. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15./16./17.4.2006)

  • Infografik: Forschungsgruppe Seibersdorf
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    Infografik: Forschungsgruppe Seibersdorf

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    Claus J. Raidl fordert eine "echte Privatisierung" der Austrian Research Centers (ARC).

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