Fischkreislauf mit Paradeiser-Filter

8. Jänner 2007, 16:54
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Öko- und Sozialprojekt im Schöpfwerk - Tilapia-Fische nähren Tomatenstauden und motivieren zur Selbstverorgung

Wien – Der Tilapia-Fisch, auch bekannt als Petrus-Fisch, soll ja schon in biblischen Zeiten Wunder bewirkt und unzählige hungernde Jesus-Anhänger gesättigt haben. Neuerdings nähren ein paar der tropischen Artgenossen annähernd so viele Tomatenstauden – die wiederum die reichlich abgewohnte Schöpfwerk-Siedlung im peripheren Meidling verschönern und deren Bewohner zur Selbstversorgung im Asphaltdschungel motivieren sollen.

"Schönbrunner Badewannen-Expositur"

Das dahinter stehende System nennt sich "Schönbrunner Badewannen-Expositur" und ist so simpel wie genial: Sechs vom Tiergarten Schönbrunn zur Verfügung gestellte Tilapia-Fische samt zwei Neugeborenen bereichern das Wasser der Badewanne, in der sie sich fortan tummeln, mit ihren durch Spezialfutter verfeinerten Ausscheidungen. Durch eine Biofilter-Anlage geleitet, landet das nährstoffreiche Wasser in einem Flutbecken, wo es Tomatensetzlinge zum Wachsen bringt. Im Gegenzug reinigen die Wurzeln der Pflanzen das Wasser, das wieder zu den Fischen in die Badewanne zurückfließt – wodurch der Kreislauf geschlossen ist.

Ihren Standort hat die neue Außenstelle von Schönbrunn im Schöpfwerker Stadtteilzentrum mit dem passenden Namen "Bassena", wo vergangene Woche die Realisierung des unkonventionellen Sozialprojekts mit einer Fischtaufe gefeiert wurde. Als Namenspaten fungierten jene fünf Studenten der Fachhochschule für Sozialarbeit, die das biologische Perpetuum mobile ausgetüftelt hatten – und natürlich der Schönbrunner Zoologe Eckehard Wolff, ohne dessen vertrauensvolle Fisch-Leihgabe das ökologisch einwandfreie Pilotprojekt wohl nicht zustande gekommen wäre.

Ungenutzte Freiräume

"Wir haben so viele ungenutzte Freiräume und Balkone im Schöpfwerk," begründet Bassena-Leiterin Renate Schnee ihr Engagement für die Bio-Gemüse-Zucht: "Mit einer kleinen Subsistenzwirtschaft kann man viel Geld sparen – die meisten Bewohner hier müssen ohnehin jeden Cent umdrehen." Im Mai werden die ersten zu Stauden gewachsenen Setzlinge interessierten Hobby-Gärtnern übergeben, die das Schöpfwerk in ein Paradeiser-Paradies verwandeln sollen.

Die Vision der fünf jungen Schöpfwerk- Farmer, die an der FH im Unterrichtsfach Gemeinwesenarbeit von Frau Schnee von der tristen Wohnsituation in der Siedlung erfahren hatten, geht noch weiter: Die supermarktverwöhnte Stadtbevölkerung könne durch den Eigenanbau die verloren gegangene Beziehung zu den Kreisläufen der Natur wieder auffrischen, die Vernetzung und das Selbstwertgefühl der Menschen fördern – und zu bewusster Ernährung anregen.

Professioneller Einsatz

"Die Pflanzen wachsen dreimal so schnell, man muss sie nie gießen und nie das Wasser der Fische wechseln," beschreibt Johannes Engleitner die Vorteile des so genannten Aquaponics-Systems, das in Holland und in wasserarmen Entwicklungsländern längst professionell betrieben wird. Dass die Wahl auf den Tilapia, genauer gesagt den Nil-Barsch fiel, hat seinen Grund: Er ist aufgrund seiner Robustheit (die sich in der freien Wildbahn nicht gerade positiv auf den Fischbestand auswirkt, wie der Film Darwins Nightmare dokumentiert) sehr pflegeleicht.

Der Tilapia schmeckt auch hervorragend; aus der geplanten Fischgrillerei zum großen Tomatenfest im Juni wird aber nichts – die Tilapia-Fische müssen zurückgegeben werden. Bis dahin hoffen die Schöpfwerk-Farmer auf neue Fisch-Sponsoren. (Karin Krichmayr, DER STANDARD – Printausgabe, 14. April 2006)

  • Tilapia nähren das Gemüse - und dieses reinigt das Fischwasser.
    foto: standard/fischer

    Tilapia nähren das Gemüse - und dieses reinigt das Fischwasser.

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