"Öl muss teuer werden, bis es wehtut"

24. April 2006, 10:34
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Rohölpreise von knapp 70 Dollar reichen nicht aus, um die notwendige Energiewende einzuleiten, erklärt Forscher Werner Zittel im Standard-Interview

Standard: Seit mehr als 100 Jahren holen wir Erdöl aus dem Boden. Werden wir das auch die nächsten 100 Jahre noch machen können?

Werner Zittel: Ja, aber zu ganz anderen Bedingungen. Die Erdölproduktion wird aufwändiger, die Förderraten gehen zurück. Die Rolle, die Erdöl in der Energiewirtschaft und in der Chemie heute noch spielt, wird geringer.

Standard: Haben wir schon bald den Peak-Oil erreicht - den Punkt, ab dem die weltweite Rohölförderung unwiderruflich zurückgeht?

Zittel: Dort sind wir jetzt. Unklar ist, wie schnell die Erdölmenge abnimmt. Unsere Studiengruppe Aspo rechnet mit einem Rückgang von rund drei Prozent pro Jahr. So war es in den USA nach Erreichen des Fördermaximums 1970. Es kann auch schneller gehen.

Standard: Welche Faktoren könnten diese Entwicklung beschleunigen?

Zittel: Zum einen die zunehmenden Offshore-Bohrungen, zum anderen die neuen Fördertechnologien. Je schneller das Öl aus dem Boden geholt wird, desto heftiger fällt der Einbruch hinterher aus. In der Nordsee haben wir auf britischer Seite Decline-Raten von jährlich acht bis zehn Prozent, auf norwegischer Seite schrumpft die Ausbringung um etwa sechs Prozent.

Standard: Kritiker der Peak-Oil-Theorie schieben die Schuld für das derzeit knappe Ölangebot auf zu geringe Investitionen in der Vergangenheit. Was sagen Sie dazu?

Zittel: Da verweise ich auf die Jahresberichte von ExxonMobil. Der größte Ölkonzern der Welt hat 1999 rund 13 Milliarden Dollar für Exploration und Produktion ausgegeben und null Dollar für Aktienrückkäufe. 2005 wurden für die Suche und Produktion von Erdöl 14 Milliarden Dollar aufgewendet, für Aktienrückkäufe aber 18 Milliarden Dollar. Wenn die Exxon-Manager die Möglichkeit hätten, das Geld in neue Ölfelder zu stecken, würden sie das tun. Sie wissen aber nicht, wo, und geben das Geld eben den Aktionären zurück.

Standard: Welche Chancen geben Sie konventionellen Reserven wie Ölsanden, Ölschiefer?

Zittel: So gut wie keine. Es ist schwierig und zeitaufwändig, die Ölsandförderung auszuweiten. Vielleicht gelingt es, die Produktion von Öl aus diesen Sanden in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln. Das wären dann aber auch nur drei Millionen Barrel pro Tag.

Standard: Und Wasserstoff, ist das eine mögliche Option?

Zittel: Das löst überhaupt kein Energieproblem. Man muss den Wasserstoff ja erst unter Zuhilfenahme anderer Primärenergiequellen erzeugen. Wasserstoff kann aber helfen, das Problem im Verkehr zu mildern.

Standard: Also führt kein Weg vorbei an erneuerbaren Energien?

Zittel: In der langfristigen Perspektive, also auf 50-100 Jahre, sind erneuerbare Energien einzige realistische Chance für die Menschheit.

Standard: Was kann und soll man kurzfristig machen?

Zittel: Energie sparen, da gibt es noch ein großes Potenzial; und vonseiten der Politik die Weichen richtig stellen, sprich den Umstieg von fossilen auf alternative Energien fördern. Kontraproduktiv wäre es, dem immer wieder laut werdenden Ruf nach Steuersenkung angesichts hoher Treibstoffpreise nachzugeben.

Standard: Nach dem Rekordstand von Mittwoch hat sich der Rohölpreis am Donnerstag zwar wieder leicht entspannt, die Marke von 70 Dollar je Fass bleibt aber in Reichweite . . .

Zittel: . . . und wird bald übersprungen werden, da bin ich mir ganz sicher. Öl muss teuer werden, bis es richtig wehtut. Das könnte bei etwa 100 Dollar je Fass der Fall sein. Erst dann ist eine breite Hinwendung zu alternativen Energieformen zu erwarten.

Standard: Von der Vorstellung, dass es jemals wieder kostengünstige Treibstoffe geben wird, müssen wir uns definitiv verabschieden?

Zittel: Preise zu prognostizieren ist schwer, in der Tendenz wird es aber sicher höhere Preise geben, weil auch der Aufwand ständig steigt.

Standard: Das ist vielleicht für die Industriestaaten verkraftbar, aber was machen die armen Länder?

Zittel: Für die ist es ein Riesenproblem. Hohe Ölpreise werden die Entwicklung behindern. Der Abschied vom Erdölzeitalter wird mit schweren Erschütterungen einhergehen. Für einen sanften Übergang ist es zu spät.

ZUR PERSON: Werner Zittel (50) ist Wortführer der "Association for the Study of Peak-Oil" (Aspo) und für die Beratungsfirma Ludwig-Bölkow Systemtechnik in Ottobrunn (München) tätig. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4.2006)

Wissen

Mit Peak-Oil, auch Hubbert's Peak genannt, wird der Zeitpunkt bezeichnet, an dem die Fördermenge einer Ölquelle bzw. aller Erdölquellen weltweit ihr Maximum erreicht. Dieser Scheitelpunkt markiert nach Angaben des Online-Nachschlagedienstes Wikipedia den Zeitpunkt, ab dem Erdöl nicht mehr als quasi unerschöpflicher, billiger Rohstoff und Energieträger zur Verfügung stehen wird. Mit dem Erreichen des globalen Fördermaximums steigt der Preis stetig an, weil danach aus geologischen bzw. physikalischen Gründen die Erdölförderung kontinuierlich abnimmt und nicht mehr gesteigert werden kann. Nachfrage und Angebot kommen nicht mehr zusammen. Einige Experten halten die üblicherweise genutzte statische Reichweite der Erdölreserven der Erde (BP schätzt sie auf 40-50 Jahre) für irreführend, weil darin weder ein steigender Ölbedarf noch die Auswirkungen auf den Weltmarktpreis berücksichtigt werden.
  • Der deutsche Wissenschafter Werner Zittel sieht Hinweise, dass das Maximum der Erdölförderung bereits erreicht ist.
    foto: standard/urban

    Der deutsche Wissenschafter Werner Zittel sieht Hinweise, dass das Maximum der Erdölförderung bereits erreicht ist.

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