Rassentrennung in Farbe: Das 15. Comix-Festival Fumetto in Luzern

20. April 2006, 19:22
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Gezeichnete Reise­reportagen, Premiere von Karlien de Villiers' Südafrika-Album und Anke Feuchtenbergers Variationen zu "Hero und Leander" - Die Welt im Bild

Luzern - The Guardian, Libération, L'Imbécile, Le Monde Diplomatique: Wer dieser Tage per Bahn im Schweizer Städtchen angereist war, fand in der "Rail City" gleich bei den Zeitungskiosken Printmedien auch in Vitrinen. Das Comix-Festival Fumetto präsentierte als eine von 15 internationalen Ausstellungen Unterwegs, eine Schau der Comic-Reportage.

Nicht bloß alternativtouristisch spannend erwiesen sich Zeitungsseiten mit Städteporträts – u. a. eines von Luzern selbst –, nicht nur menschlich beeindruckend, sondern auch künstlerisch überzeugend die am Zeichenblock beschriebenen Individuen.

Gezeichnete Reisen nach Mauretanien oder China, aber auch solche in die Arbeitswelt wie Robert Weavers klassische Woolworth-Reportage waren exemplarisch zu sehen.

Mit Grafit protokollierte Szenen einer aktuellen Antikriegsdemo sprechen das Auge völlig anders an als entsprechendes Fotomaterial. Auch deshalb erlebe die Comic-Reportage derzeit einen Boom, glaubt Kurator Pierre Thomé. Zu stark sei inzwischen der Zweifel an der Objektivität der Fotografie, zu übersättigt der Blick mit Pressebildern. Allerdings fordert das Medium‑ Comic das Zeitungspublikum, überfordert es möglicherweise. "Die Marketingabteilung liebt das nicht", weiß Thomé.

Nicht "unterwegs" in Südafrika, sondern dort geboren und aufgewachsen ist die Zeichnerin Karlien de Villiers, beim Fumetto stellte sie‑ die deutsche Originalausgabe ihres Debütalbums Meine Mutter war eine schöne‑ Frau (Edition Moderne/ Arrache Cœur) vor. Darin wird eine Familiengeschichte – geprägt vom ehelichen Scheitern der Eltern und vom frühen Tod der Mutter – mit zeithistorischem und politischem Geschehen verschränkt.

In der liebevoll gebauten Premieren-Präsentation fanden sich Skizzen, Vorstufen und originale Druckvorlagen des bunten Bandes, kombiniert mit privatem Fotomaterial, das in die Gestaltung der Geschichte des weißen Mädchens mit eingeflossen ist.

Ein eigener Bereich konfrontierte die subjektive Wahrheit der Karlien de Villiers mit dokumentarischem Bildmaterial aus den Achtzigerjahren Südafrikas. Bezeichnende "Schnappschüsse" der Apartheid, selten gezeigte Aufnahmen von Nelson Mandela, politische Aktionen und Aktivitäten bildeten auch vom Ausstellungsaufbau her den Kern der Präsentation.

Ebenfalls konzeptuell durch^dacht stellte sich Anke Feuchtenbergers Neuinterpretation des antiken Mythos von Hero und Leander vor. Die bitter endende Liebesgeschichte zwischen dem Schwimmer und der auf dem Trockenen sitzenden Geliebten zeichnet Feuchtenberger elektrisierend als eine vom Fernseher motivierte und gestaltete; Strömung und Strom finden zu fatalem Einklang in der Steckdose. Als Hintergrundmusik realisiert wurde im Terrassensaal des von Jean Nouvel entworfenen Kultur- und Kongresszentrums KKL die Symphonie Hero und Leander des Schweizer Komponisten Daniel Hess; dem Publikum bot sich hinter den feuchttragischen Szenarios auf den Stellwänden der Blick auf den ungefährlichen Vierwaldstättersee.

Harmlos waren auch einige der Ausstellungen. Die österreichische Zeichnerszene vertraten Christoph Abbrederis und Nicolas Mahler. Der Bregenzer Abbrederis hatte sich am gefälligen WM-Sammelalbumprojekt Fußballhelden beteiligt. Die nicht qualifizierte heimische Truppe spielt zumindest gestalterisch in der oberen Liga.

Nicolaus Mahlers Minibeitrag schließlich kam so bescheiden wie schlüssig. In‑ einer von knapp 30 Schaufensterpräsentationen, die das Stadtbild von Luzern neun Tage lang prägten, stellte Mahler noch einmal die bereits in der Edition Selene erschienene immer neue große Frage nach der Kunst. Er lässt sie von der für ihn zuständigen Finanzbeamtin beantworten – dass diese denselben sprechenden Familiennamen trägt wie der Schweizer Juwelier, dessen Schaufenster Mahler mitschmiedet, ist noch ein Extra- Brillant. "Na das wird schon irgendwie 'KUNST' sein", befindet die Frau Goldgruber zu guter Letzt gegenüber dem um seinen Steuersatz bangenden Zeichner. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.04.2006)

Von Petra Nachbaur aus Luzern

www.fumetto.ch
  • Die Apartheid und ihr Ende aus Sicht einer Weißen bei Karlien de Villiers.
    copyright: edition moderne / arrache cur 2006

    Die Apartheid und ihr Ende aus Sicht einer Weißen bei Karlien de Villiers.

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