"Visa, MasterCard führen Sie an der Nase herum"

2. Mai 2006, 16:05
273 Postings

EU-Kommission findet Gefallen am Konsumen­ten­schutz - Nach den Handy­netz­betreibern gibt es nun harte Kritik an Kreditkartengebühren

Brüssel - "Wir haben eine Studie mit faszinierenden Ergebnissen." Neelie Kroes, EU-Kommissarin für den Wettbewerb, wirft Banken und Kreditkartenfirmen vor, in vielen Ländern der EU keinen Wettbewerb bei den Konditionen für das immer beliebter werdende Plastikgeld zuzulassen. Wirtschaft und Konsumenten entstünde so ein Schaden in der Höhe "vieler Milliarden Euro pro Jahr", so Kroes.

Neben Ländern wie den Niederlanden und Deutschland, in denen es gute Rahmenbedingungen gebe, käme es in einer Reihe von Staaten zu "monopolartigen Verhältnissen", bei denen die Marktführer Visa und MasterCard ohne Konkurrenz die Konditionen diktieren könnten. Unter diesen Ländern: Portugal, Finnland und Österreich.

Provisionen

Die durchschnittlichen Provisionen für Einkäufe und die Bezahlung von Dienstleistungen variiere gewaltig: "Der Durchschnittssatz, den ein größerer Einzelhändler in der EU vom Kartenumsatz abliefern muss, liegt bei 2,5 Prozent, während kleinere Unternehmer bis zu sechsmal mehr zahlen müssen. Die gleiche internationale Karte kann im Landesvergleich bis zu zwölfmal mehr kosten," sagte Kroes. "Das ist eine zusätzliche Besteuerung des Verbrauchs, den natürlich im Endeffekt die Konsumenten zahlen, das ist künstliche Inflation," meinte die EU-Kommissarin."

Enorme Gewinne

Untersuchungen zufolge würden die großen globalen Banken bis zu 25 Prozent ihrer Gewinne aus Kartengeschäften lukrieren. "Visa und MasterCard führen Sie an der Nase herum." Die EU fordert von den Unternehmen mehr Wettbewerb, der die Konditionen drücken sollte. In jedem Land soll es demnach mehrere Anbieter von Kartendienstleistungen geben – in einigen Ländern können Finanzinstitute Lizenzen von der Kreditkartenfirmen erwerben und Händlern und Restaurants Konkurrenzangebote machen, es kommt zu einem Wettbewerb von Netzwerken.

Auch grenzüberschreitender Wettbewerb wäre sehr willkommen. Doch trotz unzähliger Übernahmen und Fusionen sei der Finanzmarkt in der EU noch immer sehr nach Landesgrenzen segmentiert. "Das Paradies liegt hinter uns," meinte Kroes in Bezug auf die Kartenfirmen.

Die Kommission fordere die Unternehmen auf, Vorschläge zu einer deutlichen Verbesserung der Lage zu unterbreiten. Falls die nicht geschähe, könne auch auf "mächtige Instrumente" zurückgegriffen werden, um Wettbewerb zu erzwingen.

Gewaltige Summen

Die Summen, um die es geht, sind gewaltig: Pro Jahr werden in der EU 1350 Milliarden Euro in 23 Milliarden Transaktionen mit Plastikgeld umgesetzt. Die Reduktion der Provisionen um durchschnittlich nur ein Prozent würde also Unternehmen und Konsumenten bereits 13,5 Milliarden Euro bringen. (Michael Moravec, Brüssel, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2006)

  • Pro Jahr werden in der EU insgesamt 23 Milliarden Kartenzahlungen abgewickelt mit einem Gesamtwert von 1,35 Billionen Euro.
    foto: visa

    Pro Jahr werden in der EU insgesamt 23 Milliarden Kartenzahlungen abgewickelt mit einem Gesamtwert von 1,35 Billionen Euro.

Share if you care.