Radio Maryja-Anhänger attackieren "deutschen Papst"

29. Juni 2006, 10:27
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Ein Antisemitismus-Streit droht Polens katholische Kirche zu spalten: Nachdem der Vatikan "Radio Maryja" kritisiert hatte, greift dieser nun offen den "deutschen Papst" an

Die jüngste Kritik Papst Benedikt XVI. an Radio Maryja sollte den polnischen Bischöfen helfen, energischer gegen den radikalen Sender vorzugehen. Doch nun schlagen die Anhänger von Radio Maryja zurück. Schuld an der massiven Kritik, der die "katholische Stimme in deinem Haus" seit Tagen in Polen ausgesetzt ist, sei der "deutsche Papst" im Vatikan. "Das Dritte Reich hat den Deutschen das moralische Rückgrat genommen, und das ist ihnen bis heute nicht gewachsen", sagte Boguslaw Wolniewicz in Radio Maryja.

Der emeritierte Warschauer Philosophie-Professor ist Vorsitzender des so genannten Unabhängigen Ethikrates der Medien. In ihm sitzen vor allem Radio-Maryja-Anhänger, die das Medienimperium des Paters Tadeusz Rydzyk gegen angeblich ungerechtfertigte Vorwürfe verteidigen sollen. Dass der neu gegründete "unabhängige" Rat fast den gleichen Namen trägt wie der "Ethikrat der Medien", soll offenbar bewusst zu Verwechslungen führen. Denn der bisherige Ethikrat, ein freiwilliger Zusammenschluss polnischer Medien, hatte Radio Maryja scharf wegen eines antisemitischen Kommentars von Stanislaw Michalkiewicz Ende März kritisiert. Darin wurden die jüdischen Gemeinden attackiert, die seit einigen Jahren Synagogen, Friedhöfe, Spitäler und Schulen vom Staat zurückerhalten.

"Niemand auf der Welt fürchtet sich so, Antisemit genannt zu werden, wie die Deutschen", sagte jetzt Wolniewicz im Sender, nachdem der Vatikan von den polnischen Bischöfen in einem Brief Schritte gegen Radio Maryja gefordert hatte. Die Deutschen fürchteten sich nicht ohne Grund, denn sie wüssten, was sie getan hätten. "Es wächst in mir der schreckliche Verdacht", so Wolniewicz zu den Millionen Hörern von Radio Maryja, "dass diejenigen, die diese neuerliche Attacke auf euch organisieren, die Tatsache auszunutzen versuchen, dass der Papst ein Deutscher ist und es ihm unglaublich schwer fallen muss, jemanden offen zu verteidigen, der durch die Medien und möglicherweise die engsten Vertrauten des Papstes als antisemitisch verschrien ist".

Die Bischöfe, die zum Teil Radio Maryja unterstützen, hüllen sich bisher in Schweigen. Doch eine Lösung muss gefunden werden. Denn Papst Benedikt XVI. wird schon Ende Mai Polen einen ersten Besuch abstatten. (DER STANDARD, Print, 13.4.2006)

Gabriele Lesser aus Warschau
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