Romano Prodi

18. Juli 2006, 14:48
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"Der einzige Italiener, der leise spricht"

Kein Satz versinnbildlicht Romano Prodis Philosophie so treffend wie seine Antwort auf das Staunen der Fahrgäste, die ihn als Regierungschef mit seiner Frau öfter im Waggon zweiter Klasse von Rom nach Bologna begegneten: "In der ersten komme ich auch nicht schneller an." Mit seinem sprichwörtlich langen Atem straft der 67-jährige Professore bei seinen Radtouren durch den Apennin jene Lügen, die ihn als Mortadella verspotten.

Romano Prodi war bereits Minister, als in Wien noch Bruno Kreisky als Kanzler amtierte. Jetzt will er zum letzten Kraftakt seiner langen politischen Laufbahn ansetzen und "Italien wieder zu einem glaubwürdigen Land machen". Drei Faktoren waren für Prodis Karriere bestimmend: die Familie, das katholische Umfeld und seine Frau Flavia. Eine Durchschnittsfamilie sind die Prodis nur ihrer Herkunft nach.

Sechs der neun Geschwister sind Universitätsprofessoren. Alle sieben Brüder und zwei Schwestern haben mit Auszeichnung promoviert. Wenn sich die Familie in ihrem großen roten Haus in Bebbio di Carpineti am Fuß des emilianischen Apennins trifft, kommen locker fünfzig Personen zusammen. Am Sonntagnachmittag trifft sich die Sippe meist in Romano Prodis Wohnung in der Via Gerusalemme in Bologna zum Musizieren.

Der Professore ist dabei zum Zuhören verurteilt. "Ich bin der einzige Unmusikalische in der Familie", klagt der Mozart-Liebhaber. Laut geht es bei den Prodis nie zu. Der Vater, ein Ingenieur bäuerlicher Herkunft, erzog die Kinder zu Bescheidenheit und Selbstdisziplin. Sein späterer Freund Helmut Kohl glaubte, das Geheimnis von Prodis Macht entdeckt zu haben: "Sie sind der einzige Italiener, der leise spricht."

Auf Normalität hat der Kirchgänger und Compostela-Wallfahrer schon immer Wert gelegt. Ausdauer, Hartnäckigkeit und Konzentration bestimmen seinen Charakter ebenso wie sein Wille zur Teamarbeit. Sein Aufstieg an die Spitze der Regierung und der EU ist ohne seine Frau Flavia Franzoni undenkbar. Die stets ungeschminkte Wohlfahrtsexpertin mit ihren unauffälligen Kostümen steht seit 36 Jahren mit viel Diskretion an seiner Seite. "Meine Frau ist meine wichtigste politische Beraterin", sagt der Professore über die 60-jährige Mutter zweier Söhne.

Gegen seinen mediengewandten und glamourösen Rivalen Silvio Berlusconi wirkt sein Herausforderer wie ein biederer Landpfarrer. Berlusconis mächtiges Ego-Triebwerk fehlt ihm ebenso wie dessen Hang zum Volkstribun. Doch die Leute trauten Prodi mehr zu. Italiens durch Berlusconi zum Showgeschäft verkommene Politik hat nichts nötiger als einen nüchternen Blick auf die Realität und Sachlichkeit. Beides verkörpert keiner so perfekt wie Romano Prodi. (Gerhard Mumelter/DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2006)

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