Zaghaftes Blättern im Opernbuch

Ljubisa Tosic
17. April 2006, 17:40
  • Entrückt aus der Realität ins (Märchen-) Buch des Lebens: Mélisande (Angelika Kirchschlager), unerreichbar für Pelléas (Simon Keenlyside) in der weißen Clown-Pluderhose - in der Regie von Stanislas Nordey bei den 40. Salz- 
burger Osterfestspielen.
    foto: apa/neumayer

    Entrückt aus der Realität ins (Märchen-) Buch des Lebens: Mélisande (Angelika Kirchschlager), unerreichbar für Pelléas (Simon Keenlyside) in der weißen Clown-Pluderhose - in der Regie von Stanislas Nordey bei den 40. Salz- burger Osterfestspielen.

Premiere von Claude Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" bei den Salzburger Osterfestspielen

Konnte die musikalische Seite des Abends überzeugen, so gelang es Regisseur Stanislas Nordey nicht, den mitunter eindringlichen Bildern auch eine konsequente Personenregie zur Opernseite zu stellen.


Salzburg - Es war einmal ein glühender Wagner-Fan, ein Bayreuth-Pilger, der, wie das mitunter so passiert, schließlich zum Schluss kam, dass es doch Zeit wurde - für eine gewisse Distanz. Aus dem Verehrer wurde ein skeptischer Kommentator, der dachte, auf seinen Pilgerfahrten einem Irrtum auf die Spur gekommen zu sein. Man habe, so Komponist Claude Debussy, Musikdramatiker Richard Wagner für die Morgenröte der Oper gehalten, wo er, der "alte Klingsor", wie ihn Debussy nannte, doch eigentlich ein Sonnenuntergang gewesen sei, ein Schlusspunkt.

Und wenn man auch in seinem eigenen Wurf, Debussys Pelléas et Mélisande, unschwer punktuell die harmonischen und gestischen Geister von Tristan und Parsifal spuken hört, so ist das Werk zweifellos eine poetische Demonstration dafür, wie es postwagnerisch weitergehen konnte.

Debussy entwirft einen Musiktheaterraum der Vieldeutigkeit, in dem deklamiert und angedeutet wird ohne Ende. Es ist ein Sprechen mit Tönen, das hier vorherrscht, und das märchenhafte Drama umgarnt ein Orchester, das sich in mehrdeutiger Farbzauberei übt, das Unbewusste Klang werden lässt und sich an gewissen Stellen völlig zurückzieht. Etwa im Augenblick der Liebeserklärung. In Summe bedeutet diese Mischung aus Statik und Subtilität zarter Gesten für jeden, der sie auf der Bühne verlebendigen will, eine Menge Schweißperlen auf der Regiestirn. Und einige mehr wohl, wenn ihm die recht unbescheidenen Ausmaße des Großen Festspielhauses zur Verfügung stehen.

Regisseur Stanislas Nordey geht es zu Beginn der Osterfestspiele abstrakt an. Er lässt den Riesenraum mit einigen Kuben füllen (Bühne: Emmanuel Clolus, Licht: Philippe Berthome), die herumgeschoben werden und sich schließlich als zu öffnendes Buch entpuppen.

Nur Kleider

Wird es aufgeblättert, sieht man, dass hier eine Kunst der Vervielfachung von Gegenständen für Belebung sorgen soll. Hat Mélisande Blumen in der Hand, sind diese hundertfach im Buch zu sehen. Spricht Golaud (statt des erkrankten Gerald Finley und tadellos José van Dam, der die Rolle schon unter Herbert von Karajan 1978 sang) von einer Wunde, sind eine Menge Polster mit Blutfleck zu sehen.

Und einmal hängt gar Mélisande in der Buchseite, unter ihr Pelléas, und sie ist inmitten einer Landschaft aus 38 roten Kleidern zu sehen. Später werden statt Buchseiten blutige Wände dominieren, die sich schrittweise verflüchtigen - bis am Schluss wieder Vervielfältigung angesagt ist. Vom toten, erdolchten Pelléas sind nur noch seine Kleider sichtbar. Aber dafür zwanzigfach.

Die Figuren sind in dieser Buchinszenierung fast unentwegt an der Rampe tätig. Die Organisation ihrer Gesten allerdings rutscht zu oft in ganz gewöhnliches Rampentheater ab. Das Artifizielle der Gestalten, ihre Unwirklichkeit, die durch die Kostüme (Raoul Fernandez entwirft einen Mix aus Uniform und Clownkostüm) skurril betont wird, beides wird nicht konsequent durchgearbeitet.

Mélisande, als Fremde durch ihr rotes Kleid deutlich von den anderen Figuren in ihren weißen "Blähhosen" abgegrenzt, ist von diesem Vorwurf durchwegs auszunehmen. Hier gelingt der Regie ein kunstvoller Wechsel zwischen markanter Statuarik und Lebendigkeit, die in der finalen Liebesszene kulminiert, in der sich die erotische Spannung expressiv entlädt und sich das tragische Pärchen noch schnell am Boden wälzt, bevor der eifersüchtige Golaud zur Tat schreitet und Pelléas ersticht.

Angelika Kirchschlager ist als Melisande ganz bei sich, also eine intensive Gestalterin und eine Sängerin, die hier mit delikatem Timbre zu poetischer Intensität auch im Subtilen befähigt ist.

Gutes Ensemble

Am Ende sitzt sie nur noch da, entrückt, um sie herum eine seltsame Gesellschaft, der mit szenischen Stilisierungen beizukommen gewesen wäre. Es sollte nicht sein. Neben Kirchschlager werden - szenisch gesehen - ein paar schöne Buchbilder in Erinnerung bleiben. Und die vokale Ensembleleistung: An der sängerischen Gestaltungsarbeit gab es ja nichts auszusetzen. Simon Keenlyside (als Pelléas), Robert Lloyd (Arkel), Anna Larsson (als Genevi`eve), Guillaume Antoine (als Arzt) und Michael Timm (als Schäfer) halten einen Abend lang hohes Niveau.

Die Berliner Philharmoniker unter Dirigent Sir Simon Rattle changierten elegant zwischen subtiler, differenziert angelegter Erweckung der Strukturen, deren Charakter hier nicht ausschließlich auf malerischen Schönklang reduziert wurde. An exponierten Stellen wird mitunter auch ein scharfer Kontrast gesetzt, dort übernimmt das gut disponierte Orchester die Hauptrolle und legt die Schichten der Partitur dramatisch wie sinnvoll frei.

Der "Ring" kommt

Es war dies eine Art nicht besonders euphorisch bejubeltes, aber protestfreies Vorspiel, denn ab kommendem Jahr ist vier Osterfestspiele lang Wagner an der Reihe - mit dem Ring des Nibelungen. Wer bis dahin nicht warten kann, der pilgert nach Aix-en-Provence, dem Kooperationspartner der Osterfestspiele, dem die Berliner Philharmoniker mit Rattle im Sommer bei Rheingold ihren Erstbesuch als Opernorchester abstatten. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.04.2006)

Von Ljubisa Tosic

Weitere Vorstellung
am 17. April, 18.30 UhrOsterfestspiele Salzburg
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7 Postings
Sic transit gloria mundi...

Wenn man denkt, dass man vor neun Jahren im Juli auf dieser selben Bühne die seit damals weltunübertroffenen Produktion dieser Oper erleben konnte, kommt einer schon Melancholie. Gerade die musikalische Seite von vorgestern war unter jedem Vergleich mit dem wuderbaren Dirigat von Sylvain Cambreling mit dem Philharmonia Orchestra in 1997.

"mit dem wuderbaren Dirigat von Sylvain Cambreling mit dem Philharmonia Orchestra in 1997"

ganz meine rede - wenngleich mir eben frau Upshaws gesang und herrn Wilsons regie bzw. bühnenbild stärker in erinnerung geblieben sind, als herrn Cambrelings "dirigat" (ich kann mich an das wort einfach nicht gewöhnen .....) ;o)

Na, tatsaechlich war die Auffuehrung als ganze wunderbar. Hauptgrund war fuer mich die musikalische Interpretation des Dirigenten. Die aktuelle Interpretation ist nicht allzu schlecht, aber kaum vergleichbar.

Hat jemand hier noch die schöne Wiener Inszenierung...

... von Antoine Vitez aus dem Jahr 1988 gesehen? Wunderbar mit dem Blick auf das graue Meer, voller Melancholie und rettungsloser Verlorenheit. Ich fand sie vorzüglich. Abbado hat glänzend dirigiert, und Mélisande war doch tatsächlich noch Frederica von Stade, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht. Nicolai Ghiaurov war der Arkel.
Diese herrliche Produktion - wenige Tage nach der umjubelten Premiere wurde übrigens Staatsoperndirektor Drese von Frau Hawlicek (das waren halt noch Kulturpolitiker/innen!) mitgeteilt, dass sein Vertrag nicht verlängert wird - hat man leider 1991 eingemottet. Sehr seltsam, wenn man bedenkt, welcher alter Krempel heute noch am Ring auf die Bühne gehievt wird.

"... von Antoine Vitez aus dem Jahr 1988 gesehen?"

leider nicht :o(

leider kann ich Pelléas et Mélisande diesmal nicht sehen, aber meine nichte war begeistert. ;o)
und unvergessen wird mir die 97er sommerinszenierung mit der wunderbaren Dawn Upshaw unter der großartigen Robert-Wilsen-Regie bleiben.

Oper ist viel spannender ...

Eine Kritik wie aus dem Lehrbuch für brave Aufsätze. Man liest, aber man erfährt nichts. Auch sprachlich nur eine Aneinanderreihung von verbrauchten Sprachbildern. Oper ist viel spannender als sie uns dieser Kritiker immer wieder serviert.

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