Britta: "Das schöne Leben"

1. Mai 2006, 15:58
3 Postings

Bange Fragen zwischen Liebes- und Kapitalmangel: "Ist das noch Bohéme oder schon die Unterschicht?"

Zum Thema Liebe sollte man sie nicht befragen, zumindest nicht, wenn man hoffnungslos romantisch veranlagt ist. Da war Britta schon immer die etwas reifere Cousine, die sich ungefragt zum frischverlobten Paar an den Tisch setzt, stundenlang erzählt, was alles schiefgehen kann und schiefgehen wird - und den Desillusionierten abschließend auf die Schulter klopft und nicht einmal zynisch klingt, wenn sie meint: "Aber vielleicht läuft's bei euch ja besser ...".

Es ist Platte Nummer 1 nach dem Tod Britta Neanders, namensgebendem Gründungsmitglied der Berliner Band, im Dezember 2004. Und da dies überhaupt ein Jahr gesundheitlicher und finanzieller Katastrophen war, schien die Geschichte von Britta nach dem letzten Album "Lichtjahre voraus" (2003) schon beendet zu sein. - Allein, die verbliebenen Mitglieder merkten bald, dass sie weitermachen wollten. Sebastian Vogel, Schlagzeuger von Kante, trat das Erbe Neanders an und wurde neben Christiane Rösinger, Julie Miess und Barbara Wagner zum fixen Bestandteil einer Band, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, sich von aller erlittenen Unbill nicht unterkriegen zu lassen.

Depressiver Tag, auch du bist nur 24 Stunden lang

"Das schöne Leben" beginnt mit der Single "Depressiver Tag" und heißt ebenden wie einen alten Freund willkommen. Die Wohlfühl-Akkorde des Openers geben zugleich den Grundtakt für das neue Album vor: Fröhlich schrammelnde Gitarrenakkorde, munterer Bass- und Schlagzeugeinsatz und nur wenige Sound-Kinkerlitzchen - ein Cello in "24 Stunden sind kein Tag", eine markante Keyboard-Linie in "Büro Büro" - sind die Grundbestandteile einer Gitarrenband in klassischer Viererbesetzung.

Up- und Midtempo-Songs übertreffen die Balladen 3:1, zugleich fehlen aber die aus Frust entsprungenen Rock-Ausbrüche, wie sie noch auf "Lichtjahre voraus" enthalten waren (darunter "L****", das Anti-Liebeslied schlechthin). Auf "Das schöne Leben" sind versöhnliche Töne angesagt - auch wenn Rösinger zur EAV-Melodie von "Märchenprinz" österreichelt: I bin da Menschenfeind, i bin da Menschenfeind.

Und wenn frau sich durch Balladen im Moe Tucker-Style wie "Du sprichst in Rätseln" oder "Heimi Heimato" räkelt und dabei eingesteht, wie gern inzwischen das Nachtleben gegen ein weiches warmes Bett eingetauscht wird, dann erinnert das nicht zuletzt an den besten Song, den Rösingers frühere Band, die unvergessenen Lassie Singers, jemals hatte: das unerreichte Draußen-ist-feindlich-Stück "Ist das wieder so 'ne Phase".

Ja, so läuft's, und so wird's weiter laufen /
Denn der Teufel scheißt auf den größten Haufen

Anti-Liebeslieder sind diesmal nicht das Hauptthema des Albums - zwar hat die ewig ignorante Liebe, die alte blöde Kuh, auch hier ihren Auftritt und wird wie gehabt ausgebuht. Darüberhinaus geht es aber mehr um die allgemeine Situation - ich bin keine AG - und die finanzielle im Besonderen: Wer geht putzen, und wer wird Millionär? Denn während die einen Büro Büro spielen, müssen sich andere, die mit der Philosophie "künstlerische Selbstverwirklichung vor Lebensstandard" allmählich ein gewisses Alter erreicht haben, irgendwann der beklemmenden Frage stellen: Ist das noch Bohéme oder schon die Unterschicht?

... und deshalb können wirklich nur die Allerbesten ihrer männlichen Deutschrock-Kollegen mit Britta mithalten: Rösinger und Co verzichten auf poetische Verschlüsselung; hier werden die Dinge beim Namen genannt. Mal bitter, mal mit Galgenhumor - letztlich aber unverdrossen: Seltsam seltsam, wie wenig unglücklich ich bin.
(Josefson)

Link

Flittchen.de

Tour-Termine

11. 5.: Linz, Kapu
12. 5.: Salzburg, Arge
13. 5.: Hollabrunn, Alter Schlachthof
15. 5.: Wien, B72
  • Britta: "Das schöne Leben" (Flittchen Records, Morr Music/Indigo 2006)
    coverfoto: flittchen records

    Britta: "Das schöne Leben" (Flittchen Records, Morr Music/Indigo 2006)

    Share if you care.