Ein Verräter?

6. Oktober 2006, 18:52
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Judas Ischariot ist mit einem eigenen Evangelium wieder im Gespräch. Seine Zweifel sind unsere Zweifel, meint Bert Rebhandl

Wenn der Teufel einen bürgerlichen Namen hätte, dann vermutlich diesen: Judas Ischariot. Was der Familienname bedeutet, ist umstritten. Eine Deutung verweist auf den Dolch (sica), den Judas bei sich getragen haben könnte. Weil er zum linken Flügel der Pharisäer (den Zeloten) gehörte und erbittert gegen die Besatzer aus Rom war, erschien er zumindest latent gewaltbereit. Mit dem Dolche im Umhang agierte er gegen Rom und wurde zum zweiten Brutus. Die ganze schlechte Nachrede konzentriert sich auf seine einzige, welthistorische Tat.

Man weiß nicht viel von Judas, dem Menschen, wohl aber das Entscheidende von Judas, dem Apostel, der Jesus verraten hat, dafür dreißig Silberlinge nahm, die er später wieder wegwarf. Er endete an einem Baum, ein einsamer Selbstmörder, der erste Verdammte des Christentums, und vielleicht doch auf eine geheimnisvolle Weise auch dessen erster Heiliger. Denn einer musste es tun, es stand schließlich in der Bibel.

Mit dem Verrat nicht allein

Einer musste Jesus verraten. Judas hatte dafür die besten Motive. Er war unzufrieden mit seinem Meister, weil dieser sich nicht gegen die Römer wandte, sondern auf eine Gottesherrschaft setzte, die nicht in erster Linie politisch zu verstehen war. Er war mit seinem Verrat nicht allein, aber neben dem Feigling Petrus setzte Judas doch das markantere Zeichen: Er gab Jesus einen Kuss und lieferte ihn damit an seine Gegner aus. Diese hätten ihn wohl auch so erkannt, aber das verstärkte nur das heilsgeschichtliche Dilemma, als dessen Opfer Judas gelten kann.

Wenn es zur Erlösung einen Kreuzestod braucht, muss einer den Schurken machen. Pilatus wusch seine Hände in Unschuld. Heute ist dem Judas Ischariot der Mittwoch der Karwoche reserviert, man denkt an ihn als den ersten Sünder. Als Leonardo da Vinci das Abendmahl malte, machte er sich auf die Suche nach dem schlechtesten Menschen von Mailand - so steht es in Leo Perutz' Roman Der Judas des Leonardo, ein schönes Beispiel dafür, wie der zwölfte Apostel die Fantasie immer wieder beschäftigt.

Klang wie Heavymetal

In der Rockoper "Jesus Christ Superstar" war er der Stellvertreter des Publikums. Seine Zweifel sind unsere Zweifel. Seine Zerrissenheit ist diesseitig, kein Messias konnte das herüben korrigieren. Er ist der Inbegriff des Verräters geworden, so verfemt, dass man in Deutschland einem Kind nicht den Namen Judas geben dürfte. Zu negativ ist dessen Erbe, zu satanisch - und nach Heavymetal - klingt er. Dabei bedarf es keiner gnostischen Sondertraditionen, um ihn als einen von uns zu erkennen. Er sah den Erlöser mit menschlichen Augen, und weil er nicht alles sofort begriff, war er schon tot, als Jesus auferstand. Wer immer das Judas-Evangelium geschrieben hat, hätte auch die Jesus-Tagebücher schreiben können. Die Unterschrift ist allemal gefälscht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.4. 2006)

Von Bert Rebhandl
  • Giotto di Bondone (1267-1337), Cappella Scrovegni a PadovaLife of Christ, Judas Receiving Payment for his Betrayal
    bild: standard

    Giotto di Bondone (1267-1337), Cappella Scrovegni a Padova
    Life of Christ, Judas Receiving Payment for his Betrayal

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