MBA per Post und E-Mail

8. März 2007, 10:55
21 Postings

Die britische Open University ist eine reine Fernuniversität - Aus Österreich streben rund 500 Studierende einen Bachelor oder MBA an

Per E-Mail erhielt Erik Prinz, Prozessingenieur beim Baustoffkonzern Lafarge, die Anweisung: Schreiben Sie einen Bericht an Ihren Chef. Thema: Wie reagiert Lafarge auf externe Herausforderungen. Den Bericht schickte Prinz allerdings nicht seinem Chef, sondern an Hanno Pöschl. Pöschl ist kein Betriebsspion. Er ist Lehrer an der Open University. Und Prinz ist einer von 250 Studierenden aus Österreich, die einen Master of Business Administration an dieser Uni machen. Weitere 250 wollen einen Bachelor oder Master in anderen Studienfächern.

Die Open University ist eine reine Fernuniversität, und mit 200.000 Studierenden die größte Uni Großbritanniens. Zwei Drittel davon leben auf den britischen Inseln, der Rest anderswo. Stark vertreten ist die Uni in Russland.

Per Post erhält Prinz das Kursmaterial – Bücher, CDs, DVDs, per E-Mail die Instruktionen seines Tutors. Doch rein virtuell geht es nicht zu. Einmal pro Monat trifft Pöschl in Wien die 16 Personen seiner Klasse zu einem eintägigen Coaching samt Reflexionen. Jeder Semesterkurs inkludiert auch ein dreitägiges Seminar. Nach Milton Keynes, zum Campus der Open University nördlich von London, fährt dagegen kaum jemand. Wozu auch. Der Campus ist fast menschenleer. In der weitläufigen Bibliothek sitzt an einem Freitagmorgen im März ein einziger Student. Aber tausende klinken sich per Computer in die virtuelle Bibliothek ein, laden Bücher elektronisch herunter und blättern in wissenschaftlichen Journalen.

Gegründet wurde die Open University 1969 von idealistischen Träumern – darunter Harold Wilson, dem Premierminister einer von der Labour Party gestellten Regierung. Sie wollten das starre britische Klassensystem aufbrechen und Bildung für alle ermöglichen. "Wir haben die Uni gegen ein Sperrfeuer von Kritik aufgebaut", sagt Kommunikationsdirektor Derek Prior, der in den wilden Anfangsjahren dabei war. "Wir waren Teil einer Revolution in der britischen Gesellschaft."

MBA statt kämpfen

Kein Wunder, dass sich auch andere Revolutionäre von so einer Universität angezogen fühlen. Als der äthiopische Guerillakämpfer Meles Zenawi und seine Mitstreiter nach jahrelangem Bürgerkrieg 1991 die marxistische Militärjunta unter Mengistu stürzten, wussten sie viel über Kriegskunst und wenig übers Regieren. Also schrieben sich Meles und 20 seiner Kabinettsmitglieder in die Open University Business School ein und studierten die Kunst des Managements. 14 schafften den MBA. Premierminister Meles bewies Führungskunst und wurde beim Examen Dritter unter weltweit 1400 Prüflingen.

"Unsere Lehrmethode ruht auf drei Säulen", sagt James Fleck, Dekan der Business School. "Unser exzellentes Kursmaterial, die Betreuung durch erfahrene Lehrer – die meisten sind im Hauptberuf Manager, sowie die Methode, die Theorie sofort im eigenen Unternehmen zu überprüfen – ,case studies‘ wie in Harvard, nur viel näher an der Realität."

Für Prinz war die Qualität – die Business School ist dreifach akkreditiert – sowie die Möglichkeit, den MBA neben seinem Beruf zu machen, ausschlaggebend. Zwölf Stunden pro Woche reserviert er für das Studium – drei bis vier Jahre braucht man so für den MBA. (DER STANDARd, Printausgabe, 8. April 2006)

Margarete Endl aus London

Link

Open University Business School

  • Studieren an einer virtuellen Universität ist in England bereits Realität.
    foto: standard/open university

    Studieren an einer virtuellen Universität ist in England bereits Realität.

Share if you care.