Dzevad Karahasan im Interview über seinen Roman "Der nächtliche Rat", Cetniks, Romantik und Literatur
Dzevad Karahasan sprach mit Klaus Zeyringer über seinen neuen Roman, Cetniks, Romantik und Literatur, die von Propheten erzählen dürfen muss.
Dzevad Karahasan kommt aus einem bosnischen Kultursystem, das lange Zeit vier Konfessionsgemeinschaften miteinander leben
ließ. Dieses Modell, betont Karahasan in seinen
2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichneten Essays,
habe mit diversen Facetten immerhin bis ins
20.
Jahrhundert funktioniert, bis zum belagerten Sarajewo, das er in dem Roman Sara und Serafina (2000) zeichnet. Grundlegend und bezeichnend für das Werk von Dzevad Karahasan
– von dem Tagebuch der Aussiedlung (1993) bis
zu den großen Romanen Der östliche Divan
(1993) sowie Schahrijârs Ring (1997) – ist die
Verbindung von Essay und Literatur, Rede und
Erzählung.
Nun stellt der Roman Der nächtliche
Rat, der seit Kurzem auf Deutsch vorliegt, die
Frage nach dem Ausweg aus der Spirale der Gewalt.
Mitte der Sechzigerjahre ging Simon Mihailovic aus der bosnischen Stadt Foca weg, um
nicht in der jugoslawischen Armee dienen zu
müssen. In Berlin heiratet er Barbara und wird
Arzt. Nach Foca kann er zwar telefonieren, aber
nicht zurückkehren. Seine Eltern sterben, das
Haus der Familie steht leer. Nachdem Barbaras
und Simons Sohn Sascha ausgezogen ist, beginnt Simon immer stärker eine Sehnsucht
nach seiner bosnischen Heimat zu fühlen und
fährt Ende August 1991 nach Foca, wo er auf
eine Stimmung schwelender Gewalt trifft. Nach
seiner Ankunft werden vier Menschen ermordet, die er gut gekannt hat, und Simon gerät in
Verdacht, während er sich seine frühere Heimat
wieder aneignen will. Nachts besucht ihn sein
bester Jugendfreund Enver, mit dem Simon
schließlich in den Barzakh hinabsteigt, um die
Kette der Gewalt zu durchtrennen – in dieses
unterirdische Zwischenreich, in dem sich die
Seelen der seit Jahrhunderten Ermordeten befinden.
Kriminalhandlung und essayistische
Reden, Liebesgeschichte und kafkaeske Parabel, theologische Spekulation und Märchen
und Zeitkritik: In einer durchdachten Konstruktion und in spannender Erzählung erstehen die historische Situation am Vorabend des
Bosnienkrieges, Leben und Gesellschaft in diesem existenziellen (Tal-)Kessel auf eine hintergründige Weise, die das Reale und das Überreale
ineinander übergehen lässt.
STANDARD: In Ihrem neuen Roman "Der nächtliche Rat" fällt die Gegenüberstellung Aufklärung
versus Romantik auf. Die historische Romantik
ist ja mit der Ausformung der Nationalismen verbunden. Und im Roman treten die "Dritte Welt"
der Romantik, der Irrationalismus und der Nationalismus immer stärker auf.
Karahasan: Aufklärung und Romantik sind unzertrennlich miteinander verbunden, sie leben
in einer fruchtbaren Art gegenseitiger Abhängigkeit, sie hassen einandersich und kommen ohne
einander nicht zustande und nicht zurecht. Die
Romantik war der erste anhaltende Widerstand
gegen Irrwege der Aufklärung, und sie hat das
erste Monster der Aufklärung zustande gebracht. Das Monster des Doktor Frankenstein
leidet furchtbar darunter, dass es in keinem
Menschen Liebe erwecken kann – es kann dies
nicht, weil es keine Schöpfung Gottes, sondern
ein Produkt der menschlichen Arbeit ist. Das
Monster des Doktor Frankenstein kann nicht geliebt werden, weil Liebe ein Wunder ist. Warum
ich das erzähle? Ohne Romantik als Gegengewicht mündet die Aufklärung notwendigerweise in eine Sackgasse, in eine geistlose Welt des
materialistischen Monismus. Ohne Aufklärung
als Korrektiv mündet ihrerseits die Romantik in
Provinzialismus, Pseudomystizismus, Nationalismus. Ich möchte mir das Leben ohne meinen Traum von einer aufgeklärten Romantik
nicht vorstellen. Mein Roman endet in einer Art
aufgeklärter Romantik – daher meine Behauptung, dass der Schluss trotz allem optimistisch
ist. Übrigens ist der Roman voller Wasser – Romantik schlechthin, wie das Spiegelmotiv. Der
Spiegel ist eine Grundlage der ganzen Romankonstruktion. Simon und Enver spiegeln sich
ineinander.
STANDARD:
Warum spielt der Roman ausgerechnet in Foca?
Karahasan: Foca ist das Tor Bosniens Richtung
Südosten. Hier haben sich wirklich einige Massaker abgespielt, manche davon in dem Ausmaß
und in der Art, dass sie eigentlich jenseits von
Nation stehen und im Metaphysischen zu verstehen sind, vom 17. bis ins 20.
Jahrhundert,
verübt von bewaffneten Banden.
STANDARD:
Außer bei den Cetniks wird nicht gesagt, welcher
Seite, Nationalität, Religion sie angehören.
Karahasan: So ist es. Nur das Massaker von 1942
ist ein rein politisches. Im Programm der Cetnik-
Bewegung ist ein ethnisch reines Serbien geplant. Das ist eine ultranationalistische, im
Grunde nazistische Bewegung. Für sie ist Nation eine metaphysische, natürliche, geradezu
biologische, nicht aber historische, kulturelle
Erscheinung. Nation, meinen sie, sei von Gott
gegeben, sei Natur und Ewigkeit.
STANDARD:
Der Polizeikommissar und ehemalige Sportprofessor Landeka ist ein Serbe.
Karahasan: Nein, Landeka ist ein Kroate, der sich
als Serbe fühlt. Landeka ist ein ausgesprochen
kroatischer Name.
STANDARD:
Und die Leser der Originalausgabe verstehen diese Zuordnung?
Karahasan: Nein, auch in Bosnien verstehen
dies nur wenige; das ist einfach meine Spielerei.
STANDARD:
Wie in allen Ihren Romanen reden im "Nächtlichen Rat" Ihre Figuren recht viel. Einer schreibt
ein Märchen, ein anderer erzählt eine kafkaeske
Parabel, ein Dritter einen kurzen Essay über die
drei Grundtypen von Bärten. Dies wird von einem
Erzähler geordnet, geschildert.
Karahasan: Für mich ist die Welt ein Buch. Ohne
Sprache könnte ich die Existenz nicht denken.
In meinem Empfinden sind körperliche Bewegung und Sprache die einzigen Formen, die in
sich Raum und Zeit vereinen. Nur die Sprache
ist imstande, das Abwesende herbeizuführen,
die Zeit vor Augen zu führen, die Zeit zugleich
zu bestätigen und zu leugnen. Ohne Sprache
wären wir vielleicht gar nicht imstande, uns
Zeit vorzustellen. Daher erzählen alle in meinen
Texten so viel. Sogar in meinen Dramen reden
die Figuren unheimlich viel, weil das Reden die
Möglichkeit ist, sich Zeit und sein Dasein bewusst zu machen, seinem Dasein eine Gestalt zu
geben.
Meine Bücher empfinde ich als reine Potenzialität, diese wird durch das Lesen zu einer
Wirklichkeit. Es freut mich, wenn mein Leser –
gute Leser sind leider seltener als gute Schriftsteller – meine Sehnsucht nach einer Objektivität und nach der Selbstständigkeit meiner Figuren begriffen hat. Meine Leser empfinde ich als
Koautoren. Die Leser sind es letztlich immer,
denn ein Leser ist kein bloßer Konsument. Insofern will ich nicht über meinen Roman etwas behaupten und als einzig richtige Deutung vorschreiben. Ich kann nur sagen, was ich wollte,
als ich den Roman konzipiert habe. Ob du als Leser, als Kritiker und Gesprächspartner damit
einverstanden bist, ist eine andere Sache. In
meinem Konzept steht es folgendermaßen: Enver, ein Untoter, erzählt die Geschichte Barbara,
Simons Frau. Daher sagt er "bei uns in Foca",
"bei uns im Barzakh". Und daher ist die Geschichte um Simon konzentriert, denn Barbara
interessiert eigentlich Simon, Foca ist ihr ziemlich gleichgültig.
STANDARD:
Der Roman spielt 1991, vor dem Bosnienkrieg. Simon soll im Roman die Kette der Gewalt durchbrochen haben. Widersprechen die historischen
Ereignisse, das Toben der Gewalt, dem Romanschluss?
Karahasan: Leider ja, denn Simon konnte als
Einzelperson offensichtlich nur für sich entscheiden und nur für sich etwas bewirken. In
der Historie spielen jedoch Einzelpersonen
meist eine sekundäre Rolle. Einzelpersonen haben Schicksale, Kollektive haben Geschichte.
Wäre Simon ein Prophet oder ein nationaler
Führer, hätte er möglicherweise auch in der Geschichte ein Ende der Gewalt bewirken können.
STANDARD:
Der Erzähler Enver spricht aus einer Zwischenwelt. In Ihren Romanen kommt die Erzählung oft
aus einem Zwischenbereich.
Karahasan: Literatur ist eine Zwischenwelt.
Wenn die Arabeske eine sichtbare und fühlbare
Abstraktion ist, so ist auch die Literatur eine
Zwischenwelt, eine Welt der konkreten Geistigkeit. Literatur ist wahrlich keine Welt der Ideen,
nicht einmal der Platonischen Ideen, auf keinen
Fall eine ideale Welt. Literatur funktioniert etwa
so, wie es ein heiliger Zeitraum tut. Wenn bei einem religiösen Ritus die jenseitige Welt in die
diesseitige Welt hineinbricht, geschieht dies
durch heilige Zeit und heiligen Raum. Wenn bei
der Messe ein Gläubiger an dem Letzten Abendmahl teilhat, dann geschieht das in dem Augenblick und an der Stelle, wo er Jesus begegnet. Da
haben wir es mit dem heiligen Chronotopos zu
tun, mit einem Zeitpunkt, in dem sich Anfang
und Jetzt gegenseitig durchdringen.
STANDARD:
Dies geht freilich nur romantisch.
Karahasan: Selbstverständlich.
STANDARD: In der Encyclopédie von d'Alembert und Diderot
hingegen ist Kommunion mit einem Verweis auf
Menschenfresserei, Kannibalismus versehen.
Karahasan: Darum geht es eben: Nur die Literatur kann das. Deswegen ist sie in sich so verdammt zwiespältig. Nur die Literatur kann
unsere erhabenste Pathetik ironisieren, ohne
sie dabei zu vernichten. Nur die Literatur kann
unsere Blödheit auslachen, ohne uns dabei zu
verletzen. Nur die Literatur kann das Heilige
und das Lächerliche gleichzeitig darstellen,
denn das Heilige und das Lächerliche sind unzertrennlich miteinander verbunden.
STANDARD: Literatur muss also Gott und die Propheten erzählen dürfen.
Karahasan: Die große Literatur vermag das
Menschliche eines Propheten zum Ausdruck zu
bringen, das Göttliche im Menschen, im letzten
von uns, zu zeigen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.4.2006)
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