
Dzevad Karahasan, "Der nächtliche Rat". Roman. Aus dem Bosnischen von Katharina Wolf-Grießhaber. €20,40 / 334 Seiten. Insel, Frankfurt/Main 2006

Zur Person
Dzevad Karahasan wurde 1953 in Duvno, Bosnien-Herzegowina, geboren. Studium der Literatur- und Theaterwissenschaft. 1979-1986 Redakteur der Zeitschrift Odjek in Sarajewo, 1986-1993 Professor für Dramaturgie und Theatergeschichte, 1989-1992 Redakteur bei der Zeitschrift Izraz. Ab 1994 Gastprofessor und Stipendiat in Salzburg, Berlin, Göttingen und Graz. Er lebt in Graz.
Dzevad Karahasan kommt aus einem bosnischen Kultursystem, das lange Zeit vier Konfessionsgemeinschaften miteinander leben ließ. Dieses Modell, betont Karahasan in seinen 2004 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichneten Essays, habe mit diversen Facetten immerhin bis ins 20. Jahrhundert funktioniert, bis zum belagerten Sarajewo, das er in dem Roman Sara und Serafina (2000) zeichnet. Grundlegend und bezeichnend für das Werk von Dzevad Karahasan – von dem Tagebuch der Aussiedlung (1993) bis zu den großen Romanen Der östliche Divan (1993) sowie Schahrijârs Ring (1997) – ist die Verbindung von Essay und Literatur, Rede und Erzählung. Nun stellt der Roman Der nächtliche Rat, der seit Kurzem auf Deutsch vorliegt, die Frage nach dem Ausweg aus der Spirale der Gewalt.
Mitte der Sechzigerjahre ging Simon Mihailovic aus der bosnischen Stadt Foca weg, um nicht in der jugoslawischen Armee dienen zu müssen. In Berlin heiratet er Barbara und wird Arzt. Nach Foca kann er zwar telefonieren, aber nicht zurückkehren. Seine Eltern sterben, das Haus der Familie steht leer. Nachdem Barbaras und Simons Sohn Sascha ausgezogen ist, beginnt Simon immer stärker eine Sehnsucht nach seiner bosnischen Heimat zu fühlen und fährt Ende August 1991 nach Foca, wo er auf eine Stimmung schwelender Gewalt trifft. Nach seiner Ankunft werden vier Menschen ermordet, die er gut gekannt hat, und Simon gerät in Verdacht, während er sich seine frühere Heimat wieder aneignen will. Nachts besucht ihn sein bester Jugendfreund Enver, mit dem Simon schließlich in den Barzakh hinabsteigt, um die Kette der Gewalt zu durchtrennen – in dieses unterirdische Zwischenreich, in dem sich die Seelen der seit Jahrhunderten Ermordeten befinden.
Kriminalhandlung und essayistische Reden, Liebesgeschichte und kafkaeske Parabel, theologische Spekulation und Märchen und Zeitkritik: In einer durchdachten Konstruktion und in spannender Erzählung erstehen die historische Situation am Vorabend des Bosnienkrieges, Leben und Gesellschaft in diesem existenziellen (Tal-)Kessel auf eine hintergründige Weise, die das Reale und das Überreale ineinander übergehen lässt.
STANDARD: In Ihrem neuen Roman "Der nächtliche Rat" fällt die Gegenüberstellung Aufklärung versus Romantik auf. Die historische Romantik ist ja mit der Ausformung der Nationalismen verbunden. Und im Roman treten die "Dritte Welt" der Romantik, der Irrationalismus und der Nationalismus immer stärker auf.
Karahasan: Aufklärung und Romantik sind unzertrennlich miteinander verbunden, sie leben in einer fruchtbaren Art gegenseitiger Abhängigkeit, sie hassen einandersich und kommen ohne einander nicht zustande und nicht zurecht. Die Romantik war der erste anhaltende Widerstand gegen Irrwege der Aufklärung, und sie hat das erste Monster der Aufklärung zustande gebracht. Das Monster des Doktor Frankenstein leidet furchtbar darunter, dass es in keinem Menschen Liebe erwecken kann – es kann dies nicht, weil es keine Schöpfung Gottes, sondern ein Produkt der menschlichen Arbeit ist. Das Monster des Doktor Frankenstein kann nicht geliebt werden, weil Liebe ein Wunder ist. Warum ich das erzähle? Ohne Romantik als Gegengewicht mündet die Aufklärung notwendigerweise in eine Sackgasse, in eine geistlose Welt des materialistischen Monismus. Ohne Aufklärung als Korrektiv mündet ihrerseits die Romantik in Provinzialismus, Pseudomystizismus, Nationalismus. Ich möchte mir das Leben ohne meinen Traum von einer aufgeklärten Romantik nicht vorstellen. Mein Roman endet in einer Art aufgeklärter Romantik – daher meine Behauptung, dass der Schluss trotz allem optimistisch ist. Übrigens ist der Roman voller Wasser – Romantik schlechthin, wie das Spiegelmotiv. Der Spiegel ist eine Grundlage der ganzen Romankonstruktion. Simon und Enver spiegeln sich ineinander.
STANDARD: Warum spielt der Roman ausgerechnet in Foca?
Karahasan: Foca ist das Tor Bosniens Richtung Südosten. Hier haben sich wirklich einige Massaker abgespielt, manche davon in dem Ausmaß und in der Art, dass sie eigentlich jenseits von Nation stehen und im Metaphysischen zu verstehen sind, vom 17. bis ins 20. Jahrhundert, verübt von bewaffneten Banden.
STANDARD: Außer bei den Cetniks wird nicht gesagt, welcher Seite, Nationalität, Religion sie angehören.
Karahasan: So ist es. Nur das Massaker von 1942 ist ein rein politisches. Im Programm der Cetnik- Bewegung ist ein ethnisch reines Serbien geplant. Das ist eine ultranationalistische, im Grunde nazistische Bewegung. Für sie ist Nation eine metaphysische, natürliche, geradezu biologische, nicht aber historische, kulturelle Erscheinung. Nation, meinen sie, sei von Gott gegeben, sei Natur und Ewigkeit.
STANDARD: Der Polizeikommissar und ehemalige Sportprofessor Landeka ist ein Serbe.
Karahasan: Nein, Landeka ist ein Kroate, der sich als Serbe fühlt. Landeka ist ein ausgesprochen kroatischer Name.
STANDARD: Und die Leser der Originalausgabe verstehen diese Zuordnung?
Karahasan: Nein, auch in Bosnien verstehen dies nur wenige; das ist einfach meine Spielerei.
STANDARD: Wie in allen Ihren Romanen reden im "Nächtlichen Rat" Ihre Figuren recht viel. Einer schreibt ein Märchen, ein anderer erzählt eine kafkaeske Parabel, ein Dritter einen kurzen Essay über die drei Grundtypen von Bärten. Dies wird von einem Erzähler geordnet, geschildert.
Karahasan: Für mich ist die Welt ein Buch. Ohne Sprache könnte ich die Existenz nicht denken. In meinem Empfinden sind körperliche Bewegung und Sprache die einzigen Formen, die in sich Raum und Zeit vereinen. Nur die Sprache ist imstande, das Abwesende herbeizuführen, die Zeit vor Augen zu führen, die Zeit zugleich zu bestätigen und zu leugnen. Ohne Sprache wären wir vielleicht gar nicht imstande, uns Zeit vorzustellen. Daher erzählen alle in meinen Texten so viel. Sogar in meinen Dramen reden die Figuren unheimlich viel, weil das Reden die Möglichkeit ist, sich Zeit und sein Dasein bewusst zu machen, seinem Dasein eine Gestalt zu geben.
Meine Bücher empfinde ich als reine Potenzialität, diese wird durch das Lesen zu einer Wirklichkeit. Es freut mich, wenn mein Leser – gute Leser sind leider seltener als gute Schriftsteller – meine Sehnsucht nach einer Objektivität und nach der Selbstständigkeit meiner Figuren begriffen hat. Meine Leser empfinde ich als Koautoren. Die Leser sind es letztlich immer, denn ein Leser ist kein bloßer Konsument. Insofern will ich nicht über meinen Roman etwas behaupten und als einzig richtige Deutung vorschreiben. Ich kann nur sagen, was ich wollte, als ich den Roman konzipiert habe. Ob du als Leser, als Kritiker und Gesprächspartner damit einverstanden bist, ist eine andere Sache. In meinem Konzept steht es folgendermaßen: Enver, ein Untoter, erzählt die Geschichte Barbara, Simons Frau. Daher sagt er "bei uns in Foca", "bei uns im Barzakh". Und daher ist die Geschichte um Simon konzentriert, denn Barbara interessiert eigentlich Simon, Foca ist ihr ziemlich gleichgültig.
STANDARD: Der Roman spielt 1991, vor dem Bosnienkrieg. Simon soll im Roman die Kette der Gewalt durchbrochen haben. Widersprechen die historischen Ereignisse, das Toben der Gewalt, dem Romanschluss?
Karahasan: Leider ja, denn Simon konnte als Einzelperson offensichtlich nur für sich entscheiden und nur für sich etwas bewirken. In der Historie spielen jedoch Einzelpersonen meist eine sekundäre Rolle. Einzelpersonen haben Schicksale, Kollektive haben Geschichte. Wäre Simon ein Prophet oder ein nationaler Führer, hätte er möglicherweise auch in der Geschichte ein Ende der Gewalt bewirken können.
STANDARD: Der Erzähler Enver spricht aus einer Zwischenwelt. In Ihren Romanen kommt die Erzählung oft aus einem Zwischenbereich.
Karahasan: Literatur ist eine Zwischenwelt. Wenn die Arabeske eine sichtbare und fühlbare Abstraktion ist, so ist auch die Literatur eine Zwischenwelt, eine Welt der konkreten Geistigkeit. Literatur ist wahrlich keine Welt der Ideen, nicht einmal der Platonischen Ideen, auf keinen Fall eine ideale Welt. Literatur funktioniert etwa so, wie es ein heiliger Zeitraum tut. Wenn bei einem religiösen Ritus die jenseitige Welt in die diesseitige Welt hineinbricht, geschieht dies durch heilige Zeit und heiligen Raum. Wenn bei der Messe ein Gläubiger an dem Letzten Abendmahl teilhat, dann geschieht das in dem Augenblick und an der Stelle, wo er Jesus begegnet. Da haben wir es mit dem heiligen Chronotopos zu tun, mit einem Zeitpunkt, in dem sich Anfang und Jetzt gegenseitig durchdringen.
STANDARD: Dies geht freilich nur romantisch.
Karahasan: Selbstverständlich.
STANDARD: In der Encyclopédie von d'Alembert und Diderot hingegen ist Kommunion mit einem Verweis auf Menschenfresserei, Kannibalismus versehen.
Karahasan: Darum geht es eben: Nur die Literatur kann das. Deswegen ist sie in sich so verdammt zwiespältig. Nur die Literatur kann unsere erhabenste Pathetik ironisieren, ohne sie dabei zu vernichten. Nur die Literatur kann unsere Blödheit auslachen, ohne uns dabei zu verletzen. Nur die Literatur kann das Heilige und das Lächerliche gleichzeitig darstellen, denn das Heilige und das Lächerliche sind unzertrennlich miteinander verbunden.
STANDARD: Literatur muss also Gott und die Propheten erzählen dürfen.
Karahasan: Die große Literatur vermag das Menschliche eines Propheten zum Ausdruck zu bringen, das Göttliche im Menschen, im letzten von uns, zu zeigen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8./9.4.2006)
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