Der lange, steinige Weg zum Wiederaufbau

2. Mai 2006, 21:13
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Vor einem halben Jahr starben beim Erdbeben in Kashmir 76.000 Menschen, von einem Rückkehr zur Normalität ist man noch weit entfernt - ein Bericht von Rotkreuz-Mitarbeiterin Andrea Eberl

Sechs Monate nach dem verheerenden Erdbeben in Pakistan und Indien ist im von Pakistan verwalteten Teil Kashmirs noch immer nicht viel von einer Rückkehr zur Normalität zu sehen. In entlegenen Dörfern mangelt es an Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Bewässerungssystemen für den Reisanbau.

Triefend nass kniet die achtjährige Sumaira vor der Feuerstelle unter dem undichten Holzverschlag, wo sich das Wasser auf dem Lehmboden sammelt. Ein Teekessel brodelt auf der kleinen Flamme während sich die Regentropfen in ihrem dünnen Kleid festsaugen. Drei Tage war Sumaira unter den Trümmern ihres Hauses verschüttet, bis die Eltern sie endlich ausgraben konnten. Seither spricht sie kein Wort mehr. "Sie hat den Verstand verloren" erklärt die Mutter verzweifelt, während sie ihre nassen Haare aus dem Gesicht streicht.

Psychologische Hilfe ist ein Luxusgedanke in den abgelegenen Dörfer im von Pakistan verwalteten Teil Kashmirs, wo sechs Monate nach dem Erdbeben gerade einmal der Wiederaufbau in Angriff genommen wird. Die Bilanz des Erdbebens am 8. Oktober ist eine der schlimmsten der letzen Jahrzehnte: 76.000 Tote, zirka gleich viele Verletzte und mehr als 3 Millionen Obdachlose. Die katastrophalen Auswirkungen des Erdbebens erschweren in dieser gebirgigen und infrastrukturell kaum erschlossenen Region den raschen Wiederaufbau erheblich. Nach wie vor ist die vom Internationalen Roten Kreuz und dem Pakistanischen Roten Halbmond unterstützte Gegend von einem Bild der totalen Zerstörung gezeichnet.

Foto:Andrea Eberl

Es ist ein kalter und verregneter Sonntag Nachmittag in Chakothi, einem kleinen Dorf, das in einem langläufigen Tal wenige Kilometer vor der Demarkationslinie zwischen Indien und Pakistan liegt. Seit zwei Tagen hat sich Chakothi in einziges Gewitter- und Regeninferno verwandelt. Die Dorfstrasse wurde innerhalb weniger Stunden überflutet, ebenso die Schulzelte, die seit dem Erdbeben provisorisch von der Armee aufgestellt wurden. Ohne Regenschutz stapfen die Menschen durch den Schlamm, um zu ihren zumeist undichten Zelten zu kommen. Der Winter, der zum Glück dieses Jahr vergleichsweise mild ausgefallen ist, hat dem Frühling Platz gemacht.

Zeltmenschen

Im gesamten vom Erdbeben betroffenen Gebiet leben die meisten Menschen noch in Zelten. Obwohl vereinzelt Häuser noch bewohnbar wären, trauen sich die Menschen noch nicht, unter einem festen Dach schlafen. Sie bevorzugen Zeltwände gegenüber Ziegelwänden, da die Erinnerung an die unter den Trümmern gestorbenen Familienmitglieder oder Nachbarn noch immer zu lebendig ist.

Am späten Nachmittag sind Zelte und Menschen bereits zunehmend im Schlamm versunken. Zusammen mit KollegInnen vom Pakistanischen Roten Halbmond (PRCS) laufen wir seit zwei Stunden im strömenden Regen von Zelt zu Zelt, um dort Plastikplanen zu verteilen, wo der Regen durch den löchrigen Zeltstoff dringt und die wenigen Habseligkeiten durchnässt.

Eigentlich wollten wir heute in zwei abgelegenen Dörfern einen Monitoring Besuch abstatten. Das heißt, Treffen mit Dorfvertretern, Frauengruppen etc., um zu sehen, ob unsere Hilfsgüter angekommen sind und um Informationen über ihre momentane Lebenssituation zu sammeln. Der Weg hinauf ist jedoch wegen der vielen Murenabgänge zu gefährlich, und somit besuchen wir die Familien rund um Chakothi, die seit dem Erdbeben in Zelten oder in kleinen Holzverschlägen leben.

Als ich das erste Mal durch Chinari - einem 15 km entfernten Ort - spazierte, hatte es mir fast den Atem verschlagen. Sechs Monate nach dem Erdbeben gleicht die Stadt noch immer einem einzigen Trümmerfeld. Zahlreiche Häuser am Ende des Ortes sind einfach den Hang hinuntergerutscht, haben Menschen und alles was sich dort befand mitgerissen und begraben. Vor dem Erdbeben war Chinari eine kleine, belebte Stadt und gleichzeitig der groesste Markt in der Umgebung. Mittlerweile kehrt zwar langsam wieder Leben in den Markt, aber nichts erinnert mehr an das Leben vor dem Erdbeben. Es ist ein langer und gefährlicher Weg nach Chinari, dementsprechend ist die Stadt von Unterstützung von aussen abgeschnitten. Das Rote Kreuz ist die einzige Organisation, die dort eine permanente Basis zur Unterstützung der Bevölkerung aufgebaut hat.

Verschütte Kinderträume

Kinder waren vom Erdbeben ganz besonders betroffen. Als um 8:50 Uhr das Beben mit einer Stärke von 7.6 auf der Richterskala die Erde erschütterte, waren die meisten Kinder gerade mitten im Schulunterricht.

In Chinari starben 150 Kinder unter den Ziegelmassen ihres Schulgebäudes. Da die meisten Schulen zerstört wurden, findet nun der Schulunterricht entweder im Freien, auf zusammengefallenen Häusern oder auf Feldern statt. Vielerorts wurden auch Schulzelte aufgestellt, doch noch mangelt es oft an Lehrern, die erst langsam wieder in das Erdbebengebiet zurückkehren. Kaum ein Kind würde selbst so viele Wochen nach dem Erdbeben in ein Schulgebäude zurückkehren. Fast alle Kinder, die zum Zeitpunkt des Bebens in der Schule waren, sind zutiefst traumatisiert und fühlen sich nur unter weichen Zeltplanen sicher.

Foto:Andrea Eberl

Das Hilfsprogramm des Roten Kreuzes

Das Rote Kreuz hatte bereits wenige Tage nach dem Erdbeben begonnen, Verletzte mit Hubschraubern zu bergen und Hilfsgüter in die schwer zugängliche Region zu fliegen. Bis Dezember haben internationale und lokale MitarbeiterInnen des Roten Kreuzes Tag und Nacht gearbeitet, um Leute aus den Trümmern zu evakuieren und das Überleben vor dem Winter zu sichern.

Seit Beginn des Hilfsprogrammes des Roten Kreuzes wurden insgesamt 272.060 Menschen mit den lebensnotwendigsten Hilfsgütern versorgt. So wurden bis Ende März insgesamt 202.559 Decken, 6.116 Zelte, 65.669 Plastikplanen, 16.754 Tonnen Lebensmittel, mehr als 600.000 Kleider, 29.003 Küchenutensiliensets usw. bis in die abgelegensten Orte verteilt. 10.912 Familien haben Blechdächer erhalten. Gleichzeitig wurden hunderte Menschen in Helikoptern zu Feldspitälern und Krankenhäusern im ganzen Land geflogen. Es ist zur Zeit weltweit einer der schwierigsten Einsätze des Roten Kreuzes.

Ende März wurde offiziell die Katastrophenhilfe von der Wiederaufbauphase abgelöst. Schon vor drei Wochen hat das Rote Kreuz das Feldspital in Muzaffarabad an die lokale Gesundheitsbehörde übergeben. Die Verteilung von Lebensmitteln wurde vor wenigen Tagen beendet, und schon laufen die Vorbereitungen für ein umfangreiches Landwirtschaftsprogramm, das die Familien in ihrer Rückkehr zur Normalität unterstützen soll.

Gleichzeitig wird von einem Team von Wasseringenieuren am Wiederaufbau der Wasserversorgung und von Abwassersystemen gearbeitet.

Foto:Andrea Eberl

Eine weitere Aufgabe des Roten Kreuzes ist der Aubau und die schrittweise Übergabe von einfachen Gesundheitsstationen an die lokale Regierung. Vor allem Frauen haben in dieser Gegen kaum Zugang zu Gesundheitsversorgung. Dement-sprechend hoch ist die Kindersterblichkeit unter fünf Jahren, da es weder für Geburten noch für Kinderkrankheiten medizinische Unterstützung gibt. Wegen der strikten Traditionen verlassen Frauen ihre Häuser kaum, was einer der Gründe für die mangelnde Unkenntnis der einfachsten Hygiene- und Gesundheitsmaßnahmen für ihre Kinder ist. Das Rote Kreuz hat daher Bewohnerinnen zu ländlichen Gesundheitspromotorinnen ausgebildet, die nun von Dorf zu Dorf gehen, um Frauen in diesem Bereich zu schulen.

Aber das ist nur einer der vielen kleinen Meilensteine, die zu einer Rückkehr zur Normalität und hoffentlich zu einer nachhaltigen Verbesserung der Lebenssituation für die Überlebenden des Erdebebens beitragen.

(Andrea Eberl, Mitarbeiterin des Österreichischen Roten Kreuzes in Muzaffarabad)

Das Rote Kreuz bittet um Unterstützung
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Kennwort: Erdbeben Pakistan/Indien
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    foto: andrea eberl/rk
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