Body trägt Body

21. Juli 2006, 12:57
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Er gilt als einer "der" Couturiers der Achtziger - auch wenn es ihm nie um Sex, sondern um Architektur ging: Azzedine Alaïa

Alaïa hat nie modische Designs geliefert, nie Kleider, die den weiblichen Körper, für den sie genäht wurden, in eine vorgegebene Form zwingen. Im Gegenteil: Alaïa war immer elastisch bis hin zur modischen Prinzipienlosigkeit. Den Modeexpertinnen gilt er als "Titan of Tight", als "King of Cling", als "Erfinder des tragbaren Sexy", kurzum: Alaïa hat den Look der 1980er-Jahre entscheidend mitbestimmt. So trug Grace Jones bei der Oscar-Verleihung 1985 ein für die Dekade programmatisches seitlich verschnürtes Latexkleid des Designers. Doch nicht das aufwändig gearbeitete Kleid formulierte das modische Statement, sondern vielmehr der Körper seiner Trägerin, der - nie entblößt - zusammen mit dem Kleid zur Skulptur geworden war.

Alaïa entwirft keine Kleider, die den Körper dem Blick preisgeben, sondern er legt die Projektionen, die inneren Vorlagen und Bilder von Weiblichkeit frei. Seine Entwürfe folgen der Form und Linienführung des weiblichen Körpers, was zu einer äußerst aufwändigen handwerklichen Präzision in der Verarbeitung von Materialien führt, um die Oberflächenspannung eines lebendigen Körpers in Materialien wie Seidenjersey oder Lycra nachzuvollziehen - Stoffe, die zuvor nur für Sportbekleidung Verwendung fanden.

Body und Leggings alltäglich

Erst seit den 80ern zählen Body oder Leggings zum selbstverständlichen Repertoire der Alltagskleidung. Denn je mehr ein Kleidungsstück vom Körper sehen ließ, desto weniger elegant, glamourös oder classy wurde es wahrgenommen. Doch während der sport- und körperbewussten 80er-Jahre war ein definierter Body zum Ausdruck narzisstischer Selbstbeschäftigung geworden - zu einem Instrument sozialer Differenzierung. Dies war bislang eher der Mode und ihren Dresscodes vorbehalten gewesen. Kein Wunder, dass Alaïa vor allem auch in den USA schon bald erfolgreich war. So zeigte er seine Ready-to-wear-Kollektion 1982 bei Bergdorf Goodman, und ein Jahr später eröffnete er eine Boutique in Beverly Hills. Bei "Alaïa" war es möglich, den hart erarbeiteten Körper auch glamourös vorzuführen. Und nur Alaïa gelang es, diesen Körper nicht als sportliche Maschine zu rahmen, sondern zum ästhetischen Erlebnis zu steigern.

Wer heute beispielsweise Boutiquen in New Yorks Soho abklappert, sieht wieder sehr viel 80er-Jahre: enge Röhrenjeans, breite und knappe Taillengürtel, kurze Jacken und so weiter. Ein klassischer Fall von Revival - allerdings nur auf den ersten Blick. Wie in den 80ern propagiert, geht auch heute die Mode immer noch eine enge Verbindung zu körperlichen Formen ein. Doch körperliche Selbstverliebtheit in den 80ern bedeutete Exzess, Sex und Beschleunigung. Das Work-out stand noch nicht im Zeichen von Wellness, sondern es ging um Selbstentwurf, um die wachsende Bedeutung von Ästhetizismen und modischen Oberflächen einer Gesellschaft, in der soziale Beziehungen zunehmend als Folgen ökonomischer Hierarchien wahrgenommen wurden.

Grenzüberschreitung oder Selbstfindung

Dass der Körper das Ergebnis kultureller und sozialer Werte und Moden darstellt, hat sich seit den 80ern herumgesprochen. Doch während ein trainierter Body im neu erfundenen Body damals noch für Grenzüberschreitung oder Selbsterfindung stand, wird heute ungleich mehr von ihm gefordert: Eine nur trainierte Muskulatur ist längst nicht mehr der Rede wert. Ein Körper wird nicht nur gepflegt, um ihn nächtens auszuführen und einzusetzen. Der Körper muss als Beweisstück für eine gesunde, drogenfreie und disziplinierte Lebensführung herhalten. Gerade sollten nicht nur Wirbelsäulen, sondern ebenso Nasen, Geist und Zähne sein. Längst kauft man sich nicht mehr die passende Mode zum vorhandenen Körper, sondern umgekehrt: die Formen zu den Fetzen. Die Feststellung "Ich wollte endlich einmal ein trägerloses Top ohne BH tragen" ist zur glaubwürdigen Begründung für jede selbst verordnete Busenänderung geworden. So mögen zwar bestimmte Looks der 80er-Jahre oberflächlich wiederkehren, doch der Körper, der sie trägt, ist mehr den je selbst zum modischen Medium geraten.

Architektur, nicht Sex

Alaïa macht Kleider, die Arme, Beine, Wölbungen und Kanten einer Frau zu skulpturalen Formen erklären. Ihm geht es nicht um Sex, sondern um Architektur. Der Körper ist Vorgabe, um aus Stoffen eine Form zu schaffen, die seinen Bewegungen ästhetischen Sinn verleihen. Mitte der 50er-Jahre hatte Alaïa als 15-Jähriger an der Kunsthochschule in Tunis mit dem Studium der Bildhauerei begonnen, fing jedoch bald an, in einem Schneider-Atelier für wohlhabende Kundinnen Kleider nach Pariser Vorbild zu kopieren. Er übersiedelte nach Paris, arbeitete für Guy Laroche und nahm private Aufträge an, wurde aber auch immer wieder von anderen Designern engagiert. So entwickelte er beispielsweise den Prototyp für Yves Saint Laurents berühmtes Mondrian-Kleid. Zwischen 1960 und 1965 stand er als Haushälter und Schneider in den Diensten der Comtesse Nicole de Blégiers, bevor er schließlich seinen eigenen Salon eröffnete. Seit den frühen 90ern lebt und arbeitet Alaïa in der Rue de Moussy, in einem Industriegebäude aus dem 19. Jahrhundert.

Alaïa konstruiert meisterhafte Kleidungsstücke, beherrscht den Kanon der Haute Couture in einer Weise, die ihm von jeher auch den Beifall der Kollegenschaft einträgt. Und doch ist er dabei Nonkonformist geblieben. Er beugt sich nicht mehr den Terminen der Modeschauen, bringt seine Kollektionen heraus, wenn sie fertig sind. Er isst jeden Tag mit seinem Team zu Mittag und ignoriert dabei die konservativen Umgangsformen, die an den Höfen der Pariser Haute Couture nach wie vor gepflogen werden. Alaïa betreibt eben keine Firma, sieht sich nicht als Künstler, er hat sich dem Handwerk der Mode geweiht.
(Der Standard/rondo/07/04/2006)

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    Grace Jones war lange seine Muse. Körper und Stoff gingen an ihr eine Symbiose ein. doch auch andere Supermodels wie Linda Evangelista waren Alaia in dieser Hochphase treu ergeben.

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