Und weg damit

21. Juli 2006, 12:57
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Halb angezogen bedeutet nicht halb ausgezogen. Wegnehmen, nicht Dazugeben, ist das modische Gebot der Stunde. Joachim Bessing über den Mut der Designer, Verzicht zu üben

Anders als der Menschheitsgeschichte oder der Natur hat es der Modegeschichte niemals behagt, Sprünge zu machen - weder nach vorn noch zurück: Uns ist keine Epoche bekannt, in der die Menschen plötzlich wieder die Kleider abstreiften, um nackt umherzugehen. Auch werden wir vergeblich auf ein Comeback des Reifrockes warten. Die Modegeschichte erzählt eine Evolution der Anpassung von Kleidungsstücken an den menschlichen Körper - den gesellschaftlichen Gegebenheiten verschiedener Epochen entsprechend, jeweils auf dem Stand der Technik von gewerblicher Herstellung und Textilfabrikation. Der Kontinuität dieser Evolution entspringt unser scheinbar logisches Verständnis der Mode. Wir sehen ein Outfit, und es kommt uns komplett vor, richtig, dem Anlass und dem Wetter entsprechend. Ähnlich nehmen wir ein zuvor noch nie gesehenes Tier zur Kenntnis: Es mag von seltsamer Farbe sein, vielleicht auch von merkwürdiger Gestalt - aber das passt schon. Doch was wäre mit einem Elefanten, dem der Rüssel fehlt? Und was mit einer Giraffe, die keine Flecken hat?

Was Albino in der Natur bedeutet, das gibt es in der Mode noch gar nicht so lange: In den Neunzigerjahren stellten vornehmlich belgische Designer Entwürfe vor, bei denen etwas fehlte, abgeschnitten oder nach außen gewandt war. Im Kleinen entsteht solche Irritation bei einem Jackett, das keine Manschettenknöpfe hat - oder keine Tuchtasche, obwohl man beides heute nur noch sehr selten braucht.

Größer wird das Erstaunen, wenn man wie Giorgio Armani in den Achtzigerjahren das Innenleben, die Schulter- und Brustpolsterungen der Jacketts entfernt. Es entsteht eine neue Silhouette, das überlieferte Erscheinungsbild des Männlichen wird vom Aussterben bedroht.

Schnitt wortwörtlich

Ein Schock entsteht schließlich, wenn man, wie Rudi Gernreich es in den Siebzigern wagte, den Begriff des Schnittes wörtlich nimmt: Sein Topless Swimsuit bestand aus einem gewöhnlichen Badeanzug à la Esther Williams. Allein, das gesamte Oberteil fehlte, als wäre es abgeschnitten worden; eine schöne Kordel führte zwischen den nackten Brüsten zum Hals. Ein "fashion moment", paradoxerweise einer, der klassisch wurde.

Der Eingriff des Schneiders in das beschaulich-geruhsame Getriebe der modischen Evolution ist es, der erst einen Modeschöpfer aus ihm macht - denn man verlangt eher nicht nach Modegärtnern oder -pflegern. Es geht um Kreationisten versus Evolutionisten, wobei es mit dem Kreieren nicht mehr so einfach ist, Eindruck zu machen - die Begeisterung der Massen vor 10.000 Jahren über den Einfall, sich gegen die Kälte ein frisches Hammelfell umzuhängen, dürfen wir uns gar nicht emphatisch genug vorstellen. Heute noch etwas Neues zu erfinden, dürfte schwerer geworden sein als jemals zuvor. Aber das bereits Gemachte zu verstümmeln, es zu abstrahieren, quasi einen Elefanten ohne Rüssel zu schaffen - jene Sprünge zu verursachen, die zu machen die Modegeschichte aus sich heraus nicht beliebt, das ist, worum es in der Mode noch lange Zeit gehen wird.

Des Designers Macht: Etwas wegzunehmen, das unverzichtbar scheint

Außerdem ist es ein schönes Signal für die Autorität eines Designers: Etwas wegzunehmen, das unverzichtbar, das an einem klassisch erscheinenden Stück logisch dazuzugehören scheint, ist ein Zeichen seiner Macht, seiner Gestaltungsfreiheit. Wohingegen etwas hinzuzufügen, fast immer zu überkandidelten Kollektionen, zu Kostümierungen führt: Man denke an Jeans mit Juwelenbesatz . . .

In der aktuellen Miu-Miu-Kollektion stellt Miuccia Prada eine kurze Damenhose vor, die fast deckungsgleich mit dem Badeanzug von Rudi Gernreich geschnitten ist. Eine Latzhose ohne Latz, die man eben neuerdings auf der Straße trägt, nicht mehr wie damals am Strand. Der Belgier Martin Margiela zeigt ein schmales Band, das die Frau über blankem Oberkörper auf den Brustwarzen trägt. Es wirkt wie ein Zensurbalken, ist aber weiß. Raf Simons entwickelteein graues T-Shirt, das aus riesigen Löchern besteht. Die Gewebestreifen haben bloß noch statische Funktionen.

Cut-out- und Cut-off-Kleider zeitgleich zu Verfahren des Schneidens und Montierens in Literatur, Musik und Film

Es ist kein Zufall, dass in den Sechziger-und Siebzigerjahren, als Rudi Gernreichs Cut-out- und Cut-off-Kleider gefeiert wurden, die Verfahren des Schneidens und Montierens ebenso in Literatur, Musik und Film dominierten. Plötzlich gab es eine Generation, die sich lange genug von Kultur begleitet fühlen konnte und die angesichts der Masse an bereits Veröffentlichtem nur mehr eine Möglichkeit zur Innovation sah: Zerschneiden. Abschneiden. Zusammensetzen.

Godard montierte Bild und Ton gegenläufig. Borroughs und Brinkmann ließen den Strom ihrer Gedanken wie zersplittert aussehen. George Martin setzte Tonbandschleifen ein, um John Lennon den Traum zu ermöglichen, so singen zu können, als töne "eine seit zweitausend Jahren tote Stimme von einem Berge herab."

Halb angezogen bedeutet heute nicht mehr halb ausgezogen

In der Zeit ihrer Entstehung werden solche beherzten Eingriffe in die Tradition stets entweder lachend oder verärgert zur Kenntnis genommen. Doch wenn man sich zum Modeschöpfer berufen fühlt, darf einen das nicht stören - auch nicht der ausbleibende kommerzielle Erfolg. Wie in Literatur, Film und Musik gibt es auch in der Mode stets die Schöpfer, die den Stollen weitertreiben - andere, die Plagiatoren und Marketingfachleute, richten sich gemütlich darin ein. Miu Miu ist ja nicht wirklich "cutting edge". Und von da kommt Gernreichs Badeanzug her, von Miuccia Prada zur Hose uminterpretiert - oder sollte man es besser "moderiert" nennen -, und zwar zur richtigen Zeit, das heißt: dem Modell wird nun endlich Erfolg beschieden sein. Die wenigen Frauen, die Gernreichs Badeanzug in den Siebzigerjahren an den Stränden ausführen wollten, wurden noch von der Sittenpolizei verhaftet. Halb angezogen bedeutet heute nicht mehr halb ausgezogen. Wer morgen in der Miu-Miu-Version ins Büro geht, bekommt dafür höchstens Applaus.

Viel mehr solcher mutigen Schnitte

Junge Designer sollten hieraus ihre Lehre beziehen: So avantgardistisch und vielleicht abstrus uns das Nippelband von Margiela vielleicht auch übermorgen noch vorkommen mag - es braucht noch viel mehr solcher mutiger Schnitte, solcher Eingriffe in den beschaulichen Jahreskreis der Kollektionen. Weder übermorgen noch nicht in 20 Jahren, aber mit Sicherheit in der zukünftigen Modewelt werden das nämlich die neuen, die ihre Welt bereichernden Geschöpfe sein.

Wer heute tapfer schneidet, weglässt, etwas vermissen lässt, leistet seinen wichtigen Beitrag - er inspiriert künftige Kollegen. Er wird die Modegeschichte bereichern. Nur er wird dort künftig als Schöpfer genannt. (DER STANDARD, rondo/7/4/2006)


 

Joachim Bessing, geboren 1971 in Bietigheim am Neckar, wurde mit seinen Kolumnen und dem Buch "Tristesse Royale" bekannt. Jüngste Veröffentlichung: "Rettet die Familie!" (List Verlag). Er lebt in Hannover.
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    Der Belgier Martin Margiela zeigt ein schmales Band, das die Frau über blankem Oberkörper auf den Brustwarzen trägt. Es wirkt wie ein Zensurbalken, ist aber weiß.

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    Miu-Miu-Kollektion: EIne kurze Damenhose vor, die fast deckungsgleich mit dem Badeanzug von Rudi Gernreich geschnitten ist. Eine Latzhose ohne Latz ...

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    Ralf Simons entwickelteein graues T-Shirt, das aus riesigen Löchern besteht.

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