EU-Kommissar Dimas im Interview: "Gentechnik nicht verbieten"

22. Juni 2006, 16:07
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Der für Umweltfragen zuständige EU-Kommissar Stavros Dimas gesteht ein, dass bei Risikoabschätzung und -management noch viel getan werden muss

STANDARD: Einer der Kernvorwürfe von Gentechnik-Gegnern ist, dass die Kommission auf Basis von Untersuchungen der Efsa, der European Food Safety Authority in Parma, entscheidet und zu GVO-Industrie-freundlich ist. Wie sehen Sie das?

Dimas: Da ist in der Tat einiges zu tun. Eine unabhängige Untersuchung der Efsa Ende des Vorjahres hat eine Reihe von Schwachstellen ergeben. Beispielsweise, dass die eingereichten Produkte auf Basis der Angaben gemacht wer- den, die von der Gentechnik-Industrie kommen, und abweichende Ansichten dabei nicht in Betracht gezogen werden. Die Efsa ist jetzt dabei, Vorschläge für ei- ne Verbesserung zu erarbeiten. Aber das bedeutet auch, dass die Organisation mehr Geld und Mitarbeiter braucht.

STANDARD: Viele Europäer wollen überhaupt keine Gentechnik in der Landwirtschaft und damit in Lebensmitteln. Ist das keine Option?

Dimas: Wahlfreiheit bedeutet auch, dass man Bauern nicht verbieten kann, nicht auf GV-Produkte zu setzen. Aber wenn es zu Zusammenschlüssen zu gentechnikfreien Zonen kommt, ist das zu akzeptieren. Umso mehr, als der konventionelle, insbesondere der biologische Landbau in Europa eine steigende Nachfrage aufweist. Deshalb sind Koexistenzregeln so wichtig.

STANDARD: Europa ist keine Insel. Wie sieht es beim grenzüberschreitenden Handel mit Saatgut, Futter- und Lebensmitteln aus?

Dimas: Da sind uns letzte Woche bei der Cartagena-Nachfolgekonferenz zur biologischen Sicherheit in Curitiba, Brasilien, zwei ganz wichtige internationale Schritte gelungen. Festgelegt wurde, dass es bei grenzüberschreitendem Handel statt der bisherigen weichen Kennzeichnung "kann GVO enthalten" mit einer sechsjährigen Übergangszeit zur verpflichtenden Kennzeichnung "enthält GVO" kommen wird.

STANDARD: Warum eine so lange Übergangsfrist?

Dimas: Gleichzeitig muss mit dem Produkt eine Dokumentation über die GV-Inhalte mitgeliefert werden. Außerdem kam es in Brasilien zu einem Verbot so genannter "Terminator-Saaten". Das ist GV-Saatgut, das steril ist. Kleinbauern - besonders in Entwicklungsländern - haben aber ein traditionell verankertes Recht, ihr Saatgut auch selbst zu züchten. (DER STANDARD, Print, 6.4.2006)

Zur Person:

Der Grieche Stavros Dimas ist seit einem Jahr EU-Umweltkommissar. Er hat Jus und Wirtschaft in Griechenland und den USA studiert. Bevor er Parlamentarier in Griechenland war, arbeitete er als Anwalt für die Weltbank.

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    Stavro Dimas

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