Gentechnik: Eine Frage der (Ko-)Existenz

8. Juni 2006, 17:55
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Unter einem wilden Durcheinander bei den Landwirtschaften würde die traditionelle Bauernschaft leiden. In Wien verhandelt man über praktikable Koexistenz-Regeln

Ein bisschen können einem die zuständigen Politiker leid tun. Aber nur ein bisschen. Während in den Konferenzsälen der Wiener Messe beim Pratergelände über "Koexistenz" und die unzähligen ungelösten Probleme damit diskutiert wird, wollen es die gut zweitausend Demonstranten vor den Glastüren anders. Die sind nämlich für gar keine Gentechnik. Nicht in der Landwirtschaft und schon gar nicht in den Lebensmitteln.

Aber das ist drinnen in den Vortragssälen kein Thema. Der Zug heißt Gentechnisch veränderte Organsimen (GVO) in Saatgut und Futtermitteln und damit in der Folge auch in Lebensmitteln. Und die Frage dabei lautet, wieviel? Und wie kann Europa dabei seine (teilweise sehr erfolgreiche) konventionelle und biologische Landwirtschaft beibehalten?

"Rigoros Ja oder Nein zu sagen ist rechtlich nicht zu halten", erklärt EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel. Weshalb die Politiker das Lied von der "Wahlfreiheit" singen. Damit ist nicht nur gemeint, dass der Konsument zwischen Produkt A (ohne GVO) und Produkt B (mit) wählen können muss.

Darunter wird vor allem verstanden, dass es in der EU Gentechnik-freie Landwirtschaftszonen geben muss, wie sie bereits auf freiwilliger Basis existieren. Dass es aber auch Landstriche geben wird, in denen Bauern sich für eine industrielle Großproduktion entscheiden, die auf gentechnisch verändertem, also GV-Anbau basieren. Am besten in einer "friedlichen Koexistenz", so Fischer Boel.

Damit aber fangen die Probleme an, für die Landwirtschaftsminister Josef Pröll mit der Gentechnik-Konferenz "zwar keine konkreten Ergebnisse, aber ein paar Guidelines" in die Hand bekommen möchte.

Da ist etwa die ungelöste Frage, welche Pufferzonen zwischen Feldern mit konventioneller und gentechnisch veränderter Aussaat gezogen werden müssen, damit der Schwellenwert (0,9 Prozent) beibehalten werden kann, unter dem ein Produkt als nicht gentechnisch verändert angesehen wird. Und auch, wie die Bauern mit Feldern in den nicht unbeträchtlichen Pufferzonen abgegolten werden. Ein von der Umweltorganisation Greenpeace vorgestellter Report über Felder in Spanien hat ergeben, dass die derzeit fixierten Mindestabstände von 25 Metern beim Maisanbau wegen des Pollenflugs viel zu gering waren.

Weiters: Pollenflug macht vor Landesgrenzen nicht Halt, die rechtlichen Haftungsfragen sind aber bestenfalls auf nationaler Ebene geregelt. "Da muss es länderübergreifende Lösungen geben", fordert Bauernbundpräsident Fritz Grillitsch. Und die Biobauern, die zumindest in Österreich auf die nicht nachweisbare statistische Grenze von 0,1 Prozent in ihren Produkten bestehen, sehen sich überhaupt als die Gelackmeierten. Denn eine Vermischung entwertet ihr Produkt, nicht aber das des Gentechnik-Bauern von nebenan.

Vor EU-weiten Regelungen schreckt die Kommission aber derzeit zurück - obwohl der Agrarsektor wie kaum ein anderer Bereich von Brüssel aus gelenkt wird. Die Landwirtschaft in Europa sei dazu zu unterschiedlich, meint Fischer Boel. Sie vergleicht künftige Brüsseler Vorgaben für Koexistenz in Europa mit einem Christbaum: "Schmücken müssen den Baum die einzelnen Mitglieder."

Und Umweltkommissar Stavro Dimas meint, dass man vor definitiven EU-Regeln zuerst auf nationaler Ebene mehr Klarheit bekommen müsse.

Sicher ist, dass dies Landwirtschaft nicht billiger macht, sind doch getrennte Systeme für Transport und Weiterverarbeitung nötig. "Bei Koexistenz ist der bürokratische Aufwand gigantisch", resümiert Rudi Anschober, grüner Landesrat für Umwelt in Oberösterreich. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print, 6.4.2006)

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    Die meisten Beteiligten der Anti-Gentechnik-Demo am Mittwoch in Wien bezweifeln, dass Koexistenz, also ein Nebeneinander von Gentechnik-freier und Gentechnik-Landwirtschaft überhaupt möglich ist.

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