Kawasaki geht Baden

26. August 2006, 11:44
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Die ER 6n, ausreichend Regen und ein Termin in Baden - Guido Gluschitsch stellt sich einer eher unmenschlichen Herausforderung

Mit Kawasaki ist das immer so eine Sache. Die haben so feine Motorräder und rücken sie für den Standard nicht gleich raus, weil die ganze übrige Journalisten-Meute es zu erklären schafft, warum sie zuerst Test fahren müssen.

Wegen der ER 6n rief ich einst im Oktober Herrn Turic, Werkstättenleiter von Kawasaki Österreich, an, weil ich es nicht mehr erwarten konnte, sie zu fahren. Herr Turic musste mich Woche um Woche vertrösten, bis der Schnee kam. Jetzt ist die weiße Unpracht endlich weg und die ER 6n war frei. Alles perfekt? Weit gefehlt. Was gleichzeitig mit der ER 6n kam, war der Regen und diesen genoss ich ausgiebig.

Turic spricht

Herr Turic erließ mir ausnahmsweise eine Vorlesung aus dem Handbuch des Testgerätes mit den Worten: "Jetzt sind’S schon so viele Kawasakis gefahren, jetzt werden Sie sich ja endlich auskennen."

Aber so einfach konnte ich ihn dann doch nicht ziehen lassen. Ich holte mir diesmal ein paar wahnsinnig wichtige Informationen über die Bremserei bei den Kawas. Am Ende kam heraus, dass es am besten sei, stets die originalen Kawasaki-Bremsbeläge zu verwenden. Das sei keine reine Markenmasche. Manche Nachbaudinger seien zwar auch ganz in Ordnung – aber Kawasaki verwendet verschiedene Bremsbelagmischungen für unterschiedliche Motorradtypen. Die Nachrüster hingegen bedienen sich meist für alle Beläge der gleichen Mischung.

Auch mit ABS

Allein für die Rennstrecke ließe sich die ab Werk verbaute Bremserei noch sinnvoll verbessern. Die wäre dann aber zu scharf für den Alltagsbetrieb. Und für den Alltag, nicht für die Rundstrecke, ist die ER 6n gebaut. Die gibt es für 800 Euro extra auch mit ABS.

Das getestete Motorrad verfügte über kein zusätzliches Bremssystem. Mir war wichtig, dass ich gerade in jenen letzten Tagen des März die ER 6n testen durfte. Am Wochenende hatte ich einen Termin im nur wenige Kilometer von Wien entfernten Baden. Dort würde mir die Kawasaki reizvolle Dienste erweisen. Doch wie schon angekündigt – es regnete.

Also entschied ich mich dazu, den Sonntagsausflug nicht durch Kurven zu würzen, sondern wählte die direkte Route über die teilweise sanierte und gebührenpflichtige MotoCross-Strecke namens A2.

Der Weg bis zur Autobahn war noch halbwegs genüsslich. Mit der schlanken 6er sticht man durch Autokolonnen fast wie mit dem Fahrrad. Da stören keine Spiegel, keine Knie und auch kein Lenker.

An der Ampel ist man mit dem 649 Kubikzentimeter großen Parallel-Twin der Meister. Dank des angenehmen Schubs im unteren Drehzahlbereich lässt man die Blechlawine schnell hinter sich – bis zur nächsten Ampel. Gut, über 8.000 Touren ist das Drehmoment nicht eines, das einem wie mit der Faust in den Magen schlägt, aber manche mögen das ohnedies nicht. Wie sonst erklären wir uns den Turbo-Diesel-Boom? Der billigere Treibstoff alleine wird es ja wohl nicht sein.

An der Leistung von 53 KW (72 PS bei 8.500 U/min) und dem Drehmoment von 66 Nm bei 7000 U/min gibt es nichts zu meckern. Der Motor ist für Fahranfänger und Wiedereinsteiger leicht zu beherrschen und wird mit zunehmender Fahrpraxis bestimmt nicht langweilig.

Schöne Dröhung

Kurzweil verschafft auch der schicke Auspuff, der unter dem Motor montiert ist. Er schaut genial aus und dröhnt wie es sich für eine Kawasaki gehört. Ein Umbau auf eine Krawalltüte wäre sinnlos. Mit der Sitzhöhe von 785 mm stehen auch Nicht-Riesen an der Kreuzung mit beiden Beinen fest im Leben.

>>> Posing und die Folgen

Die weit einsichtige Kurve der Autobahn-Auffahrt verleitete mich ein wenig zum posen. Ich rutschte mit dem Popsch ein wenig auf die Kurveninnenseite – das Hinterrad in die entgegengesetzte Richtung. Letzteres lag aber nicht am Fahrwerk, an den Reifen oder gar meinen Turnübungen. Die Straße war durch die Mischung aus Regen und Staub schmierig wie ein drittklassiger TV-Serien-Star.

Mit dem schmalen 160er-Hinterhuf dürften nicht einmal Ungeübte in engen Kehren ein Problem haben. Das Fahrwerk ist selbstredend eher auf der weichen Seite beheimatet. Vorne agiert eine 41-Millimeter-Gabel. Für hinten hat man ein Monofederbein mit verstellbarer Vorspannung, sehr aufregend, auf der Seite verbaut. Mein rutschendes Schmuckkästchen war leicht wieder auf Kurs zu bringen. Der spitze Schrei, den ich, Montserrat Caballe eingedenk, ausstieß, schien geholfen zu haben.

Der Weg nach Baden war eine Tortur. Es schüttete, das Rechtsfahrgebot schien kaum jemanden zu interessieren, und mit dem Motorrad auf der Autobahn zu fahren, ist so fad wie Styropor zu essen.

Aber sagen wir, man würde bei strömendem Regen wissen wollen, ob die ER 6n wirklich die versprochenen 200 km/h rennt, dann würde man vermutlich herausfinden, dass sie laut Tachometer sogar weit mehr schafft und dies, ohne sich zu plagen. Also angenommen, dass, dann würde man wohl auch draufkommen, dass die ER 6n auch bei höheren Geschwindigkeiten wie auf Schienen fährt. Nur wenn der Reifen das Wasser auf der Straße nicht mehr zur Gänze verdrängen vermag, dann wird es ungemütlich. Aber niemand wird je so blöd sein, das zu versuchen.

In Baden angekommen, war ich trotz Synthetik-Mode bis auf die lange Unterhose nass. Mein Mobiltelefon und meine Digitalkamera nahmen mir den Ausflug ziemlich übel. Angeblich sollen aber Geräte mit Wasserschaden zu mir und meinem Dachschaden passen. Nachdem das Date in Baden dann ebenfalls ins Wasser fiel, also baden ging, trat ich nach wenigen Minuten den Heimweg an, um zu Hause "sinnvollster Tag des Monats" im Kalender zu vermerken.

Immer so eine Sache

Die ER 6n ist optisch eine Wucht, sehr einfach zu beherrschen und verfügt über genügend Kraft, um gehörig Spaß zu machen. Es ist mir ein Leichtes, nachzuvollziehen, warum sie in so vielen Motorrad-Tests die Konkurrenz weit hinter sich ließ. Nicht, dass ich abergläubisch wäre, aber nach dem Z 750 S-Test im Dauerregen und den vergangenen Tagen mit der ER 6n denk ich mir schon: Mit Kawasaki ist das immer so eine Sache. (Guido Gluschitsch, Fotos: Werk; derStandard.at, 5.4.2006)

Preis:
EUR 6.999,-
(EUR 7.799,- mit ABS)

Motor: 4-Takt-Paralleltwin, Hubraum: 649 ccm, Leistung 53 kw (72,1 PS), Getriebe: 6-Gang Kette, 41 mm-Telegabel vorne, schräg angestelltes Federbein hinten. Bremsen: Doppelscheiben vorne und hinten. Sitzhöhe: 785 mm. Tank 15,5 l, Trockengewicht: 174 kg.

Link
Kawasaki

  • Die ER 6n - Hauptdarsteller in den Badner Wasserspielen.
    foto: werk

    Die ER 6n - Hauptdarsteller in den Badner Wasserspielen.

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