13. Juli 2007, 12:46
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Wissenschaftsorganisation im Zeichen von "Kick-off-Meetings" und "Customer Convenience". Wie die Neustrukturierung der Universität zur Sprache kommt, und was dabei vor die Hunde geht.

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Vor einiger Zeit, so wurde mir erzählt, ist eine Gruppe junger Leute auf dem Stephansplatz mit einem ganz speziellen "Deal" an die Öffentlichkeit getreten: Sie boten Passanten an, ihnen ihre Seele abzukaufen. Wonach sich der Kaufpreis richtete, weiß ich nicht mehr, aber ich glaube, es gab unterschiedliche Preisangebote. Jedenfalls war die Aktion ziemlich erfolgreich: Gar nicht so wenige Passanten haben ihre Seele tatsächlich für 10, 20 oder 30 Euro verscherbelt.

Das fiel mir ein, als ich vor wenigen Tagen eine E-Mail-Nachricht mit dem Betreff "Kick-off-Meeting" erhielt. Nein, es war kein Spam, sondern eine ganz offizielle Einladung zu einem Treffen, in dem zum ersten Mal die neuen Bedingungen erläutert werden sollten, unter denen Angehörige der Universität Wien in Zukunft mit ihren Vorgesetzten die Ziele ihrer Arbeit vereinbaren sollen. Ich ertappte mich dabei zu denken: Das ist die Sprache, in der wir unsere Seele verkaufen.

Nein, nein: Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich sehe nicht das Abendland in Anglizismen untergehen - ich finde die Zuflucht zu englischen Ausdrücken oft hilfreich und manchmal unerlässlich. Die Jugendsprache meiner Kinder mit all ihren Kanten und Beulen borg ich mir noch heute aus, na ja - auch wenn's gar nicht mehr sehr passend ist. Ich bin aus einem anderen Grund darüber erschrocken, dass Ausdrücke wie "Kick-off-Meeting" oder auch "One face - one stop to the customer" aus dem Mund meiner Kollegen kullern, als wäre das die natürlichste Sache der Welt.

Seit der unermüdliche Wirbelsturm der Neuorganisation seine Kreise über die Universität zieht, ergießen sich Kübel von Worthülsen über unsere Köpfe, alle paar Wochen ein neuer Schwall. Ich weiß nicht, ob eines der gut bezahlten Managementbüros der Universitätsleitung den Tipp gegeben hat, die Bezeichnungen für die neu eingeführten Strukturen so oft wie möglich zu ändern. Jedenfalls ist die dadurch erzeugte Konfusion umfassend.

Mindestens ebenso genial ist die Idee, für die schnell wechselnden Bezeichnungen eine brutale, möglichst trashige Sprache zu verwenden. Damit zwingt man Wissenschafter in einer Sprache zu denken, die ihnen zutiefst fremd ist und die eine ihrer Kernkompetenzen dysfunktional macht. Wissenschaftliches Denken lebt nämlich zu einem großen Teil von der Bemühung, Begriffe klar zu fassen, ihre Beziehungen zueinander zu analysieren und Gedanken zu entwickeln, die auf ihre innere Schlüssigkeit hin beurteilt werden können.

Ich erinnere mich noch gut daran, wie mein Philosophie-Lehrer von uns verlangte, jeden noch so komplizierten philosophischen Gedankengang in der eigenen Sprache auszudrücken. Solange das nicht gelingt, habe man die Sache nicht verstanden.

Was dabei eingefordert wird, ist keineswegs nur eine philosophische, sondern eine wissenschaftliche Tugend. Die marktschreierische Sprache der Neuorganisation der Universität dagegen ist ein Frontalangriff auf genau die Haltungen und Fähigkeiten, ohne die seriöse und fruchtbare wissenschaftliche Arbeit nicht auskommt. Sie schafft eine Atmosphäre von Schaumschlägerei, Willkür und Abhängigkeit, in der die primitivsten Regeln intellektueller Selbstachtung in Vergessenheit geraten. Wer heute seine Kollegen darauf hinweist, dass der Satz "Der Rektor (der Dekan) will es aber so" zur letzten Begründung einer Entscheidung in Lehre und Forschung nicht reichen kann, stößt inzwischen meist auf Fassungslosigkeit oder Achselzucken.

Am 30. März wurde der neue Senat der Universität Wien gewählt. Dies nehme ich zum Anlass, den Angehörigen der Universität die folgenden Sätze von Francis Ponge ins Stammbuch zu schreiben. "Es wird also zweckmäßig, die Kunst, den Parolen zu widerstehen, zu lehren; die Kunst, nichts zu sagen außer dem, was man sagen will. Jeden die Kunst zu lehren, seine eigene Rhetorik zu entwickeln, ist ein Werk des öffentlichen Wohls."

Übrigens: Die Aktion auf dem Stephansplatz, die, wie ich höre, damals von der Gruppe "monochrom" veranstaltet wurde, hatte einen Clou:

Wer seine Seele verkauft hatte, konnte sie - falls er oder sie es sich am nächsten Tag anders überlegt hatte - zurückkaufen, freilich zu einem deutlich höheren Preis. Bemerkenswerterweise wurde von dieser Rückkaufsmöglichkeit so oft Gebrauch gemacht, dass aus dem Seelenkaufunternehmen angeblich noch ein Geschäft geworden ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.4.2006)

  • Elisabeth Nemeth lehrt Philo- 
sophie an der Uni Wien.
    foto: standard/cremer

    Elisabeth Nemeth lehrt Philo- sophie an der Uni Wien.

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