Entdeckung eines Lebensgefühls: Allein und bittersüß

Über Singles, verheiratete Frauen und den Ruf der Einsamkeit - STANDARD-Interview mit Ulf Poschardt dem Spezialisten für Zeitgeistiges

"Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls" heißt das neue Buch von Ulf Poschardt, Journalist, Philosoph und Spezialist für Zeitgeistiges. Bert Rebhandl sprach mit ihm über Singles, verheiratete Frauen und den Ruf der Einsamkeit.

***

STANDARD: Herr Poschardt, Sie haben ein Buch über "souveräne" Einsamkeit geschrieben und gerieten damit mitten in die deutsche Gebärdebatte.
Ulf Poschardt: Mich ärgert in der Debatte, dass demjenigen, der kein Kind hat, immer wieder unterstellt wird, er habe etwas gegen Kinder. Ich hatte eben Geburtstag, und einige Freunde schließen schon aus meiner Wohnung, dass da keine Kinder hineinpassen: Ulf, bei dir zu Hause ist immer alles so clean und minimalistisch. Die Kinder hat das beim Toben nicht gestört. Da ist ein Druck entstanden, eine moralische Hoheit derjenigen, die schon ein Kind haben. Für mich ist Einsamsein einfach eine Wahlmöglichkeit. Ich verstehe mich da als einen liberalen Menschen, das heißt, dass ich weder unter dem Sozialen leide noch unter der Einsamkeit.

STANDARD: Ihr Buch könnte auch als klassischer Single-Aufmunterer durchgehen. Sie haben dabei einen Begriff, den viele Menschen eher negativ verstehen, positiv besetzt.
Poschardt: Ich finde, Einsamkeit ist wie eine bittersüße Schokolade. Insbesondere im deutschsprachigen Kulturraum hat sie ja beides, die Schönheit und das Schwermütige. Es gibt gerade eine große Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie über Melancholie. Da kann man gut sehen, wie Einsamkeit sowohl genossen wie erlitten wird. In Deutschland ist davon wie so oft nur das Leid übrig geblieben - mit einer fatalen Folge: In der Bewertung der Einsamkeit ist ein Sozialdruck auf Einsame entstanden. Freundeskreis und Familie sind Statussymbole geworden. Mein Aufruf ist, damit souverän umzugehen. Ich schreibe das nicht aus Angst vor Einsamkeit.

STANDARD: Für die "souveräne" Einsamkeit kann man sich nicht qualifizieren, nicht durch Psychotherapie, nicht durch Lektüre, nicht durch Reisen. Trotzdem scheint es leichter zu sein, wenn man nicht arm ist. Ein Elitephänomen?
Poschardt: Jeder schreibt immer aus der Welt, die ihm vertraut ist. Das sind Beschränkungen, aber es gibt keinen Klassenstandpunkt in meinem Buch. Natürlich gibt es viele Menschen, auf deren Problempyramide ganz andere Sachen zuerst kommen. Wer am meisten unter Einsamkeit leidet, sind laut Untersuchungen verheiratete Frauen. Sie können häufig nicht sagen, dass sie einsam sind, weil sie damit die Ehe gefährden würden. Sind diese Frauen dann auch noch reich, dann fehlt den meisten das Verständnis. Es herrscht der Aberglaube, dass Reichtum gegen Unglück schützt - bei allen, die nicht den Cartier-Ring und den Porsche-Schlüssel haben. Man ist von anderen Menschen aber grundsätzlich getrennt, unabhängig vom Kontostand.

STANDARD: Ihr Buch endet mit einem Bekenntnis zur großen Liebe - "das süßeste Geheimnis unserer Existenz". Das wusste der bürgerliche Roman schon einmal besser - dort geht es um die Ökonomie und die Zeit der Liebe.
Poschardt: Sie können es ruhig schärfer sagen. Aber die Modernität des Buches hat zu tun mit den Umwegen, die möglicherweise an ein ähnliches Ziel führen. Die Möglichkeiten des Singlelebens haben sich schon sehr verschoben - was die sexuellen Freiheiten betrifft, als auch was die Durchlässigkeit der Gesellschaft anlangt. Kontrapunktisch fliehen die Leute davor. Sie suchen die Versicherung durch andere, weil sie sich die Fragen über sich selbst gar nicht stellen wollen. Meine Obsession ist eine Fernsehserie wie Sex and the City, meiner Meinung nach eine Übersetzung des bürgerlichen Romans in die Gegenwart. Ich finde das faszinierend erzählt: die Geschichte eines Menschen, der viele Freunde hat, aber auch viele Formen entwickelt, mit Einsamkeit umzugehen. Ich habe dafür neulich eine, wie ich glaube, ganz hübsche Formulierung gefunden: Die Serie ist eine negative Theorie der Familie. Familie ist doch der unwahrscheinlichste, aber zugleich erstrebenswerteste Fall in der Selbstverwirklichung, in der viele sich verrennen wie in einem dunklen Wald. Diese Umwege sind heutzutage noch viel weiträumiger als im bürgerlichen Roman.

STANDARD: Mit Blick auf einen gegenwärtigen bevölkerungspolitischen Bestseller könnte man sagen: Sie versuchen, aus einem Minimum das Maximum herauszuholen. Sie machen keine biologistischen Vorschläge, sondern schreiben über soziale Strategien. Warum dann doch dieser Ratgeber-Appeal?

Poschardt: Ich wollte einmal den Versuch machen. Ich saß letzte Woche beim WDR bei Daheim und unterwegs, einer Nachmittags- sendung, und da gab es ganz unglaublichen Zuspruch. Es ist ein Versuch, für alle verständlich so ein Thema aufzuschreiben. Ich habe früher einmal in Cool die kulturhistorische Bedeutung der entsprechenden Persona und der Heroisierung des Einzelnen erforscht. Jetzt ist das ein ganz anderes Sprachspiel, das einmal so locker herauszuerzählen.

STANDARD:Wählt der souverän einsame Mensch souverän die FDP?
Poschardt: Nein, natürlich nicht.

STANDARD: Das Buch gibt dafür einige Anhaltspunkte.
Poschardt: Dann schreibt sich da vielleicht ein Teil meiner Person ein. Aber wenn Sie meine Texte verfolgen, werden Sie feststellen, dass ich von der FDP genauso weit entfernt bin wie von dem rot-grünen Milieu, dem ich mich früher nahe gefühlt habe. Wer über Freiheit oder gar, was in Österreich ja einen ganz anderen Klang hat, Freiheitlichkeit schreibt, bekommt automatisch das Label FDP. Das ist absurd. Das verdanke ich zum Teil meiner politischen Publizistik.

STANDARD: Sie leben in Berlin - gehört das Buch aber nicht eher nach München oder Düsseldorf?
Poschardt: Nein, es gehört in jede Stadt. Dörfliche Idylle wäre als Hintergrund nicht so gut möglich, weil es doch um die Möglichkeiten der Wahl geht, die man als Single hat. Ich bin selbst aus der Enge der fränkischen Provinz nach dem dem Abitur zum Zivildienst nach Hamburg geflohen. Alles entwickelt sich in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft, in der spezifische Bedürfnisse auch von Einsamen ernst genommen und erfüllt werden können. Ein weiterer Grundgedanke des Buches: Mitunter muss die Einsamkeit auch verteidigt werden gegen die Hegemonialmächte der Familie. Ich komme aus einer großartigen, engen Familie, die manchmal wie eine Wagenburg funktioniert. Da muss man sich Freiraum schaffen. In der großen Liebe beschützt einer die Einsamkeit des anderen. Damit sind wir wieder bei Rilke.

STANDARD: Können Sie sich eine Neuauf- lage mit 60 vorstellen, auch für den Fall, dass Sie bis dahin keine Familie haben?
Poschardt: Wenn ich sechzig bin und kein Kind, keine Familie habe (ich hoffe, dass es nicht so ist), dann werde ich das Buch aktualisieren. (DER STANDARD Printausgabe 1/2.4.2006)

Zur Person

Ulf Poschardt, Jahrgang 1967, ist promovierter Philosoph. Er hat das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" geleitet. Er ist Spezialist für zeitgeistige Themen wie DJs, Sportwagen und Coolsein (u. a. drei seiner Bücher) und hat in seinem neuen Buch "Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls" (Piper Verlag) das Alleinsein entdeckt. Er lebt als Buchautor und Medien-berater in Berlin.

Zum Autor

Bert Rebhandl schreibt regel- mäßig für den STANDARD und die FAZ. Er lebt als freier Autor in Berlin. Von ihm erschien zuletzt Orson Welles. Genie im Labyrinth im Zsolnay Verlag.

Share if you care