Entdeckung eines Lebensgefühls: Allein und bittersüß

Über Singles, verheiratete Frauen und den Ruf der Einsamkeit - STANDARD-Interview mit Ulf Poschardt dem Spezialisten für Zeitgeistiges

"Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls" heißt das neue Buch von Ulf Poschardt, Journalist, Philosoph und Spezialist für Zeitgeistiges. Bert Rebhandl sprach mit ihm über Singles, verheiratete Frauen und den Ruf der Einsamkeit.

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STANDARD: Herr Poschardt, Sie haben ein Buch über "souveräne" Einsamkeit geschrieben und gerieten damit mitten in die deutsche Gebärdebatte.
Ulf Poschardt: Mich ärgert in der Debatte, dass demjenigen, der kein Kind hat, immer wieder unterstellt wird, er habe etwas gegen Kinder. Ich hatte eben Geburtstag, und einige Freunde schließen schon aus meiner Wohnung, dass da keine Kinder hineinpassen: Ulf, bei dir zu Hause ist immer alles so clean und minimalistisch. Die Kinder hat das beim Toben nicht gestört. Da ist ein Druck entstanden, eine moralische Hoheit derjenigen, die schon ein Kind haben. Für mich ist Einsamsein einfach eine Wahlmöglichkeit. Ich verstehe mich da als einen liberalen Menschen, das heißt, dass ich weder unter dem Sozialen leide noch unter der Einsamkeit.

STANDARD: Ihr Buch könnte auch als klassischer Single-Aufmunterer durchgehen. Sie haben dabei einen Begriff, den viele Menschen eher negativ verstehen, positiv besetzt.
Poschardt: Ich finde, Einsamkeit ist wie eine bittersüße Schokolade. Insbesondere im deutschsprachigen Kulturraum hat sie ja beides, die Schönheit und das Schwermütige. Es gibt gerade eine große Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie über Melancholie. Da kann man gut sehen, wie Einsamkeit sowohl genossen wie erlitten wird. In Deutschland ist davon wie so oft nur das Leid übrig geblieben - mit einer fatalen Folge: In der Bewertung der Einsamkeit ist ein Sozialdruck auf Einsame entstanden. Freundeskreis und Familie sind Statussymbole geworden. Mein Aufruf ist, damit souverän umzugehen. Ich schreibe das nicht aus Angst vor Einsamkeit.

STANDARD: Für die "souveräne" Einsamkeit kann man sich nicht qualifizieren, nicht durch Psychotherapie, nicht durch Lektüre, nicht durch Reisen. Trotzdem scheint es leichter zu sein, wenn man nicht arm ist. Ein Elitephänomen?
Poschardt: Jeder schreibt immer aus der Welt, die ihm vertraut ist. Das sind Beschränkungen, aber es gibt keinen Klassenstandpunkt in meinem Buch. Natürlich gibt es viele Menschen, auf deren Problempyramide ganz andere Sachen zuerst kommen. Wer am meisten unter Einsamkeit leidet, sind laut Untersuchungen verheiratete Frauen. Sie können häufig nicht sagen, dass sie einsam sind, weil sie damit die Ehe gefährden würden. Sind diese Frauen dann auch noch reich, dann fehlt den meisten das Verständnis. Es herrscht der Aberglaube, dass Reichtum gegen Unglück schützt - bei allen, die nicht den Cartier-Ring und den Porsche-Schlüssel haben. Man ist von anderen Menschen aber grundsätzlich getrennt, unabhängig vom Kontostand.

STANDARD: Ihr Buch endet mit einem Bekenntnis zur großen Liebe - "das süßeste Geheimnis unserer Existenz". Das wusste der bürgerliche Roman schon einmal besser - dort geht es um die Ökonomie und die Zeit der Liebe.
Poschardt: Sie können es ruhig schärfer sagen. Aber die Modernität des Buches hat zu tun mit den Umwegen, die möglicherweise an ein ähnliches Ziel führen. Die Möglichkeiten des Singlelebens haben sich schon sehr verschoben - was die sexuellen Freiheiten betrifft, als auch was die Durchlässigkeit der Gesellschaft anlangt. Kontrapunktisch fliehen die Leute davor. Sie suchen die Versicherung durch andere, weil sie sich die Fragen über sich selbst gar nicht stellen wollen. Meine Obsession ist eine Fernsehserie wie Sex and the City, meiner Meinung nach eine Übersetzung des bürgerlichen Romans in die Gegenwart. Ich finde das faszinierend erzählt: die Geschichte eines Menschen, der viele Freunde hat, aber auch viele Formen entwickelt, mit Einsamkeit umzugehen. Ich habe dafür neulich eine, wie ich glaube, ganz hübsche Formulierung gefunden: Die Serie ist eine negative Theorie der Familie. Familie ist doch der unwahrscheinlichste, aber zugleich erstrebenswerteste Fall in der Selbstverwirklichung, in der viele sich verrennen wie in einem dunklen Wald. Diese Umwege sind heutzutage noch viel weiträumiger als im bürgerlichen Roman.

STANDARD: Mit Blick auf einen gegenwärtigen bevölkerungspolitischen Bestseller könnte man sagen: Sie versuchen, aus einem Minimum das Maximum herauszuholen. Sie machen keine biologistischen Vorschläge, sondern schreiben über soziale Strategien. Warum dann doch dieser Ratgeber-Appeal?

Poschardt: Ich wollte einmal den Versuch machen. Ich saß letzte Woche beim WDR bei Daheim und unterwegs, einer Nachmittags- sendung, und da gab es ganz unglaublichen Zuspruch. Es ist ein Versuch, für alle verständlich so ein Thema aufzuschreiben. Ich habe früher einmal in Cool die kulturhistorische Bedeutung der entsprechenden Persona und der Heroisierung des Einzelnen erforscht. Jetzt ist das ein ganz anderes Sprachspiel, das einmal so locker herauszuerzählen.

STANDARD:Wählt der souverän einsame Mensch souverän die FDP?
Poschardt: Nein, natürlich nicht.

STANDARD: Das Buch gibt dafür einige Anhaltspunkte.
Poschardt: Dann schreibt sich da vielleicht ein Teil meiner Person ein. Aber wenn Sie meine Texte verfolgen, werden Sie feststellen, dass ich von der FDP genauso weit entfernt bin wie von dem rot-grünen Milieu, dem ich mich früher nahe gefühlt habe. Wer über Freiheit oder gar, was in Österreich ja einen ganz anderen Klang hat, Freiheitlichkeit schreibt, bekommt automatisch das Label FDP. Das ist absurd. Das verdanke ich zum Teil meiner politischen Publizistik.

STANDARD: Sie leben in Berlin - gehört das Buch aber nicht eher nach München oder Düsseldorf?
Poschardt: Nein, es gehört in jede Stadt. Dörfliche Idylle wäre als Hintergrund nicht so gut möglich, weil es doch um die Möglichkeiten der Wahl geht, die man als Single hat. Ich bin selbst aus der Enge der fränkischen Provinz nach dem dem Abitur zum Zivildienst nach Hamburg geflohen. Alles entwickelt sich in Richtung einer Dienstleistungsgesellschaft, in der spezifische Bedürfnisse auch von Einsamen ernst genommen und erfüllt werden können. Ein weiterer Grundgedanke des Buches: Mitunter muss die Einsamkeit auch verteidigt werden gegen die Hegemonialmächte der Familie. Ich komme aus einer großartigen, engen Familie, die manchmal wie eine Wagenburg funktioniert. Da muss man sich Freiraum schaffen. In der großen Liebe beschützt einer die Einsamkeit des anderen. Damit sind wir wieder bei Rilke.

STANDARD: Können Sie sich eine Neuauf- lage mit 60 vorstellen, auch für den Fall, dass Sie bis dahin keine Familie haben?
Poschardt: Wenn ich sechzig bin und kein Kind, keine Familie habe (ich hoffe, dass es nicht so ist), dann werde ich das Buch aktualisieren. (DER STANDARD Printausgabe 1/2.4.2006)

Zur Person

Ulf Poschardt, Jahrgang 1967, ist promovierter Philosoph. Er hat das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" geleitet. Er ist Spezialist für zeitgeistige Themen wie DJs, Sportwagen und Coolsein (u. a. drei seiner Bücher) und hat in seinem neuen Buch "Einsamkeit. Die Entdeckung eines Lebensgefühls" (Piper Verlag) das Alleinsein entdeckt. Er lebt als Buchautor und Medien-berater in Berlin.

Zum Autor

Bert Rebhandl schreibt regel- mäßig für den STANDARD und die FAZ. Er lebt als freier Autor in Berlin. Von ihm erschien zuletzt Orson Welles. Genie im Labyrinth im Zsolnay Verlag.

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Einsamkeit als Lebensgefuehl??

Also zwischen "alleine sein" und "einsam sein" liegen aber dann doch Welten. Nur weil man sich gegen Familie und Kinder entscheidet muss man noch lange nicht einsam sein, oder? Einsamkeit entspringt im inneren eines Menschen und hat sehr wenig mit seinem sozialen Umfeld zu tun.
Einfaches Beispiel: ICH.
Lebe in China, kann meinen Bekanntenkreis an wenigen Haenden abzaehlen und um die Menschen zu zaehlen die mir hier nahe stehen reicht eine "Tischlerhand". Bin ich deswegen einsam? Ich bin hier recht alleine, doch von EINSAM weit entfernt. Manche Menschen geniessen es einfach Inseln zu sein - aber das hat mit Einsamkeit (um es nochmals zu sagen) nichts zu tun.

Sprachliches Problem?

Im Englischen gibt's dafür ja die zwei Begriffe "Solitude" und "Loneliness", die m.E. den Unterschied zwischen "alleine sein" und "einsam sein" sehr gut ausdrücken

toll. geil. boah.

echt reife leistung, sich auf die einsame insel zurückzuziehen und das auch noch als lebensgefühl zu verkaufen.

passt aber echt zum zeitgeist.

Der Begriff "Einsamkeit" wird hier m.E. falsch angewendet.

EINSAM ist für mich jemand, der keine Freunde hat, keine Arbeitskollegen, keine Kunden, .... Also insgesamt: Jemand, der sich nicht EINBRINGT, der nicht "gibt" und somit nicht "bekommt". Das kann alles ein: Arbeit, Freundschaft, Nächstenliebe, Kunst, einfach nur ein freundliches Lächeln, etc ...

Jemand, der stirbt, und niemand spricht über ihn, niemand steht an seinem Grab - der war einsam.

Und noch was: Eine Beziehung hat nicht nur den Zweck, "die Einsamkeit zu vernichten", sondern etwas zu machen, was alleine enteder gar nicht oder nicht so gut gelingen kann.

Was heißt "Entdeckung" eines Lebensgefühls?

Wir kommen allein auf die Welt und gehen allein von dieser Welt. Dazwischen versuchen wir uns der Illusion hinzugeben, verwandte Seelen gefunden zu haben, was aber praktisch kaum passiert – daher das ständige Einsamkeitsgefühl. Diesem versuchen wir durch intensives gesellschaftliches Auftreten zu entgehen. Man ist ja sooo beliebt und hat ja sooo viele Freunde. Das ganze ist aber nur ein erbitterter Konkurrenzkampf. Machen wir uns nichts vor: die Menschen sind genauso wie die Tiere hormongesteuert, alles dreht sich letztendlich um die Fortpflanzung der Art. Leider ist unser Hirn so weit entwickelt, dass wir glauben, dass doch noch etwas anderes dahinter stecken müsste. Dass wir diese Illusion nicht einholen können, läßt uns einsam fühlen.

Wenn man sich umschaut, hat man eher das Gefühl, dass die Leute alles Mögliche wollen, aber fortpflanzen wollen sie sich nicht.
Insgesamt finde ich deine Sicht weniger realistisch als pessimistisch.

Sich einsam fühlen und Einsamkeit als Lebensgefühl - da liegen aber schon noch Welten dazwischen, odrr?

Ja, das stimmt - und die "Einsamkeit der verheirateten Frauen" ist uebrigens a Stuss (wollte ich schon lang einmal festgehalten haben...)

Ich hab da keine Erfahrung, aber ich glaub auch nicht, dass sie mit der Einsamkeit des Singles vergleichbar ist.

...zumindest meiner Erfahrung nach

Ja, das sind 2 Paar Schuach. Das eine subjektiv (weiches, anschmiegsames Leder, handgenaeht, biegsame Sohle, atmungsaktiv), das andere objektiv (beankerte, harte Bergschuhe, kaum so gut auszuhatschen, dass sie jemals bequem werden, nur die Fiass wer'n stinkert mit der Zeit).

Das war...

...aber ohnehin von vorneherein klar.
Nichtsdestotrotz würde ich gerne die Fortpflanzung nicht als mein einziges Lebensziel haben wollen.

Als Lebensziel vielleicht nicht. Aber bis ich dieses gefunden habe, lässt sich damit aber ganz prächtig die Zeit vertreiben! ;)

Freiheit ist kein Freibrief...

...es geht um die persöhnlichen Grenzen und die Freiheit und Möglichkeit diese auch wahrnehmen zu können - dann relativiert sich die Frage dieses Artikels auf wunderliche Weise:

http://www.amazon.de/exec/obid... 40-4910668

Freud hätte seine helle Freude gehabt :-)

Können Sie das, was Sie sagen wollen, irgendwie eingrenzen?

"Dass wir diese Illusion nicht einholen können, läßt uns einsam fühlen"

hach ......

aber ansonsten schön gesagt und gut beschrieben ;o)

Einsamkeit als Lebensgefühl ... überzeugt mich nicht ...

... ich habe nur sehr wenig Menschen kennengelernt, die als Single dauerhaft glücklich sind.

Viele reden sich das selbst ein, indem sie es anderen gegenüber betont argumentieren. Ich glaube da herrscht einfach die Angst vor, (schon wieder) verletzt zu werden.

Wer sich auf nichts einlässt, dem kann auch nix passieren ...

hams e net unrecht.

viele beziehungen sind aber auch eine flucht vor der einsamkeit. es herrscht oft die angst vor, (schon wieder) einsam zu sein.

gibts auch. das leben ist vielfältig.

Zustimmung

Die Einsamkeitsflucht gibz vor allem im Herbst während der letzten sonnigen und der ersten dunklen Tage. Einsame Herzen sind da besonders kompromissfreudig, oder ein bissl volksnaher: "Wenns draußen kalt ist, kriecht jeder (Depp) gern ins Warme (...)."

Einsamkeit ist wohl dann negativ besetzt, wenn der Zustand als nicht positiv bewertet wird. Ich les gern ein Buch, oder mach Sport allein, andere treiben Sport lieber in Gruppen und wären allein dabei einsam. Ohne Einsamkeit als Rückzugsmöglichkeit wäre wohl wenig Philosophisches oder Literatur und andere Kunstformen entstanden.

Es bleibt was es ist: jede/r macht mit der Verpackungshülle Einsamkeit was er oder sie will und Einsamkeit verharrt geduldig...

Bittersüß hat schon seinen Reiz,...

... wie Bitterschokolade aus Edelkakao, je nach Befinden zwischen 55 und 95 %.

Ich kann es mir gar nicht anders vorstellen, ich liebe die Freiheit über alles und bin so sicher eine Sackgasse der Evolution - wen kümmert dies...

Aber gelegentlich bedarf es eben immer noch der Zähne und Klauen, um wohlmeinende Bevormundung abzuwehren.

Dr. Heinz Anderle

Man muss das dauerhafte Alleinsein

erlebt haben um wirklich mitreden zu können.

Man muss das Reden verlernen

um das dauerhafte Alleinsein wirklich zu kennen.

Wahrscheinlich gibt es demnächst auch Tabletten gegen Einsamkeit ...

Ist es nicht so, dass viele Menschen mit sich allein einfach nichts anzufangen wissen?

gibt es jetzt schon zuhauf. Denken Sie bitte an die Benzodiazepine (Diazepam[Valium], Alprazolam[Xanax,Xanor] und unter Umständen noch an Antidepressiva. Solche Medikamente gibt es schon lange.

Auch Alkohol wenden viele gegen Einsamkeit an. ABer auch übermäßigen Nahrungsmittelkonsum, Frauen vor allem Süßes.

Man kann Einsamkeit durch vieles "verdrängen" bzw. kompensieren, zB Hineinsteigern in ARbeit, Fernsehsucht, Computersucht"

Die Medikamente nützen da gar nichts, die sind ja für andere (psychsiche) Krankheiten gedacht gewesen. Sie können einen wieder "aufmöbeln", aber das Problem lösen sie nicht.
Ich denke, dass in unserer Gesellschaft auch von der Heirat ein eher naives Bild herrscht, denn nichts ist schwieriger, eine gute Ehe lebenslang zu führen.

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